Machuca, mein Freund

Mit Machuca, mein Freund nähert sich der Regisseur Andrés Wood auf unkonventionelle Weise einem düsteren Kapitel aus Chiles Vergangenheit. Das Umfeld eines Zwölfjährigen dient dem Film als Vorlage für ein Porträt der letzten Monate der Allende-Regierung und der Zeit unmittelbar nach dem Militärputsch von 1973.

Machuca, mein Freund

Als der zwölfjährige Gonzalo (Matías Quer) in einer wohlhabenden Wohngegend in Santiago de Chile mit staunender Begeisterung die Düsenjäger beobachtet, die im September des Jahres ’73 dicht über den Boden hinwegdonnern, ist er bereits seit zwei Monaten mit dem gleichaltrigen Pedro Machuca (Ariel Mateluna), der im Elendsviertel am Mapochofluss wohnt, befreundet. Pedro und Gonzalo treffen in der Schule das erste Mal aufeinander. Um soziale Gleichstellung bemüht, nahm der Leiter der englischsprachigen Schule Saint Patrick, die sonst nur Söhne aus Familien der oberen Schicht besuchen, Jungen aus dem Elendsviertel auf.

Der in New York ausgebildete chilenische Regisseur Andrés Wood behandelt in seinem vierten Spielfilm das einschneidende politische Ereignis Chiles, welches der drei Jahre währenden demokratischen Regierung Salvador Allendes ein Ende setzte. Woods Annäherung an das Thema, einer im Zerfall begriffenen Demokratie, ist autobiografisch gefärbt: er besuchte 1973 als Achtjähriger selbst eine Klasse mit Schülern aus einem Elendsviertel Santiagos in der Saint George School. Zeitlich ist die Handlung der chilenisch-europäischen Koproduktion in den Monaten vor und den Wochen nach dem Sturz Allendes durch das Militär unter General Pinochet angesiedelt, jedoch dient der Putsch nicht als Vorlage für eine spektakuläre Inszenierung von historischen Ereignissen. Wood setzt mehr auf leise Töne, denn auf Effekte.

Machuca, mein Freund

Es gelingt dem Regisseur von Machuca nicht nur das erzählerische Gleichgewicht zwischen der Schilderung von gesellschaftspolitischen Entwicklungen und der persönlichen Geschichte der Freunde Pedro und Gonzalo aufrecht zu erhalten, sondern er versteht es darüber hinaus die Spannweite jener Entwicklungen in Gonzalos eng eingegrenztes Umfeld zu transportieren, das durch seine Schule, sein Zuhause und durch seine Freundschaft zu Pedro definiert wird. Jedoch zeigt Wood, der ebenfalls als Drehbuch-Co-Autor fungiert, die Polarisierung der Bevölkerung Chiles dabei nicht ausschließlich aus der Perspektive der jungen Hauptfigur Gonzalo. Woods Kamera verhält sich vielmehr wie ein permanenter Grenzgänger. Sie betätigt sich als Aufzeichnungsgerät einer Collage von Zeitdokumenten die sich aus Schlagzeilen, Zeitungsartikeln, Parolen auf Transparenten und Graffitis zusammensetzt. Darüber hinaus scheint sie über weite Strecken von einem subjektivierten Blick dominiert zu werden. So „überfliegt“ die Kamera am Zeitungskiosk lediglich Parolen linker, wie rechter Blätter um letztlich auf der von Gonzalo favorisierten Comicheftreihe „The Lone Ranger“ zu verharren.

Die Kamera löst sich während des Elternabends in der Schule von der Perspektive des Jungen vollends. Wie ein neutraler Beobachter verfolgt sie die erregte Diskussion, die durch die Aufnahme der Jungen aus den Armenvierteln ausgelöst wurde. Nun kommen die Eltern direkt zu Wort, was Wood dazu nutzt, um die Spaltung der Gesellschaft in Nationalkonservative, despektierlich „Momios“ (Mumien) genannt und in Allende-Anhänger, verächtlich als „Upelientos“ (Pöbel) bezeichnet, exemplarisch vorzuführen. Nicht nur die an der Sitzung teilnehmenden Kinder verweigern sich durch ihr Desinteresse einer klaren Positionierung, auch Gonzalos Mutter (Aline Küppenheim), scheint nicht so sehr an einer politischen Auseinandersetzung interessiert zu sein, was sie mit einem ungeduldigen Blick auf ihre Armbanduhr ausdrückt. Dennoch gibt sie ein Statement ab, welches den Kern des gesellschaftlichen Konfliktes berührt: das extreme Gefälle von Arm und Reich. So wäre sie nicht der Meinung, dass „wir“ besser oder schlechter wären als die „andern“, nur sähe sie keinen Sinn darin, „Birnen“ und „Äpfeln“ durcheinander zubringen. An anderer Stelle tritt dieser Konflikt unmittelbar in Gonzalos Leben, als er beobachtet, wie Silvana (Manuela Martelli), seine frühreife Freundin aus der Armensiedlung, sich auf einer Demonstration von konservativ Nationalen eine handgreifliche Auseinandersetzung mit seiner Mutter liefert. Der offen ausgetragene Kampf zwischen den Zugehörigen ganz unterschiedlicher Schichten hätte schnell eine plakative Allegorie auf die Gesellschaftsstrukturen des Landes werden können. Aufgrund eines nuanciert gestalteten Szenenaufbaus und durch den Einbau einer Fülle von Details, die den Figuren dazu verhelfen ein Eigenleben zu entwickeln, umgeht Wood die Gefahr, aus den Charakteren Platzhalter für einen historischen Diskurs zu machen. Vielmehr gelingt es ihm, nicht nur in diesem Falle, eine emotional aufgeladene Schilderung der Ereignisse darzubieten, die durch die lebensnahen Figuren bereichert wird.

Machuca, mein Freund

Zwischen diesen emotionalen Spitzen, die Wood wohldosiert auf den Film verteilt, lässt der Regisseur, mit ruhigen Bildern, den Zuschauer immer wieder an Gonzalos Leben teilhaben. Ganz unspektakulär verfolgt der Kinozuschauer den Putsch am 11. September, zusammen mit Gonzalo am Fernseher in dessen Wohnzimmer. Aus der Ruhe bezieht der Film auch seine Kraft. Wenn ein langsamer Kameraschwenk im Klassenzimmer, einige Wochen nach dem Putsch, offensichtlich macht, dass eine beträchtliche Anzahl der Schüler nicht mehr am Unterricht teilnimmt, scheint sich Gonzalos Gemütszustand aus Hilflosigkeit und Resignation unmittelbar auf den Zuschauer zu übertragen.

Zum Special: Das chilenische Kino und Machuca: Die Gegenwart trifft die Vergangenheit

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