Lovesong für Bobby Long

Ein junges Mädchen kehrt nach dem Tod seiner Mutter in die Heimat New Orleans zurück. Dort findet es eine heruntergekommene Männerwirtschaft und ein Beziehungsgeflecht aus Schuld und Sühne vor.

Lovesong für Bobby Long

Das erste, was wir von Bobby Long sehen, ist sein Profil. Seinen müden Blick, seinen Versuch, sich eine schiefe Zigarette anzuzünden. Seinen kranken Zeh, der so blau ist, dass man zu glauben geneigt ist, er fiele noch innerhalb der 119 Minuten des Films ab. Dann läuft Bobby Long, der kaputte Fuß in einem blauen Flip-Flop, der gesunde in einem teuren braunen Lederschuh, eine Schnapsflasche in der Hand, den ganzen Vorspann lang durch New Orleans. Wohin kann dieser Mann noch gehen? Als er an seinem Ziel ankommt, einer Beerdigung, wundert man sich, dass es nicht seine eigene ist.

Ein grauhaariger John Travolta spielt diesen Bobby Long, einen charismatischen, aber heruntergekommenen ehemaligen Literaturprofessor, der mit Boshaftigkeit genauso um sich wirft wie mit literarischen Zitaten, der raucht und trinkt und vom Leben nichts mehr erwartet. „God knows me, and I know God“, sagt er schon gleich zu Beginn. Das Spiel der Lippen, der vorgeschobene Unterkiefer, der scharfe Blick von unten, all diese aus vielen Rollen bekannten Travolta-typischen Attribute, mit denen er den harten Kerl mimte, gibt der Schauspieler auch dieser Figur. Aber darüber legt er eine Traurigkeit, die man von ihm noch nicht kannte.

Lovesong für Bobby Long

Die Beerdigung vom Beginn ist die von Bobbys Freundin Lorraine, einer Musikerin. Deren 17-jährige Tochter Purslane (Scarlett Johansson schon wieder mit einer sehr überzeugenden Vorstellung) kehrt nach dem Tod der Mutter, die sie kaum kannte, nach New Orleans zurück. Sie findet Bobby und Lawson (Gabriel Macht) im Haus ihrer Mutter vor, einer Bruchbude, in der das merkwürdige Männerpaar seit Jahren mehr haust als lebt. Lorraine hat das Haus den Dreien zu gleichen Teilen vermacht, und so bildet sich eine Ersatzfamilie, die zunächst widerwillig unter einem Dach lebt, und zu deren weiterem Kreis noch eine ganze Reihe liebenswerter Modernisierungsverlierer am ausgefransten Stadtrand von New Orleans gehören.

Zu den Stärken des Films gehören die pointierten Dialoge zwischen den Mitgliedern der ungleichen Hausgemeinschaft, die sich gegenseitig an Schlagfertigkeit übertreffen. Long und sein ehemaliger Schüler Lawson, ein angehender Schriftsteller, dessen Kreativität in der Lethargie zu versinken droht, sind zwar Alkoholiker und Sozialfälle, aber brillant. Als running gag läuft zwischen den beiden ein ständiges Literaturquiz, in dem sie sich Zitate zuwerfen wie Jonglierbälle: Dylan Thomas, George Sand, T.S. Eliot, Charles Dickens - Lovesong für Bobby Long ist einer der seltenen Filme, die sich lieber auf Bücher beziehen als andere Filme zu zitieren.

Lovesong für Bobby Long

Literarisch ist der Film noch auf weiteren Ebenen. Zunächst ist er eine Literaturverfilmung. Nach dem damals noch unveröffentlichten Roman Off Magazine Street (2004) von Ronald Everett Capps schrieb Regisseurin Shainee Gabel das Drehbuch für ihr Debüt. Aus dem Off erzählt Lawson die Geschichte von Bobby Long, über den er schließlich doch noch ein Buch geschrieben hat. Und das zentrale Buch innerhalb der Handlung des Films ist Das Herz ist ein einsamer Jäger von Carson McCullers (The Heart is a Lonely Hunter, 1940), einem Klassiker der amerikanischen Literatur. Bobby und Lawson geben dieses Buch und noch viele andere Purslane zu lesen – der Film ist auch eine Art Bildungsroman auf Zelluloid – und finden darin wohl ihr eigenes Leben als Außenseiter wieder.

