Lulu und Jimi
Die schöne Lulu aus reichem Haus liebt den armen und noch dazu schwarzen Jimi. In der deutschen Provinz der späten fünfziger Jahre ist das ein Skandal. Oskar Roehler erzählt in quietschbunten Bildern ein modernes Märchen, das sich selbst als Hommage versteht.
Oskar Roehler inszeniert mit Lulu und Jimi eine Liebesgeschichte, die auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt und die sich von der ersten bis zur letzten Minute bedingungslos in Kitsch und Naivität ergeht. Nicht ganz zufällig scheint zudem der Titel an klassische Liebesdramen wie Shakespeares Romeo und Julia angelehnt. Denn auch bei Roehler muss ein junges Paar gegen ein ihm feindlich gesonnenes Umfeld und gesellschaftliche Konventionen ankämpfen.
Da sich Gegensätze bekanntlich anziehen, verwundert es nicht, dass Lulu (Jennifer Decker), die in wohlsituierten Verhältnissen aufgewachsene Tochter einer inzwischen bankrotten Fabrikantenfamilie, den farbigen, mittellosen Schausteller-Gehilfen Jimi (Ray Fearon) liebt. Doch diese Liebe steht von Beginn an unter keinem guten Stern. Nicht nur, dass Lulu eigentlich bereits Ernst (Bastian Pastewka), einem reichen aber sterbenslangweiligen Industriellen-Sohn, versprochen ist, zu allem Überfluss lässt Lulus dominante Mutter (Katrin Sass) nichts unversucht, um gegen die gesellschaftlich unerwünschte Verbindung ihrer Tochter rigoros vorzugehen. So hat Jimi damit zu kämpfen, dass er als Schwarzer in der westdeutschen Provinz wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird.
Die beiden Liebenden begegnen den Anfeindungen mit der Flucht aus der spießigen Kleinstadtidylle. Selbst als Lulus Mutter ihren schmierigen Chauffeur Schultz (Udo Kier) und den mit Nazi-Methoden operierenden Psychiater von Oppeln (Hans-Michael Rehberg) auf das junge Paar ansetzt, kann das Lulu und Jimi bei ihrem Ausbruch ins Ungewisse nicht stoppen. Als „Märchen auf der Überholspur“ bezeichnet Roehler selbst seinen Film, als eine „mit Energie geladene Liebesgeschichte“. Dabei ist gerade der märchenhafte Anstrich in nahezu jeder Szene augenfällig. Ob in der Dornröschen-Parallele von Lulus zwischenzeitlicher Gefangenschaft in den eigenen vier Wänden, ob in den gnadenlos überzeichneten Charakteren wie ihrer depressiven, alkoholkranken Mutter, der die Rolle der bösen Hexe zufällt, oder in der expressiven Farbgestaltung und Lichtsetzung, Roehler vermischt den Mief der fünfziger Jahre mit mehr als nur einem Schuss Fantasy.
Auch in seiner Darstellung der gesellschaftlichen Realität nimmt der Film eine satirisch-überhöhte Perspektive ein. Alles ist eine Spur zu schrill, zu bunt, zu extrem, zu spießig. Sogar der Pudel der Familie trägt ein leuchtendes Rosa auf. Damit evoziert Roehler neben der Märchen-Analogie auch Vergleiche zu schwulem Trash-Kino wie man es beispielsweise von John Waters kennt. Anders als das Enfant terrible der amerikanischen Independent-Szene verzichtet Roehler aber zugunsten eines naiven, unschuldigen Blicks, der letztlich mehr an Die fabelhafte Welt der Amélie (Le Fabuleux destin d'Amélie Poulain, 2001) als an Pink Flamingos (1972) erinnert, auf provozierende Skandale oder sexuelle Anstößigkeiten. Umso präsenter ist bei Roehler das Gefühl des Aufbruchs und der Erneuerung. Was ein Jahrzehnt später die 68er-Generation an gesellschaftlicher Veränderung erzwang, zeigt sich hier bereits in Form eines unbändigen Freiheitsdrangs, der unterlegt von rebellischer Rock’n’Roll-Musik in der Flucht des jungen Paares zum Ausdruck kommt.
Lulu und Jimi will jedoch nicht nur eine bewusst zuckersüße Liebesgeschichte erzählen, der Film ist von Roehler zugleich als Hommage an David Lynch und dessen blutige Road-Movie-Romanze Wild at Heart (1990) konzipiert. Nicht zufällig heißt Roehlers Heldin Lulu. Das klingt fast wie Lula, Laura Derns Charakter bei Lynch. Die Parallelen ziehen sich bis in die Figurenkonstellation und die Abfolge einzelner Szenen. Wild at Heart brachte Bobby Peru hervor, einen von Willem Dafoe gespielten exzentrischen Bankräuber und Killer, dessen Platz in Roehlers Hommage von Ulrich Thomsens Psychopath Harry Hass eingenommen wird. In beiden Filmen flieht das Paar zudem vor einer geradezu hysterischen Mutter, die sogar bereit ist, über Leichen zu gehen, um die Beziehung ihrer Tochter zu zerstören. Vor allem aber verbindet beide Filme derselbe verkitscht-rebellische Impetus.
