Maidan – Kritik

Sergej Loznitsa klärt die Verhältnisse auf dem Kiewer Maidan in dem Augenblick, in dem sie eskalieren.

Maidan 02

Dann, plötzlich, erwacht die Kamera aus ihrer Erstarrung. Eben noch hat sie stoisch zugeschaut, wie Tränengasgranaten zwischen den Euromaidan-Demonstranten explodiert sind, wie Menschengruppen osmotisch zwischen Rückzug und Vordringen wechselten. Dann reißt ein Schrei durch das wütende Aufstandsbrausen: „Sie schießen auf Journalisten!“ Also steht doch ein Mensch hinter der Kamera, der sie mitsamt Stativ fortreißt aus der Gefahrenzone, näher hin zur Frontlinie, wo nur ein ausgebrannter Bus die steinewerfenden Protestler von den hinter Schildern verbarrikadierten Polizeieinheiten trennt. Dort kommt das Bild augenblicklich wieder zur Ruhe, wird ein, zwei Male noch von umherhastenden Körpern gerüttelt, und zeigt ab dann ohne weitere Erschütterung das sich wirr verwickelnde Geschehen. Ein Mann hustet in Krämpfen, ein anderer klettert am Buswrack empor, Steine fliegen in eine, Granaten in die andere Richtung, die Situation hat sich verfahren, die Kamera schaut zu.

Zwischen Steinewerfern und Analysten

Sergei Loznitsas Maidan hält sich auf Distanz. Die Dokumentation der Maidan-Proteste – den Geburtswehen der bis dato noch vor sich hin köchelnden Ukraine-Krise – ist zugleich ein Dokument der filmischen Möglichkeit, durch Abstandhalten einen bestimmten Sinn in wirkliche Ereignisse zu schreiben. Wo die Kamera gegenüber einem sich vor ihrem Objektiv entwickelnden Geschehen steht, ob, wann und wie sie sich bewegt: All diese Parameter definieren ein ganz bestimmtes Verhältnis des Bildes zum Ereignis, legen fest, unter welchen Gesichtspunkten es wahrgenommen werden soll. Verhältnisse, schreibt Günther Anders, sind „weder das nächste noch das fernste“. Keine nur theoretisch fassbaren Beziehungen, aber auch keine unmittelbaren Kontakte. Von einer dergestalt mittleren Distanz ist die Haltung Loznitsas zu den Unruhen in seinem Geburtsland gezeichnet. Er verirrt sich nicht in politisch-historischen Abzweigungen, sondern bleibt vor Ort. Aber er schmeißt sich auch nicht, wie die um reißerische Bilder und Tagesaktualität bemühten Nachrichtenmedien, mitten hinein in die Geschehnisse. Das heißt: nur manchmal.

„Unser Platz ist zwischen den Raufbolden und den Astronomen“, so heißt es bei Anders weiter. Der Blick auf die Verhältnisse fordert zu gleichen Teilen Einmischung (weil es einem nicht egal sein kann, wenn etwas wichtiges oder schlimmes passiert) und Zurückhaltung (weil zu große Nähe meist alles verzerrt). Maidan übersetzt diesen doppelten Anspruch in eine über 130 Minuten fast niemals variierte Kamerahaltung, auf halbem Weg zwischen Steinewerfern und Analysten. Jede Aufnahme hier ist eine Totale, es gibt keine Großaufnahmen, und so gut wie jedes Bild ist unbewegt; keine Schwenks, keine Fahrten. Das ist die objektive Seite der Bilder. Zugleich aber bleibt die Kamera nahezu immer auf Augenhöhe, und nie wechselt sie von der Seite der Protestierenden auf die der Polizei oder der neutralen Gaffer. Das ist ihre subjektive Seite.

Menge statt Masse

Was ist die Folge? Die Festigkeit der Bilder (Wer käme auf die Idee, für die Revolution ein Stativ einzupacken?) verortet diese standhaft auf Seiten der Pro-Europa-Bewegung. Die Menschen am Maidan sind ihre Genossen. Die distanzierte Positionierung wiederum lässt das Relief einer Akteursgröße hervortreten, die für Loznitsa wohl die wahre handelnde Macht der Proteste ist: die Menge. Immer wieder schneidet der Kader Gruppen aus den Zehntausenden heraus, bei denen man Gesichter noch erkennen, einzelne Bewegungen verfolgen kann. Es sind keine Massen. Dieses Wort, in all seiner historischen Beladenheit, schmeckt ohnehin zu sehr nach Herdentrieb und Kopflosigkeit. Nein, es sind Versammlungen von Menschen an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten, die im Ausführen bestimmter Tätigkeiten das Revolutionsganze hervorbringen.

Wie man eine Institution aufbaut, wie man sie zerlegt

Maidan 01

So hält sich Loznitsa lange Zeit bei den schnell emporgeschossenen Institutionen der Aufstandsbewegung auf: in den gemeinschaftlich organisierten Küchen, die Brote für alle schmieren; bei den Steineklopfern, die Material für die Fronten liefern; nahe der Krankenstationen, die Hilfsmittel an Verwundete verteilen. Auch später, wenn sich die Kamera an die Front vorgepirscht hat, konzentriert sie sich auf einzelne Gefechtsorte, an deren Topografie und Architektur sich die Kämpfenden ausrichten. Der schon früh vernehmbare Ruf, dass Frauen von den Barrikaden zurücktreten sollen, schmeckt vielleicht paternalistisch, aber er fügt sich ein ins Bild einer im Laufe der Kämpfe immer stärker professionalisierten, auf verschiedene Funktionsgruppen verteilten Struktur. So scheint die Maidan-Bewegung ihr vordringlichstes Ziel – den Sturz des unmöglich gewordenen Präsidenten Janukowitsch – vor allem deshalb erreicht zu haben, weil sie einen ungelenkten, emotionalisierten Massenprotest in eine funktionierende Interims-Institution mit spezialisierten Gruppen transformieren konnte.

Für Maidan schöpft Loznitsa aus seinen Erfahrungen im dokumentarischen wie im fiktiven Bereich. Wie in Blockade (2006), seiner Found-Footage-Aufarbeitung der Belagerung von St. Petersburg, nimmt er die große Gesamtsituation auseinander, um sie über diskrete Detailbeoachtungen neu zusammenzusetzen. Die formale Strenge und Nüchternheit wiederum gemahnt an seine beiden Spielfilme, vor allem Im Nebel (2011). Auch die sich mit der Eskalation der Gefechte immer wieder über die Bilder ergießenden Wolken aus Rauch, Gas und Dampf, die klare Linien verundeutlichen, leichtes Erkennen verunmöglichen, erinnern an seinen letzten Cannes-Beitrag.

Letzte Unklarheiten

Eine gewisse, aber keinesfalls unangebrachte Ambivalenz bleibt denn auch am Ende des Films haften. Zwar macht die an den wirklichen Ereignissen orientierte Dramaturgie, die mit einer langen Mahnwache für die gefallenen Protestler schließt, ihre Sympathie mit der Bewegung unmissverständlich klar. Aber es gibt auch eine Szene, in der ein Polizist – wahrscheinlich von einer Kugel – verletzt wird, und schließlich wird einer der Maidan-Märtyrer stolz als Mitglied der ukrainisch-nationalistischen Svoboda-Partei präsentiert. So schreiben sich die Unklarheiten der weiterhin prekären Lage am Schwarzmeer in Loznitsas Momentaufnahme ein. Der Triumph auf dem Maidan könnte nur ein Pyrrhussieg gewesen sein.

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