Maggie's Plan

Falling in and out of love: Rebecca Miller klaut sich Figuren aus den Universen männlicher Kollegen und baut mit ihnen eine grandios unromantische Komödie.

Maggies Plan 01

Wenn man von einer Schauspielerin sagt, sie spiele lediglich Variationen ein und derselben Rolle, dann ist das in heutigen Tagen, wo eher Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit angesagt sind, meist nicht als Kompliment gemeint. In der Ära des klassischen Hollywood war die Starpersona dagegen integraler Bestandteil jedes Films, und Rebecca Miller, selbst Schauspielerin, scheint an Greta Gerwig gerade zu interessieren, dass sie in ihren letzten Filmen eine wiedererkennbare Leinwandpersönlichkeit ausgebildet hat. Jedenfalls hat Miller für ihren Film Maggie’s Plan Gerwig mal wieder als charmant-unsichere Großstädterin mit Bindungsschwierigkeiten gecastet, und damit nicht genug: Gerwigs Maggie, die an der New School als eine „Brücke zwischen Kunst und Kommerz“ arbeitet, wird bald John kennenlernen, der an der gleichen Institution „Ficto-Critical Anthropology“ lehrt. Auch er scheint uns vertraut, allerdings weniger aus dem Universum von Noah Baumbach als aus dem von Richard Linklater: John wird von Ethan Hawke gespielt, und seine schriftstellerischen Ambitionen, sein Drahtseilakt zwischen Charme und Eitelkeit erinnern stark an dessen Rolle als Jesse in Linklaters Before-Trilogie. Mit dem bloßen Wiederkäuen altbekannter Rezepte hat Millers Film aber glücklicherweise nichts zu tun.

Ein Kind vom Essiggurkenmann

Zu Beginn des Films hat Maggie zwar einen Plan, aber noch nicht denjenigen, den der Titel meint. Erst mal will sie endlich Mutter werden, und weil keine ihrer bisherigen Beziehungen länger als ein halbes Jahr gehalten hat, macht sie sich’s eben selbst; das Sperma soll von einem guy namens Guy (Travis Fimmel) kommen. Der hat seine Karriere als Mathematiker auf halbem Wege abgebrochen, weil ihm die Liebe zu diesem Fach irgendwann zu groß erschien (sic!), und jetzt läuft er mit langem Bart und Perumütze durch die Welt und will groß in den Essiggurkenhandel einsteigen („artisanal pickles entrepreneur“ ist nur ein Beispiel für Millers Lust, sich in Woody-Allen-Manier an der englischen Sprache zu ergötzen). An dem Abend, an dem sich Maggie sein Sperma einführt (nachdem sie sein höflich vorgetragenes Angebot, man könne die Sache auch auf altmodische Weise erledigen, mit einem definitiven „No, thank you, guy“ abgelehnt hat), steht John vor ihrer Tür, geht vor ihr auf die Knie, will seine Ehefrau verlassen und Maggie ein Kind machen. Ein Schelm, wer dabei denkt, das könnte damit zu tun haben, dass Maggie so begeistert von seinen Romanversuchen ist, während Johns erfolgreiche Karrierefrau für derlei Anerkennung kaum Zeit hat. Das alles reicht schon für einen ganzen Filmplot, ist hier aber nur Prolog, bevor die Handlung drei Jahre später wieder einsetzt. Kein falling in love, sondern ein falling out of love steht im Zentrum von Maggie’s Plan – und bald auch von Maggies Plan.

Screwball Surrealism

Maggies Plan 02

Was Rebecca Millers Film seinen besonderen Charme verleiht, das sind nicht nur das clevere Drehbuch und der perfekt gewählte Cast, sondern auch die unbändige Freude an visuellen Details, die durchaus mal den Punchlines den Rang ablaufen. Allein diese Klamotten: Bei einem Mensa-Essen trägt Maggie eine türkise Wollweste über einem blassgrün-gelb kariertem Hemd, aber das ist noch nichts gegen Julianne Moores Zottelfell-Top, in dem sie zunehmend den Film an sich reißt. Moore spielt die Verlassene: Georgette ist exzentrische Professorin mit isländischen Wurzeln, die ihren Trennungsschmerz in der Einleitung ihrer neuesten ethnologischen Studie durcharbeitet. Maggie’s Plan beweist, dass Moore viel zu selten in komischen Rollen gecastet wird, mit ihrem mal deutsch, mal russisch klingenden Akzent und ihrer Deadpan-Mimik stiehlt sie locker jede Show, in die Millers Film sie wirft.

Ein wenig gezwungen scheint der Versuch eines Meta-Kommentars, als Maggie in einer der ersten Szenen Johns Romaneinstieg als „screwball surrealism“ bezeichnet, aber das hat man dem Film spätestens bis zum nächsten Einfall verziehen. Hier haben ein Quäker-Background und Žižek-Jokes ebenso Platz wie sich gegenseitig widersprechende Periodenkalender-Apps und ein Fünfjähriger, der mit Leselampe im Buggy in einen dicken Wälzer vertieft ist. Diese Skurrilitäten sind vielleicht nicht immer organisch in die Dramaturgie, aber doch sehr sexy in den Film eingebaut, sodass man zu keiner Zeit das Gefühl hat, dem bloßen Ergebnis eines Brainstormings beizuwohnen, wie das in Filmen aus dieser Sparte häufig der Fall ist.

Weinerliche Männer

Was Maggie’s Plan darüber hinaus erdet, sind die ernsten Töne, die niemals triumphieren, sich aber auch nicht einfach von jeder Pointe in den Hintergrund drängen lassen. So steckt hier durchaus ein feministischer Blick auf Geschlechterdynamiken in pseudo-aufgeklärten Beziehungen drin. Zwar ist John hier niemals bloßer villain, aber doch verkörpert er einen bestimmten Habitus männlicher Genies in spe, zu dem die ständige Suche nach dem Weg des geringsten Widerstands ebenso gehört wie der Hang zum Weinerlichen, sobald eigentlich mal eine klare Ansage angebracht wäre. Die Frauen jedenfalls müssen ihn schon mit aller Kraft seinem Laptop entreißen, vor dem er mit seinem Roman nicht fertig wird, um John ein bisschen emotionale Wahrheiten zu entlocken.

Eine Korrektur ist Millers Film noch in anderer Hinsicht: Vor allem die unkonventionelle Dreiecks-Konstellation, in der das dritte Element nicht Problem, sondern Lösung ist, nimmt das RomCom-Genre und sein Plotpoint-Schema gehörig auf die Schippe. Satire ist Maggie’s Plan trotzdem nicht, eher eine höchstens indirekt romantische comedy of remarriage, altmodisch und up to date zugleich, durchgescriptet bis zum Gehtnichtmehr, und dabei von tollen Darstellern in fabelhaften Klamotten an sich gerissen.

Trailer zu „Maggie's Plan“


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