M. Butterfly – Kritik

Die Possenstücke der Trugbilder oder: Puccini in der Peking-Oper des Geschlechterwahns.

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David Cronenbergs M. Butterfly von 1993 ist fraglos eines der problematischsten, auch mysteriösesten Werke des Regisseurs. Basierend auf einem Broadwaystück gleichen Namens, welches wiederum inspiriert wurde von einem geradezu absurd anmutenden Spionageskandal von 1983 und Puccinis Madame Butterfly, mischt der Film Versatzstücke aus Oper, Theater, Kino und Politik-Doku zu einem heterogenen, mal faszinierenden, mal enervierenden Hybriden. Unentscheidbarkeit, Androgynität und das Verschwinden kultureller Grenzen sind denn auch die roten Fäden, die sich durch alle thematischen Felder des Filmes ziehen.

Ein französischer Diplomat (Jeremy Irons) verfällt im Peking kurz vor Beginn der Kulturrevolution der chinesischen Opernsängerin Song Liling (John Lone), oder besser: einem Mann, der Frauenrollen singt. Denn Frauen waren in der klassischen Pekingoper von der Bühne verbannt. Doch unser Franzose merkt es nicht, oder will nichts bemerken, und beginnt eine verworrene, vergeistigte sadomasochistische Beziehung mit der scheinbar unterwürfigen Asiatin, während um sie die Kulturrevolution tobt.

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Wie viel an der Liebe ist Mummenschanz, wie viel Schauspiel und Lüge bedarf die Romantik? Wer spricht mit wem, wenn West mit Ost spricht: Mensch zu Mensch, Projektion mit Rückprojektion, Fremd- mit Selbstbild? Und wie ist es mit Mann und Frau? Man kann sich sicher sein, dass in M. Butterfly keine dieser Fragen ausgespart wird, dass alle miteinander in Beziehung stehen. Und diese Verunsicherung stoppt keinesfalls beim Inhalt: Jeremy Irons betont den britischen Akzent geradezu, obwohl seine Figur doch französisch sein soll, die Sets, übertrieben getrimmt auf  traditionell-chinesisch, sehen aus wie von der Bühne geklaut: Masken hinter Masken, Imitate ohne Original.

Diese Simulationsgefüge sind charakteristisch für M. Butterfly, die Aura des Gefälschten stellt Cronenberg explizit aus. Die sexuelle Identität Song Lilings ist dem Zuschauer sofort klar, es wird kein großes Mysterium daraus gemacht wie etwa in Neil Jordans The Crying Game (1992). So schaut man den Figuren wie von Ferne bei ihren (Selbst-) Betrügereien zu, eher analytisch denn emotional involviert. Ihr melodramatisches Schauspiel, die klar der Bühne zuzuordnenden Dialoge, viele unmarkierte Zeitsprünge von bis zu mehreren Jahren: Cronenberg zerbricht sehr brechtianisch jede Möglichkeit unmittelbarer Zuschauerinvolvierung und –identifikation. Kulturelle Fremdheit und inszenatorische Verfremdung sind hier ganz nah beieinander. Und so setzt sich Cronenberg durch die sexuelle Affäre zwischen dem Franzosen und dem Chinesen mit Hegels Herr/Knecht-Dialektik auseinander. Neo-Marxismus in Drag, sozusagen.

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All das ist natürlich nochmals aufsehenerregender, wenn man bedenkt, dass die Handlung auf einer wahren Begebenheit beruht, dem Spionageskandal zwischen dem französischen Beamten Bernard Boursicot und dem Chinesen Shi Pei Pu. Ganz klar geht es bei M. Butterfly in diesem Bezug um eine der Authentizität entgegengesetzte Form der Wahrheit, die fiebrige, halluzinatorische Wahrheit der Triebe und Motivationen. Man erinnere sich, wie Cronenberg zwei Jahre zuvor Partikel aus dem Leben William S. Borroughs in seinem Literaturadaption/Biopic-Bastard Naked Lunch (1991) gleich Drogenpsychosen inszenierte und ist erneut beeindruckt von derartiger reflexiver Rigorosität. Seine Arbeit mit realem Ausgangsmaterial ist bestechend und einzigartig.

Doch trotz aller intellektueller Wertschätzung: M. Butterfly gehört nicht ohne Grund zu den unbeliebtesten und unbekanntesten Filmen Cronenbergs. Denn soviel Spaß das Reflektieren und Abwägen hinterher macht, soviel Respekt man der formalen Strenge und Bestimmtheit entgegenbringt: den Film zu schauen ist ein oftmals anstrengendes Unterfangen, er ist eine echte Kopfgeburt. Sexuelle Körperlichkeit zum Beispiel ist von so vielen Diskursen überlagert, so komisch, dass Cronenberg keinen richtigen Umgang damit findet und die Sexszenen letztlich aussehen wie Sexy Sport Clips: warm-rötliches Licht, gedeckte Farben und viel Weichzeichner (später erst, in Crash (1996) und vor allem A History of Violence (2005) wird er die Darstellung des begehrenden Körpers wirklich meistern). Auch inhaltlich wurde mehr gewollt, als eingelöst werden konnte: Zwar thematisiert der Film die Unmöglichkeiten, kulturelle Gräben wirklich zu überbrücken, aber er gibt seine anfänglichen Versuche, das kulturell „Andere“ (das Chinesische) würdig zu behandeln, allzu schnell auf. Die Bühne gehört der Zurschaustellung der Agonie des Alteuropäischen und dessen Psychosen.

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Die Fundamente unserer Identitätskonstruktion sind also brüchig: „I fell in love with a lie“. Aber vielleicht ist es genau dieses letztendlich freie Spiel um Identitäten, das Spiel ohne sozial-kulturelles Netz und doppelten Boden, das wir lieben und Liebe nennen? Eine sanft-utopische Botschaft gibt uns Cronenberg auf diese Weise mit: Die scheinbare Unmöglichkeit interkultureller und intersexueller Begegnung wird aufgehoben von der genuinen Scheinhaftigkeit aller trennender und zwängender Determinanten. Wir begegnen uns im freien Raum der Trugbilder. Solcherlei Überlegungen stellt Cronenberg vor, und er insistiert. Vielleicht jedoch tut er das etwas zu stark und zu penetrant, was die Randstellung von M. Butterfly in seinem Schaffen erklärt. Eine zweite Chance hat er dennoch verdient.

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