Die Bilder jedoch, die Kameramann Elliot Davies für die Südstaaten der USA findet, für das vielleicht etwas zu klischeehaft eingefangene langsame Lebenstempo dort, sind warm und schön und durch und durch fürs Kino geschaffen. Einmal schwenkt die Kamera über das weiche Licht der einsetzenden Dämmerung zu einem gemütlichen Beisammensein am Wohnwagen, als hätte Caspar David Friedrich neue Inspiration in einem Trailerpark gefunden.

Lovesong für Bobby Long

Nur sehr langsam wird die Handlung entwickelt, nur sehr langsam wird enthüllt, welch tragische Beziehung zwischen Bobby und Lawson besteht und was sie in ihre scheinbar ausweglose Lage gebracht hat. Das erweckt zuweilen den Anschein, als trete der Film auf der Stelle, und die als Überraschung gedachte Pointe am Schluss kommt alles andere als unerwartet. Der Film hat ein sehr feines Gespür für Stimmungen, aber ein schlechtes für Dramaturgie.

Auch ist die Geschichte nicht frei von Sentimentalität. Die Figuren vom Rand der Gesellschaft sind so, wie man sie gerne sieht: arm, aber sympathisch und, im Falle von Bobby und Lawson, ein modernisiertes Abbild des armen Poeten. Ein realistisches Sozialdrama ist der Film gewiss nicht. Aber er schafft es, dass dem Zuschauer die Figuren ans Herz wachsen, dass er sich wohl fühlt inmitten dieser bildungsbürgerlichen Verklärung von sozialem Elend. Man nimmt Anteil, wenn Bobbys Gesicht in Großaufnahme vor Tränen zerfließt, während er ein riesiges Sandwich isst.

Kommentare


susan

ich hab mir diesen film vor ein paar tagen angesehn und muss sagen, dass ich wirklich begeistert war.natürlich spielt er mit vielen klichees(new orleans, die sympathischen säufer)und das ende wae auch von anfang an klar, aber trotzdem fand ich ihn sehr gut gespielt und die bilder waren faszinierend.ich find es sehr schade, dass solche hochwertigen filme nicht in mehreren kinos gespilet werden.warum kann so ein film nicht auch mal im cinestar laufen?


andreas jacke

Scarlett Johanson

Sie ist die zweitbeste die Holllywood zu bieten hat... und sie dreht einen Film nach dem anderen. Alle mehr oder weniger etwas außerhalb des mainstraims- aber auch nicht völlig. Worauf man noch wartet ist ein wirklich großer Film - der über seine Zeit hinausgehen wird - aber dazu ist sie vielleicht doch noch zu jung. Zwischen filmischer Sensitivität, einer starken präsenz und einem trotzigen Selbstbewußtsein. Zusammen mit John Travolta sicher ein Erlebnis, wenn auch noch kein Ereignis - im Sinne eines bestimmten Buches der deutschen Philosophie, über das Derrida mehr als einige Fußnoten hinterlassen hat.


Martin Zopick

Es ist eine melodramatische, traurig-schöne Komödie, in wunderschöne Bilder umgesetzt. Aber vor allem sind es die drei Hauptdarsteller (John Travolta, Scarlett Johansson und Gabriel Macht), die einen beeindrucken. Sie sind authentisch – man glaubt ihnen jedes Wort und jede Geste. Wie die drei sich in dieser Art WG zusammenraufen in einer Hass-Liebe, die durch geistreiche Dialoge oft in zugespitzter Form getragen wird, ist recht gut gelungen. Wenn auch manchmal etwas langatmig. Das stark mit emotionalem Puderzucker überstäubte Ende im Licht der untergehenden Sonne tut dem ganzen Film letztlich doch keinen all zu großen Abbruch. Für manche ist es bestimmt einfach des Guten zuviel. Wegen der alles in allem gelungenen 90 % ist der Film doch sehenswert.






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