Magic Mike

„Fick den Spiegel, bis er kommt!“ Steven Soderbergh über die Macht des männlichen Körpers.

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Dass Körper und Kapital in der westlichen Unterhaltungskultur eine enge Verbindung eingehen, ist weithin bekannt. Wo Kunden das nackte Fleisch wittern, da wird Absatz gemacht, so lautet zumindest die Formel. Physische Formvollendung soll Geld zutage fördern, sei es zum Wohle des Unternehmens, sei es um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Körper ist und war immer eines der mächtigsten Instrumente des Menschen.

Mit Magic Mike (2012) nimmt sich Steven Soderbergh nach seinen kurzweiligen Actionern Haywire (2011) und Contagion (2011) der Auswüchse der Körperkultur an und erzählt die Geschichte zweier junger Männer im Strippermilieu. Hauptdarsteller Channing Tatum selbst war es, der die Idee an den Regisseur herantrug, vor Jahren hatte er Erfahrungen in der Branche gemacht. Im Film ist es der Gelegenheitsjobber Adam (Alex Pettyfer), der über seinen Kollegen Mike (Tatum) in die reizvolle Scheinwelt der Schönen gelangt. Während Adam immer mehr Gefallen an bewundernden Blicken und Drogen findet, möchte Mike den Job an den Nagel hängen und sich selbstständig machen, vor allem, als er Adams bodenständige Schwester Brooke (Cody Horn) kennenlernt.

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Es passiert ganz klassisch. Mal kurz einspringen solle er, der unbeholfene Adam, der anfangs nur den Laufburschen spielt. Doch gleich am ersten Abend erfolgt der berüchtigte Wurf ins kalte Wasser. Plötzlich steht er auf der Bühne und ist freudigen, lüsternen und auch zweifelnden Blicken ausgesetzt. Behäbig und unsicher sind seine ersten Bewegungen, es ist, als würde er sich gerade in diesem Moment zum ersten Mal seines gestählten Körpers bewusst, erführe er erstmals die Wirkmacht seiner physischen Statur. Es dauert nicht lang; Adam steuert das Mädchen in der ersten Reihe an, und siehe da, die Erkenntnis: Mein Körper ist mächtig!

Ehe er sich’s versieht, ist er ein Bestandteil der Gruppe, die Nacht für Nacht die nur allzu bekannten Rollen des Feuerwehrmanns und des Tarzan durchspielt, eben alles, was das „Harte“ und Triebhafte des Manns versinnbildlicht und nicht zuletzt allerlei ulkige Penis-Metaphern bereithält. Variationen, die lediglich darüber hinwegtäuschen, dass es stets um das Gleiche geht: das Feiern des schönen Mannes. In Montagen fasst der Film die verschiedenen Einlagen zusammen, schnell sind die Facetten der frivolen Show bekannt.

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So findet Magic Mike gewiss seinen Weg in die Lady’s Night. Doch würde man ihm damit nicht ganz gerecht werden, und das weniger, weil Soderbergh den Versuch unternimmt, die Strukturen des Strippermilieus freizulegen, in dem der Körper zum wichtigen Wirtschaftsfaktor wird. Mike sei nur so viel wert wie das Geld, das in seinem Tanga stecke, erklärt Lokalbesitzer Dallas (Matthew McConaughey), die jungen Männer sind ihm untertan, und obwohl sie mit ihrem Körper so viel erreichen können, gehört er ihnen nicht. Soderbergh offenbart uns damit wahrlich nichts Neues, zumal er hier etwas plakativ vorgeht. Interessanter ist die Perspektive, die sein Film auf die Anordnung der Shows einnimmt.

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Die Körperkultur fördert schließlich gewisse Blickinstanzen zutage, die Soderbergh immer mitreflektiert. Magic Mike ist nicht zuletzt auch ein Film über die Rollen, die aus den Trieben dieses Angebots erstehen. Narzissten und Voyeurinnen tummeln sich in Dallas’ Club „Xquisite“, diesem verlockenden amerikanischen Sündenpfuhl. Der Ladenbesitzer ist der Inbegriff des Narzissten. Büsten und Gemälde seiner selbst zieren das Lokal und die Privatwohnung, doch auch in der Soloperformance spiegelt sich seine Egozentrik. Was er braucht, ist er selbst und die Bühne, die ihn über das Publikum erhöht. Nur ein wenig Leder dekoriert die stolze Statur. In seiner Darbietung agiert er weitaus selbstverliebter als seine ihm untergebenen Tanzmarionetten. Er schwingt die Hüften mit ausgebreiteten Armen, den Jubel empfangend. Selbstbeweihräucherung in Reinform.

Die Inszenierung der Shows erinnert durchaus an Musikvideos, doch verfällt Soderbergh keinem körperbezogenen Ästhetisierungswahn. Bei allen Szenen der Auftritte wechselt er immer auch zu den zusehenden Frauen und fängt ihre Gesichter in Nahaufnahmen ein. Schuss/Gegenschuss zwischen Körper und Blick. Der Film positioniert sich so auf keiner der beiden Seiten. Weder zelebriert er das Geschehen, noch verurteilt er es, er steht zwischen dem voyeuristischen Blick und der ekstatischen Selbstdarstellung. In Magic Mike dominiert der Sprung zwischen den Instanzen oder die Halbtotale, die die Szenerie ganzheitlich zu erfassen vermag.

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Damit gelingt es Soderbergh, seinen Film nicht dem stumpfen Schauwert oder der faden Kulturkritik zu überlassen. Er distanziert sich von festgelegten Perspektiven, beobachtet interessiert von außen das bunte Treiben und das Geschäft mit dem Körper, das dem Zuschauer trotz seiner Durchschaubarkeit so viel Vergnügen bereitet. Nacktheit funktioniert. Und das tut sie auch in diesem Film, der vordergründig unterhalten will. In den USA war Magic Mike sehr erfolgreich, die fünf nackten Oberkörper auf dem Kinoplakat werden ihr Übriges dazu geleistet haben.

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Kommentare


Danny

Was mich doch etwas überraschend gepackt hat, war die irritierende Gegenüberstellung einer überhöht stilisierten Bildlichkeit (diegetisch in den Tanzszenen, aber auch formal während einiger übertrieben in Orange getünchten Szenen wie z.B. dem Motorbootausflug) und diesem (improvisierten?!) Realismus der Dialoge außerhalb des Clubs. Ich hab erstmal kaum was verstanden, auch weil das immer wieder mehr wie ein situatives "Sprech-Stolpern" als genau festgelegte Lines wirkte. Hat für mich den amerikanischen Sprechakt, in dem immer schon zumindest ein Funke des (individuellen) "american dream" drin zu stecken scheint, sehr gut getroffen (entlarvt), und korrespondiert auf faszinierende Weise mit den Bildern.






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