Macondo

Über den Realismus wechselnder T-Shirts eines elfjährigen Jungen am Rande der österreichischen Gesellschaft.

Macondo 04

Einem Kind immer wieder mit der Handkamera von hinten zu folgen, auf Höhe seiner Schultern, das ist anno 2014 eine ziemlich abgestandene filmische Idee von Realismus-Effekt. Dieses antiquiert wirkende Mittel ist aber vielleicht das geringste Problem von Macondo, der vor allem inkonsequent ist. Während die Rückenansichten in einem bestimmten Segment des sozialrealistischen Kinos, das man vornehmlich auf Filmfestivals wie der Berlinale antrifft, für eine Verwehrung von emotional eindeutigen Zuschreibungen stehen, sind diese Einstellungen, die den Blick in die Gesichter der Protagonisten für kurze Zeit vermeiden, hier lediglich Anschluss an eine Konvention, ohne die damit sonst verbundene ästhetische Programmatik mit der entsprechenden Haltung zu übernehmen. Reaction Shots zur Vermittlung der Affekte gibt es tatsächlich reichlich in diesem Film.

Elfjährige Erwachsene

Macondo 02

Macondo ist ein Problemfilm, der gutmütig und beiläufig sein will. Doch im Gegensatz etwa zu Edward Bergers Jack, der ebenfalls im Wettbewerb der Berlinale 2014 läuft, fehlt ihm das Gespür für das Wahrhaftige, fehlt ihm ein starker Hauptdarsteller, fehlt ihm der Glaube an die Situation und das Detail. Ramasan heißen die Hauptfigur und dessen Darsteller. Ramasan ist im Film elf Jahre alt. Für die Tschetschenen in der Siedlung, in der er mit seiner Mutter und seinen beiden kleinen Schwestern lebt, ist er erwachsen. Das wird uns das Drehbuch in Story und Dialog das ein oder andere Mal wiederholen. Und auch, dass die österreichischen Behörden das anders sehen. Etwa nach einem Diebstahl des Kleinen, der laut dem strengen Mann am runden Tisch nicht hilfreich sei für das Asylgesuch der Familie. Der Staatsdiener erklärt, ein Erwachsener solle auf die Kinder aufpassen, wenn die Mutter arbeitet. Die Mutter spricht von einem erwachsenen Sohn, den sie habe und meint damit den Elfjährigen.

Willkür des Allgemeinen

Macondo 01

In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die in Deutschland geborene, in Österreich lebende, aus dem Iran stammende Regisseurin Sudabeh Mortezai im Kern ein Sozialdrama, das von Tschetschenen in Österreich handeln soll, aber kaum spezifische Merkmale aufweist – bis hin zum Verweis auf einen komplizierten kriegerischen Konflikt und die unklar verlaufenden Frontlinien, die eine diffuse Gefahr für Ramasans Familie darstellen. Mortezai interessiert sich für Allgemeingültiges und hat dafür genauso willkürliche Platzhalter parat, wie die kaputte Uhr, die der verstorbene Vater seinem Sohn zurückgelassen hat. Oder die Couch im Wald, die zu kaputt ist, um sie in die Wohnung zu tragen, auf der sich aber Ramasan ab und an mit seines Vaters Freund Isa (Aslan Elbiev) trifft. Wenn der Junge dann im zentralen Konflikt des Films beginnt, sich gegen Isa aufzulehnen, weil dieser die Heldenvision des Vaters in Frage stellt, dann nimmt Ramasan das Messer, das ihm Isa geschenkt hat und sticht auf die Couch ein.

Macondo 05

Das Einfache der Motive, Bilder und Konflikte kann man freilich auch zum Vorteil des Films auslegen. Die Handkamera-Bilder von Klemens Hufnagl strahlen etwas Ungestaltetes aus, vor allem durch die meist ungepflegt wirkende Beleuchtung, durch die die Gesichter weniger enthoben wirken, als sie in der schematischen räumlichen und sozialen Anordnung erscheinen müssten. Gleichzeitig arbeitet Mortezai einem Miserabilismus entgegen und lässt die Figuren doch ein wenig schweben. Vor allem der von allen geliebte Ramasan darf die Leinwand oft alleine füllen, alleine mit seinen stets wechselnden, sauber und gebügelt aussehenden T-Shirts. Schon in der ersten halben Stunde ist er in einem halben Dutzend verschiedenfarbiger Stoffe zu sehen. Obwohl dieses Spiel mit dem Kostüm ein wenig befremdlich wirkt, ist es eine interessante Methode, um die naheliegenden, sicherlich zu einfachen Verschaltungen von Asylsuche mit einer offensiven Darstellung von Armut zu vermeiden. Auch wer sich keine neue Batterie für die Armbanduhr leisten mag, kann ordentlich gekleidet sein.

Siedlung der Hoffnung

Macondo 03

In Macondo gibt es einige solcher differenzierter Ansätze. Vor allem in der Zeichnung der erwachsenen Figuren, die sich den filmisch erprobten Erwartungen an ein Drama in gesellschaftlichen Randbezirken einfach nicht fügen wollen und es nicht erlauben, die Probleme des Jungen primär über das soziale Milieu oder die Herkunft zu entschlüsseln. Ihre Siedlung ist abgesehen von der einen oder anderen Schlägerei ein Hort der vorsichtigen Hoffnung. Mortezai lässt die Konflikte sich in einer recht vagen Coming-of-Age-Geschichte auflösen, die einem jeden Jugendlichen widerfahren könnte. Und so hält sich trotz aller Schlenker in Richtung Sozialdrama und Milieustudie vor allem eines durch in diesem Debüt: das Willkürliche. Ob das besser ist als das allzu Eindeutige, sei dahingestellt.

Trailer zu „Macondo“


Trailer ansehen (4)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.