Mädchen: Mit Gewalt

Männer, die auf Frauen starren: In einer Kiesgrube am Münchner Stadtrand werden hässliche Machtspielchen ausgetragen. Roger Fritzs verstörendes Genre-Kammerspiel Mädchen: Mit Gewalt erscheint zum ersten Mal auf DVD.

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Die aggressive sexuelle Spannung, die Mädchen: Mit Gewalt (1970) durchzieht, ist bereits in den ersten Minuten zu spüren. Wir sehen ein schummriges Zimmer, eine nackte Frau, die sich darin ankleidet sowie zwei Männer, die sie dabei beobachten. Wahrscheinlich hatten die drei gerade Sex, wobei ihre Blicke keineswegs müde wirken, eher so, als wären sie in aufgeregter Erwartung auf etwas, das noch kommt. Inszeniert wird dieser Moment als ständiger Schusswechsel zwischen den gierigen Augen der Männer und der Frau, die die Aufmerksamkeit zwar genießt, sich ihr aber zugleich auch entzieht. Weil sie darauf bedacht ist, nicht zuviel zu zeigen, wirkt ihre Darbietung wie ein umgekehrter Striptease.

Bis auf den nervös bluesigen Soundtrack von Can ist die Szene stumm – wie auch die anschließende Autofahrt durch das erwachende München. Erst als das Mädchen aussteigt, entlädt sich die Anspannung in einem dreckig rausgepressten Lachen. Gewissermaßen funktioniert der Auftakt des Films wie eine Ouvertüre in der Oper: Kurz werden die zentralen Motive eingeführt, um sie im weiteren Verlauf auszuschmücken, zu variieren und zu modulieren. Schon wenig später befinden wir uns in einer Kiesgrube am Stadtrand, in der wir auch den restlichen Film über bleiben werden. Mit dabei sind wieder die beiden Männer, jetzt aber mit einem anderen Mädchen. Die Atmosphäre ist ähnlich, aber noch sehr viel intensiver, weil der Höhepunkt noch bevorsteht und der Ausgang ungewiss ist. Doch eines zeichnet sich in dieser warmen Sommernacht schnell ab: Zum Lachen gibt es diesmal nichts. Für niemanden.

Zeugnisse der Überforderung

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Der Fotograf, Regisseur und Schauspieler Roger Fritz zählt zu jenen Protagonisten des deutschen Kinos, die man über die Jahre fast vergessen hat. Damit ist er nicht allein. Erst vor kurzem zeigte die überfällige Veröffentlichung von Will Trempers Flucht nach Berlin (1961), dass man sich hierzulande schwertut mit einem Kino, das sich in der Grauzone zwischen Genre- und Autorenfilm bewegt. Um so einen Film (und demnächst hoffentlich auch andere Fritz-Werke wie Mädchen, Mädchen (1967) und Häschen in der Grube (1969)) zum ersten Mal fürs Heimkino herauszubringen, braucht es deshalb schon ein Liebhaber-Label wie die Edition Deutsche Vita.

Obwohl Fritz zum weiten Kreis der Neuen Münchner Gruppe gehörte und auch ansonsten überall ein bisschen mitgemischt hat – als Assistent von Herbert List und Visconti, als Produzent von Eckhard Schmidt oder als Schauspieler bei Fassbinder und Peckinpah –, ist er heute als Regisseur nahezu unbekannt. Das liegt sicherlich auch an seinen Filmen. Liest man sich Pressestimmen von damals durch, hat man es mit Zeugnissen der Überforderung zu tun. Der katholische Filmdienst – der ohnehin bei bestimmten Spielarten des Kinos notorisch danebenlag – führt die mangelnde Psychologisierung der Figuren etwa zu dem Schluss, die Filme seien oberflächlich. Dabei gehört es gerade in Mädchen: Mit Gewalt zum Konzept, dass es uns nicht einfach gemacht wird, die Figuren zu durchschauen. Oberflächlich ist daran nichts, ganz im Gegenteil. Selten hat sich jemand so ambivalent und unbequem mit der Dynamik eines Täter-Opfer-Gespanns beschäftigt. Dabei gönnt uns Fritz nichts, weder Sicherheit noch moralische Erlösung.

Ein komischer neuer Typ Mann

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Mädchen: Mit Gewalt zwingt uns immer wieder, das Gesehene neu zu überdenken. Das geht schon bei den zwei ganz und gar unsympathischen Protagonisten los. Klaus Löwitsch spielt den etwas plumpen, aber nicht uncharmanten Werner, der grob durch die Welt poltert. Arthur Brauss wirkt als Mike dagegen zunächst wie der unscheinbare Sensible, der auf die Verführungskünste seines Freundes angewiesen ist, sich aber bald als noch viel größere Sau erweist. Wer das Sagen hat, muss immer wieder neu verhandelt werden. Eines ist aber gewiss: Die beiden brauchen einander, um zumindest als Team dem Bild des lässigen Aufreißers entsprechen zu können. Um ihr aufgesetztes Selbstbewusstsein zu entlarven, benötigt es nur Rolf Zacher als sanft rebellierenden Schlurfi, dem das mit den Frauen alles so leicht von der Hand geht. Bei einem gemeinsamen Wirtshausbesuch wirken Löwitsch und Brauss plötzlich wie zwei unsichere Schuljungen, die mit ihren Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen haben. Doch dann taucht das perfekte Opfer auf: Alice (Helga Anders), ein Mädchen, an dem sich wunderbar Macht demonstrieren lässt. Und weil sie zudem in Zacher verliebt ist, kann man sie auch noch symbolisch dazu benutzen, diesem komischen, neuen Typ Mann eins auszuwischen.

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Sobald sich Mädchen: Mit Gewalt ganz auf seine zentrale Dreierkonstellation konzentriert, entwickelt sich eine teuflische Dynamik: Es entbrennt ein erbitterter Kampf darum, wer die Kontrolle über die Situation hat. Alice zieht dabei scheinbar ständig den Kürzeren. Manchmal möchte man sie am liebsten schütteln, auf dass sie endlich aufhöre mit ihrer schmollenden Kleinmädchen-Nummer und einmal richtig aufbegehrt. Wieviel davon jedoch Masche ist und ob der immer schwächer werdende Widerstand eine Art Stockholm-Syndrom oder gar Ausdruck eines masochistischen Begehrens ist, lässt der Film offen. Werner spekuliert jedoch darüber, wie manipulativ Alice wirklich ist. Dazu sehen wir wieder einen Striptease – diesmal in richtiger Reihenfolge. Dass so mancher dem Film nicht zugetraut hat, ein ätzendes Sittenbild der damaligen Bunderepublik zu zeichnen, mag an Fritzs Begeisterung für das populäre Kino liegen. Doch nur weil ein Regisseur auch Schlägereien inszenieren kann und die sexuellen Reize seiner Protagonistin nicht leugnet, bedeutet das noch lange nicht, dass er sich der Wirklichkeit weniger scharf nähern würde. Mädchen: Mit Gewalt erzählt vom Anfang einer gesellschaftlichen Umbruchszeit. Mit einem Bein steht der Film bereits in einer neuen Ära, in der Werner und Mike damit leben müssen, dass sie mit ihrer derben Art bald nicht mehr punkten können. Mit dem anderen Bein bleibt er jedoch in einer dunklen Vergangenheit, in der man sich als vergewaltigte Frau im Minirock zweimal überlegt, ob man sich noch zusätzlich noch den Demütigungen der Polizei aussetzen will.

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