Bisweilen meint man, Roehler wandle gar auf den Spuren eines Quentin Tarantino, dessen Filme ohnehin als Zitatensammlung der Kinogeschichte verstanden werden können. Im direkten Vergleich mit solch prominenten Namen zieht Lulu und Jimi aber den Kürzeren, was nicht wirklich verwundert. Schließlich erreicht eine Kopie nur in den seltensten Fällen die Strahlkraft des Originals.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 25.11.2008
Kommentare zu Lulu und Jimi
lucy 30.01.2009 13:30
ich hab seit langem nicht mehr so einen schlechten film gesehenen! der film ist ganz anders, als man in den kritiken und beschreibungen liest..man erwartet einen liebesfilm mit rocknroll, musik und tanz. der film ist am anfang noch lustig und kitschig, aber wird dann psycho und eklig, als der wahnsinnige psychiater den vater dazu bringt sich die eier abzuschneiden und die tochter sich das baby selber abtreiben will...
Adrio12 30.07.2010 13:06
Schade... Was für ein schlechter, schlechter Film. Nicht eine Szene, bei der man nicht an Wild at Heart denken muss. Und mein Gott, habe ich jetzt Lust auf Lynchs brillantes Road Movie. Nichts gegen Remakes oder von großen Vorbildern inspirierte Filmen, aber "Lulu und Jimi" erscheinen einfach im Vergleich so unfassbar mikrig und langweilig. Derber Reinfall!
Adrio12 30.07.2010 13:22
Verzeihung, ich vergas: "Thank you David L." heisst es am Anfang. Leider macht diese Anonyme Danksagung (wäre eine Nennung in den Credits nicht ehrlicher gewesen?) auch keinen Sinn, denn einen gefallen hat sich Roehler mit diesem Vorfall nicht getan. Und nein, auch gute Seiten hat der Film: Wie zu erwarten Udo Kier, unerwartet witzig Bastian Pastewka, und was meine Vorrednerin gegen die Kastration hat wees ick net. Das Problem ist dann aber eben der Rest. Und der ist nunmal mickrig, nicht nur wegen David L. sondern auch einfach dank dem Unvermögen von Oskar R.
None 11.08.2011 23:51
Finde dem Film mehr als gelungen. Mit dem Anspruch auf Ästhetik und der liebe zum Detail liegt man hier schon richtig...
Schnecke 14.08.2011 13:22
David Lynch ist unerreichbar! Wenn schon als Hommage konzipiert, hätte Röhler andere Akzente setzen müssen. So ist es nur bei einem blassen Versuch geblieben.
Zu wenig Eigenes und das Nachgeahmte kann nur schlechter sein. s.o.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Lulu und Jimi. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Lulu und Jimi
Deutschland 2008
Laufzeit: 94 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Oskar Roehler
Produktion: Gabriela Sperl, Uwe Schott
Bildgestaltung: Wedigo von Schultzendorff
Montage: Bettina Böhler
Musik: Martin Todsharow
Darsteller: Jennifer Decker, Ray Fearon, Katrin Sass, Rolf Zacher, Udo Kier, Ulrich Thomsen, Bastian Pastewka, Hans-Michael Rehberg, Simon Böer
Kinostart: 22.01.2009
DVD-Angaben
Titel: Lulu & Jimi
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 95 Minuten
Extras: Interviews; Entfernte Szene; Teaser; Trailer; Fotogalerie
Verleih ab: 07.08.2009
Verkauf ab: 07.08.2009
Copyright Lulu und Jimi
Fotos: © Joseph Wolfsberg
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Berlinale: Kritiken
Captive
R: Brillante Mendoza
Die Wand
R: Julian Pölsler
Barbara
R: Christian Petzold
Revision
R: Philip Scheffner
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Death for Sale
R: Faouzi Bensaïdi
Aujourd'hui
R: Alain Gomis
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Neu im Kino
09.02.2012
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Demnächst im Kino
Gefährten
R: Steven Spielberg
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Young Adult
R: Jason Reitman
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Neandertal
Mo 13.02, 09:25 Uhr, kultur (ZDF digital)
L.A. Confidential
Nacht von Mo auf Di, 13.02-14.02., 02:00 Uhr, arte
Im Schatten
Di 14.02, 20:25 Uhr, 3Sat
Hotel Ruanda
Nacht von Di auf Mi, 14.02-15.02., 00:15 Uhr, BR
Schläfer
Mi 15.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)
Yella
Mi 15.02, 22:25 Uhr, 3sat



















5 Kommentare