Magic in the Moonlight

Magie und Liebe an der Côte d’Azur: Nach seinem gefeierten Blue Jasmine ist Woody Allen zurück im Reich der routinierten Fingerübungen. Und das ist nur gut so.

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Schon die Eingangssequenz von Magic in the Moonlight im Berlin der Zwischenkriegszeit ist eine herrlich klassische Exposition mit selbst-reflexiven Spielereien. Nachdem wir den großen Magier Wei Ling Soo auf der Bühne bewundern durften, begleiten wir ihn backstage und werden Zeuge, wie er sich sukzessive in Colin Firth verwandelt. Firth legt das Kostüm ab, entfernt die yellowface-Maskerade und kommt in seiner Rolle als zynischer Zauberer Stanley an. Der Film macht es sich fortan zur Aufgabe, diesem schnodderigen Kerl die Magierklamotten auf erzählerische Weise wieder anzuziehen, aber dazu später mehr. Erstmal bekommt Stanley Besuch von einem alten Freund und Zauberkollegen. Der erzählt ihm von einer jungen Dame, die in Südfrankreich als Medium und Wahrsagerin Furore macht – und die Stanley, Meister der Ver- wie Entzauberung, nun als Scharlatanin entblößen soll. „The plot thickens“, kommentiert Stanley trocken, den nächsten Akt ankündigend, und aus diesem Satz spricht natürlich auch ein schmunzelnder Woody Allen, der die eigenen Konstruktionen auch in seinem neuesten Film lieber ausstellt als verschleiert.

Die Verblüffung des Skeptikers

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Magic in the Moonlight kreist also zunächst um die Frage, ob die hübsche Sophie (Emma Stone) wirklich per tiefem Blick in die Augen das Leben ihres Gegenübers lesen kann, oder ob sie – und davon ist Stanley erstmal völlig überzeugt – eine Trickserin ist, der es gelingt, intime Geheimnisse über ihr vollkommen fremde Personen zu erfahren. Die erste Begegnung zwischen Medium und Skeptiker ist, wie vieles in diesem Film, so schlicht wie schön: Stanley erdenkt sich eine falsche Identität, aber Sophie riecht sofort irgendwas mit China. Ihr theatralisches Zweites-Gesicht-Gehabe ist so lächerlich, dass wir uns gleich auf Stanleys skeptische Seite schlagen, zugleich aber so bezaubernd schräg, dass wir die rätselhafte Dame sofort kennenlernen wollen.

Der Clash zwischen Rationalität und Illusion ist freilich ein wiederkehrendes Motiv im Werk von Woody Allen. Denn wenn Allen die eigenen Ängste und Neurosen, den eigenen Fatalismus in seine Protagonisten einpflanzte – ob er diese nun selbst spielte oder von anderen spielen ließ –, dann vor allem deshalb, um sie durch ein Kino zu bekämpfen, das niemals so intellektuell und hyperrealistisch daherkam wie die in ihm enthaltenen Dialoge. Die Selbstbezüglichkeit ist stets mehr als nur narzisstische Predigt eines New Yorker Intellektuellen, weil dessen Neurosen durch die Filme nicht verdoppelt werden, sondern kommentiert, verlacht, aufgehoben. Während der Allen’sche Gestus des Zweifelns auf Protagonisten-Ebene meist zu einem lamentierenden Ver-Zweifeln an den Logiken der Realität (Sterblichkeit, andere Menschen, Liebe als Schimäre) führt, ist der Regisseur weniger dem Plausiblen verhaftet als dem leidenschaftlichen Tricksen, flieht mit seinen Filmen vor den fatalen Konsequenzen des Zweifelns.

Altmodisch und leichtfüßig

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Diese Struktur filmischer Realitätsflucht überführt Allen hier in eine romantische Komödie, in der der notorisch unromantische Stanley zur Flucht gezwungen wird. Die Kraft der Magie wird zur Kraft der Liebe, und viel Neues kann Allen diesen und anderen altbekannten Motiven nicht abgewinnen. Schlimm ist das nicht, weil gerade das Anachronistische den Film nicht erstickt, sondern beatmet. Magic in the Moonlight spielt nicht nur in den späten 1920er Jahren, er fühlt sich auch an wie ein Stück Kino, das nur ein paar Jahre später entstanden ist. Auch wenn der Screwball nie so richtig ins Rollen kommt (dafür sind die Twists zu gut vorbereitet, die Handlungen zu unmotiviert, die Figuren zu blass), ist das Altmodische des Films, das bereits im Titel steckt, sein großer Trumpf. Dass es wieder einmal die junge Frau ist, die als Mysterium und Beweis für die Magie im Leben herhalten muss – und dabei eher hübsch ins Licht gesetzt denn als Figur beleuchtet wird –, mag man mit dem alten Mann auf dem Regiestuhl in Verbindung bringen; vor allem aber ist diese Sophie Amalgam aus Hollywoodfrauen längst vergangener Zeiten: selten begehrend, aber doch selbstbestimmt; Funktion im männlichen Narrativ, aber doch kraftvolle Präsenz. Und wenn Magic in the Moonlight gen Ende zunehmend auf etwas allzu ausgetretene Pfade gelenkt wird, dann frustriert das ein wenig, nimmt der Cóte d’Azur aber nicht die Farben, die ihr Darius Khondji geschenkt hat; nimmt vor allem dem Film nicht seine Leichtfüßigkeit, die mitgetragen wird, auch ins deutlich Vorhersehbare.

Genuss der Routine

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Der extreme Output des Kinoneurotikers ist dabei längst zu einem Aspekt geworden, der in den einzelnen Film hineinwirkt, und das ist durchaus positiv gemeint. Denn gerade die Routine, die sich in seiner Ein-Film-pro-Jahr-Politik ausdrückt, ist bei Allen lustvoll aufgeladen. Nicht nur die ausgestellte Harmlosigkeit eines Films wie Magic in the Moonlight lässt sich genießen, überhaupt das ritualisierte Zurückkehren in ein Kino, das weder immer dasselbe tut noch sich zwanghaft ständig neu erfinden muss; das vielmehr im Bewährten überrascht. Man darf nicht den Fehler machen, den „neuen Woody Allen“ direkt auf jener vertikalen Skala einordnen zu wollen, die der Regisseur mit seinem stoischen Immer-Weiter eigentlich durchkreuzt. Dass der bisweilen triumphal aufgenommene Blue Jasmine (2013) nicht Auftakt eines Meisterwerk-Reigens war, sondern auch in der späteren Rückbetrachtung aus einer Fülle von routinierten Kleinwerken herausragen wird, wäre dann keine ernüchternde Erkenntnis, sondern durchaus Grund zur Zuversicht.

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