Malen oder lieben

Madeleine und William - ein in die Jahre gekommenes Ehepaar - erleben durch den Umzug in die französische Provinz und die Bekanntschaft mit einem experimentierfreudigen Pärchen ihren zweiten Frühling.

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William und Madeleine sind in ihren Fünfzigern und seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet, als durch das Ende ihrer beruflichen Karrieren und den Auszug der gemeinsamen Tochter ein völlig neuer Lebensabschnitt für sie beginnt. Mussten sich die beiden über die letzten zwanzig Jahre vor allem auf ihre Rolle als Eltern konzentrieren, sehen sie sich nun plötzlich mit einem Übermaß an Freizeit konfrontiert. Alles scheint sich zu ändern, als Hobbymalerin Madeleine bei einer ihrer Studien in freier Natur dem blinden Adam begegnet, der sie sofort mit seinem Charme betört und sie zu einem leer stehenden Bauernhaus führt. Ganz beflügelt von diesem Erlebnis, gelingt es Madeleine, auch William für das Haus zu begeistern und es sogar zu kaufen. Noch ahnen die beiden nicht, dass ihnen der Umzug von der Stadt in die Provinz eine völlig neue Welt öffnen wird.

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Nach ihrem gemeinsamen Debüt Un homme, un vrai (2003) nimmt sich das Bruderpaar Arnaud und Jean-Marie Larrieu mit Malen oder lieben (Peindre ou faire l’amour) erneut einer Liebeskomödie an, wobei die Betonung diesmal mehr auf den sinnlichen Aspekten der Geschichte liegt. Schon das erste Treffen der frisch Eingezogenen mit Adam und seiner sehr viel jüngeren Frau Eva ist von erotischen Spannungen durchsetzt. Dabei sprechen die Larrieus dem blinden Adam nicht nur seherische Fähigkeiten zu, wie sie etwa die Teiresias-Figur in der griechischen Tragödie besitzt, sie statten ihn auch mit der Begabung aus, dem verklemmten Pärchen die Augen für Unbekanntes zu öffnen. Ein unerwarteter Partnertausch nach einem gemeinsamen Abendessen erschüttert Madeleine und William zwar zunächst in ihren bürgerlichen Moralvorstellungen, lässt sie jedoch schon bald Gefallen an der Neuerweckung ihrer Lust finden.

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Die Entwicklung des Pärchens wird neben den unterschiedlichen Freundeskreisen vor allem an dem Gegensatz zwischen Stadt und Land verdeutlicht. Dabei wird das durch die vor Sinnlichkeit nur so sprühenden Adam und Eva verkörperte Neue und Aufregende der Routine mit gleich gesinnten Freunden vorgezogen. Das Klischee von der Wildheit der Natur und der Verkrampftheit der Großstadt lässt sich bei dieser Gegenüberstellung nicht vermeiden.

Hätte der Film von der Handlung her eine ziemlich durchschnittliche Komödie werden können, besticht er vor allem mit seiner für dieses Genre eher ungewöhnlichen formellen Sprache. Stark unterbelichtete Bilder oder der dominante Einsatz langer und totaler Einstellungen sorgen dafür, dass der Zuschauer nicht wie gewohnt in das Geschehen mit einbezogen wird. Dass der Film trotz dieser distanzierten Bildsprache nicht an Lebendigkeit und Witz verliert, liegt neben der unbeschwerten Erzählweise der Larrieus vor allem an den beiden ausdrucksstarken Hauptdarstellern Sabine Azema und Daniel Auteil. Durch sie macht es streckenweise richtig Spaß, zu beobachten, wie ein bürgerliches Pärchen nach langer Zeit als verantwortungsvolle Eltern erst wieder lernen muss, sich ganz egoistisch auf das eigene Begehren zu konzentrieren.

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Trotz der scheinbar sperrigen formalen Sprache gibt es auch immer wieder Szenen, die dem Zuschauer das neue Lebensgefühl seiner Protagonisten direkt vermitteln sollen. Eine Nachtwanderung, bei der Adam die beiden neuen Freunde durch den stockdunklen Wald führt, inszenieren die Larrieus mit einer über mehrere Minuten schwarzen Leinwand. Der Zuschauer muss sich genau wie William und Madeleine am Bachrauschen, Grillenzirpen oder anderen akustischen Signalen der Natur orientieren. Neben dieser gesteigerten Wahrnehmung natürlicher Geräusche kommt auch der Musik eine entscheidende Bedeutung zu, und statt bloße Untermalung zu sein, ist sie stets eng verbunden mit der Erzählung. Immer wieder schwenkt die Kamera langsam über das morgendliche Panorama der Alpen, während Chansons von Sängern wie Jacques Brel die Handlung kommentieren. Andere Lieder dienen dagegen als historisches Dokument der ersten Begegnung oder im Falle von Liquid Liquids minimalistischen Steel-Pan-Rhythmen als Abgrenzung zwischen unbeschwerter Jugend und spießigem Elterndasein.

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Leider gelingt es den Larrieus nicht, den Ideenreichtum ihrer Inszenierung bis zum Schluss durchzuziehen. So verbleiben sie am Ende bei der mehrfachen Wiederholung der Botschaft, dass man die Verwirklichung verborgener sexueller Wünsche selbst in Angriff nehmen sollte. Die Geschichte eines Ausbruchs aus festgefahrenen Mustern bleibt dadurch immerhin ein optimistischer Beweis, dass Sexualität und Sinnlichkeit auch im höheren Alter noch möglich sind. Und das, obwohl Sex fast den gesamten Film über nicht explizit gezeigt wird.

 

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Kommentare


Eike

Leider kommt dieser Film zwar am 15.6. in die Kinos, wird aber scheinbar nur in sehr ausgewählten Städten und dann auch nur an einem Tag (!) gezeigt. In Leipzig sogar schon am 12.6. ! Sehr sonderbar. Bei dem Vorschusslorbeer ist mir das nicht verständlich. Würde mir den Film ja sehr gern in Chemnitz, notfalls auch Dresden ansehen- aber daraus wird anscheinend nichts - schade.






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