Die Frau im Mond

In Nicole Garcias Melodram leidet eine Frau gewaltig an der Liebe und an ihren Nerven – und sollte vielleicht einfach mal stoßlüften.

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Mal de pierres löst jede Erwartung an einen Film, der wie eine Krankheit heißt, ein. Der französische Originaltitel bezeichnet eine Nervenerkrankung, die sich mal in Bauchkrämpfen, mal in aggressivem Verhalten äußert, und Gabrielle (Marion Cotillard) leidet an ihr. Bei einer Gartenfeier schubst sie brüskiert ihren Lehrer über den gedeckten Tisch, weil dieser ihr erotisches Interesse nicht teilen will. Zu Hause löffelt sie eingeschnappt ihre Suppe im Stehen, während die Familie nebenan am Tisch schon sichtlich gerädert vor sich hin diniert. Die Mutter hält es mit der anstrengend kranken Tochter nicht mehr aus und fädelt rasch eine Hochzeit ein. Ab sofort soll sich der Spanier José (Alex Brendemühl) um die Nervenschwache kümmern – und das tut er auch sehr anständig, obwohl ihn diese kaum mit Liebe entschädigt. Schon nach wenigen Minuten möchte man dem Personal dieses Films empfehlen, einmal die Vorhänge aufzuziehen. Möglicherweise würde sich die Welt dann gar nicht mehr so finster und staubig geben – immerhin wird draußen gerade der Lavendel geerntet.

Es leidet sich am besten am Klavier

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Hintergrund dieser Erzählung um eine Frau, die schon in jungen Jahren nur ernüchternde Erfahrungen mit der Liebe machte – und die in ihrer bitteren Verstoßenheit darauf zurückgeworfen ist, allein das Handgeschriebene des Begehrten ablecken zu können – sind der Indochinakrieg, die Franco-Diktatur, die Nachkriegswehen in Frankreich. Und weil dies alles offensichtlich nicht unheilvoll genug insistiert, wird dieser Film auch noch in einer gigantisch ausholenden, ihren tragischen Fatalismus ein für allemal begründenden Rückblende erzählt. Das Titanic-Prinzip: Je katastrophischer das Umfeld ist, in dem sich die Liebe am Leben halten muss, desto totaler ist sie. Geliebt wird schließlich, und das endlich auch mit erfolgsversprechender Erwiderung, der junge Leutnant André, den man kriegsgebeutelt in dasselbe Sanatorium in den Schweizer Alpen einwies, in dem auch Gabrielle auf Heilung wartet. Louis Garrel spielt diesen schicksalhaft seiner Adrettheit beraubten Mann mit einer derart unerträglichen Wehleidigkeit, dass es einen schon fast nicht mehr vor den Kopf stoßen kann, wenn er sich an einer Stelle im Film an den Flügel schleppt, um dort Tschaikowskis Barcarolle aus den Fingern zu leiden.

Liebe und Kopfschmerzen

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Ausgestattet mit dieser Sentimentalität, die auch noch die Violine beim ganz besonders einfühlsamen Beischlaf der Indisponierten in die allerhöchste Saitenlage zwingt, schleift sich dieser Film immerhin mit der gleichen qualvollen Schwerfälligkeit durch sein Geschehen, mit der man eben auch durch ein Sanatorium schlurft. Fiebrig ist an dieser Bewegung aber nichts, eher noch ähnelt sie der Apathie einer Migräne. Nicole Garcia süchtelt mit From the Land of the Moon derart nach dem tragischen Debakel, dass sie darüber vergisst, die Matrix der Sentimentalität nicht nur auszubuddeln, sondern auch zu bedienen. Das Leiden regiert die Gesichter und die Blicke mit absolutistischer Härte. Einmal wird Gabrielle aufgefordert, fürs Foto zu lächeln – ein Lächeln, das bitterer nicht bestraft werden könnte. In den siebzehn Jahren, die Gabrielle in diesem Film altert, in denen sie mit José auch einen Sohn auf die Welt bringen wird (dessen jugendliche Lebensaufgabe es sein wird, die Barcarolle auf dem Klavier zu büffeln, sie mit sauberem Seitenscheitel bei einem Jugendwettbewerb aufzuführen und dann nur den zweiten Platz zu machen), gewinnt die Liebe bestenfalls die Heilkraft einer Aspirin. Und überhaupt: Was ist fader als die Liebe für den persönlichen Genesungszweck?

Hypochonderkino

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Bei einem Arztgespräch schießt Gabrielle einer ihrer Krämpfe in den Körper. Man wisse nie genau, ob sie tatsächlich Schmerzen habe oder doch nur simuliere, sagt die Mutter und ignoriert geschult das leidvolle Winden der Tochter. Die Unentscheidbarkeit dieser Frage wäre From the Land of the Moon zu wünschen, denn genau das ist dieser Film im Grunde: das Simulieren jener Krankheit, nach der er sich benennt, eine zweistündige Selbststimulation – erst so kommt man ja zur Sentimentalität. Hypochonderkino. Der Raum brauche etwas frische Luft, jammert André in seinem Krankenbett. Gabrielle aber lässt das Fenster geschlossen, streichelt stattdessen behutsam über den Arm des Geliebten. Vielleicht lässt einen dieser Film deshalb so entnervt zurück, weil man ununterbrochen sagen möchte: Leute, lasst die Finger von Tschaikowski, macht das Fenster auf, dann ist gleich alles halb so schlimm.

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Kommentare


Wolfgang Kraus

Trifft es ziemlich genau! Ich habe genau so gelitten.. Keinesfalls preiswürdig - ganz abgesehen davon, dass er auch nicht sehenswert ist.






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