Loving – Kritik

Mildred und Richard Loving brachen das Gesetz, weil sie heirateten. Jeff Nichols schenkt diesem Paar einen Film und weiß ganz genau, wo das Lexikon aufhört und das Kino anfängt.

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Wie hart das Gesetz in Virginia USA durchgreift, wird ziemlich deutlich. Ein harter Schlag gegen die Türe, mitten in der Nacht. Die Tür wird eingedroschen, Richard (Joel Edgerton) und Mildred (Ruth Negga) Loving werden aus dem Schlaf gerissen, aus dem Bett gezogen, eingesperrt. Sie verstoßen gegen das Gesetz, weil sie verheiratet sind, weil er weiß ist und sie schwarz. Dieser harte Schlag genügt Jeff Nichols fast, um den institutionellen Rassismus der amerikanischen Südstaaten in den 1950er Jahren zum Ausdruck zu bringen. Das Rührstück, das man nicht zu Unrecht hätte erwarten können, angesichts einer ganzen Reihe an Filmen, die leidvoll kämpferisch die feste Verzahnung von Rassismus und Gesetz in den USA aufstemmen, umgeht Nichols, oder besser: Er entgeht ihm immer im richtigen Moment. Die Rede eines Anwalts gegen Ende des Films beginnt weit ausholend, sie fragt nach dem Stellenwert der und dem Recht auf Ehe, währenddessen sehen wir die Familie Loving am Esstisch sitzen. Richard schaufelt den Kindern Bohnen auf den Teller, die Musik steigert sich etwas, gewinnt an Lautstärke und Kraft. Nach drei Sätzen aber wird diese Rede abgebrochen und wir sehen einen der Söhne im Garten spielen, mit einem Autoreifen.

Rassisten am Rand

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Nichols geht es nicht darum, mit der Geschichte ins Gericht zu gehen. Weder darum, die historischen Irrwege an den Pranger zu stellen – oder gar nach Pfaden zu schnüffeln, die versteckt in unsere und speziell in die amerikanische Gegenwart einmünden könnten –, noch darum, die Erzählung durch Gerichtssäle zu peitschen, eine aus Gerichtssälen bestehende Erzählung zu erzählen. Ihm geht es um ein Liebespaar, das sich erst einmal völlig jenseits der institutionellen und gesellschaftlichen Widerstände gefunden hat, das nach Washington fährt, um heiraten zu können, das ein Kind erwartet, das von diesem harten Schlag in der Nacht ebenso erschrickt wie wir im Kino – und das von einer Welt, in der die Liebe verboten ist, in der sie durch ein Gericht ausgebürgert werden kann, schlicht und einfach vor den Kopf gestoßen wird. In Loving gibt es diese grausame Exekutive, einen mitleidslosen Polizeichef und es gibt auch den Rassisten, der seine ekelhafte Fantasie von einer gottgegebenen Rassentrennung verunreinigt sieht – aber es gibt sie eben nur am Rand: Einmal liegt ein Backstein auf Richards Autositz, eingewickelt in den Artikel, den das Life-Magazin über das Paar veröffentlicht hatte. Richard wirft ihn in die Wiese. Nichols hat dem Aggressor nicht die Bühne gegeben, auf der er hätte erscheinen können. Niemand weiß, wer mit diesem Stein drohen wollte, und ja, es ist auch völlig egal.

Stein um Stein

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Das heißt nun nicht, dass Nichols den Rassismus als historisch gewachsenen ignoriert; unter den Tisch fallen lässt, wem und was sich diese Liebe ausgesetzt fand. Es heißt vielmehr, dass er sich sehr viel weniger um das destruktive Umfeld dieser Verbindung interessiert und stattdessen sehr viel mehr um die Produktivität, die diese beiden Liebenden leisten wollen und leisten. In Loving geht es weniger um die Räume, die man Mildred und Richard verwehrt, als um die Räume, die sie schaffen. Hier kommt die Küche hin, sagt Richard und deutet auf eine Stelle mitten in der Wiese. Er hat ein Grundstück gekauft, sitzt zu Hause und zeichnet Pläne für ein Haus, in dem sie gemeinsam leben würden, eine Familie beherbergen können. Er arbeitet als Bauarbeiter; immer wieder im Verlauf des Films sehen wir, wie er Mörtel zwischen den Ziegeln wegschabt. Die Baustellen, auf denen er arbeitet, sind stets noch am Anfang. Ein Grundriss wurde eingepflastert, kaum mehr als vier Ziegelreihen sind fertig. Es ist ein zäher Weg, ein Haus zu bauen, jeder Stein, den man setzt, muss mit der Wasserwaage justiert werden, aber gebaut wird permanent. Jede Baustelle bedeutet ein Anfangen und in diesem Film geht es konsequent ums Anfangen. Mit einer derartigen Konsequenz, die nicht nur die bitteren Rückschläge vor dem allzu Klagevollen bewahrt, sondern die einer Liebesgeschichte ganz grundsätzlich gemäß ist, ohne die sich eine Liebesgeschichte, die auf Dauersinngebung zielt, gar nicht sinnvoll erzählen lässt.

Das sollen die Anwälte machen

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Im Fernsehen startet eine Rakete, man fliegt auf den Mond, der Raum wird transzendiert, neue Räume werden durchstoßen, erschlossen. Das ist eine schöne Spiegelung dessen, worum es Nichols geht, und sie findet ebenso hintergründig und unaufgeregt statt wie das weltverändernde Wirken der beiden emsigen Anwälte, die den Fall Loving Gerichtssaal um Gerichtssaal bis vor den Supreme Court bringen – der das Gesetz über das Verbot sogenannter „gemischtrassigen Ehe“ in Virginia 1967 dann auch aufhob. Nichols veranstaltet zu Ehren dieser Entscheidung des Obersten Gerichtshofs keine Party, keine Feier des Menschlichen, keine triumphale Katharsis. Im Gegenteil: Sein Film hat den Ausgang seiner Erzählung immer schon vorausgesetzt, er macht sich nicht künstlich naiv und geschichtsvergessen, um sich dadurch das Hurra! in Aussicht zu stellen, durch das sich dieser Film zufrieden und affektüberschüssig mit dem Abspann verbeugen könnte. Loving v Virgina, unter diesem Namen hat sich der Fall fürs Lexikon angeboten. Aber um diesen Fall sollen sich die Anwälte streiten, dann hat Nichols nämlich Zeit, sich um Mildred und Richard zu kümmern.

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Kommentare


Barbara Suhren

hi,
auch hier hat wieder der Automatismus (den ich verstehe, keine Frage) zugeschlagen: die Hauptdarstellerin RUTH NEGGA hat gar kein "weitere Filme mit", im Gegensatz zu MICHAEL SHANNON, an den ich mich in LOVING (der ja tatsächlich doch noch ins Kino kommt) gar nicht mehr erinnern kann.
Schönen Gruß,
Barbara


Michael

Hi Barbara,

danke für den Hinweis! Ich habe Michael Shannon jetzt gelöscht. Oft speichern wir die Daten schon ein, wenn die Filme noch gar nicht abgedreht sind, deswegen entstehen da manchmal solche Kuriositäten. Scheinbar ist es so, dass immer nur für drei Personen "Weitere Filme" angezeigt werden und Shannon hat ungerechterweise Ruth Negga verdrängt. Jetzt ist sie zumindest mit einem Film vertreten (dem einzigen mit Kritik, den wir im System haben).

Liebe Grüße

Michael






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