Love Steaks

Ein perfektes Steak braucht das richtige Timing bei der Zubereitung. Eine große Liebe auch.

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Die Sonne geht unter, und ein Mann pinkelt in der Dämmerung an den Strand. Kurz darauf steht er mit leichter Verspätung in der hell erleuchteten Welt eines luxuriösen Kurhotels, um dort seinen neuen Job anzutreten. Die Welten könnten verschiedener nicht sein, und es dauert keine Minute, bis wir erkennen, in welche Clemens nicht gehört. Der junge Mann mit der Hasenschartennarbe bewegt sich durch die sterilen Räume wie eine Giraffe durch den Eiskanal, und das, obwohl er sich wirklich die größte Mühe gibt. Mit sanfter Stimme bittet er um Anweisungen, hilft, wo er kann, will immer etwas Neues lernen, doch irgendwie mag ihn niemand verstehen. Die Kollegin ist zu schrill, eine Kundin will ihn verführen, und von Männern wird er generell nicht ernst genommen.

Überlebensstrategien in der Serviceindustrie

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Lara ist auf den ersten Blick das genaue Gegenteil. Während Clemens zum wiederholten Mal auf dem von ihm selbst geschrubbten Boden ausrutscht, gibt die Koch-Azubine ihrem Kollegen einen neckischen Klaps auf dem Po und lässt die als Spaß getarnten subtilen Erniedrigungen an ihrem Schutzschild aus flapsigen Bemerkungen und einem verschmitzten Grinsen abprallen. Während der eine am liebsten nie auffallen würde, will die andere alles kontrollieren, und als die beiden mit diesen gegensätzlichen Überlebensstrategien aufeinandertreffen, hat das zunächst den erwarteten Effekt. Lara kotzt im wahrsten Sinne des Wortes in die cleane Spa-Welt und drängt Clemens damit endgültig aus seiner Komfortzone. Die Fassade ihrer ständigen Oberhand beginnt allerdings schnell zu bröckeln, und die Machtverhältnisse in der Beziehung verschieben sich unweigerlich.

Kinderspiele

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Regisseur Jakob Lass inszeniert das Kurhaus als exemplarischen Spielort für eine Klassengesellschaft in der Serviceindustrie. Miniportionen und aufgemalte Augenbrauen treffen auf die Angestelltenrealität mit abgepackten Rindfleischklötzen und reichlich Arbeit am Gast. Während die älteren Hotelkunden sich in bilderlosen, aber sauberen Räumen die Füße kneten und sich ätherische Öle in die Nase fächern lassen, reagieren die jungen Mitarbeiter auf ihren Status wie pubertierende Kinder. Sobald sie sich unbeobachtet fühlen, wird über die Flure gerannt, übertrieben herumgealbert und Alkohol getrunken. Während diese Regression bei Lara und dem restlichen Küchenpersonal anstrengend rücksichtlose Züge annimmt, kann und will Clemens seine kindlich schüchterne Naivität nicht überwinden. Ganz in ihrer Rolle, versucht Lara ihn mit Doktorspielen aus der Reserve zu locken, und durch seine scheinbar gedankenlose Kooperation unterschätzt sie seine Fähigkeiten, hinter ihre Fassade zu blicken. Das Spiel der beiden nimmt schnell ernste Züge an und entwickelt sich zu einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, das wie so oft der Beginn einer Liebe und gleichzeitig der ständig drohende Grund für ihre Zerstörung ist.

Kampf gegen die Künstlichkeit

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Außerhalb der Hotelwelt gibt es nicht viel, der Weg, den die beiden nach draußen gehen, führt ausschließlich zum Strand. Dort ist es in der Regel genauso grau wie drinnen, Farben verwendet der Regisseur sehr spärlich. Ähnlich verhält es sich mit dem Einsatz von Musik, die, wenn sie dann doch kommt, mit ihrem hippen Indie-Charakter eher übergestülpt und fehl am Platz wirkt. Größtenteils wird die Handlung aber lediglich von atmosphärischem Rauschen begleitet, das die Räume noch größer und die Beklemmung der Figuren noch drängender macht. In diesem audiovisuell entsättigten Rahmen entpuppt sich der Film als leuchtendes Beispiel für gelungene Improvisationsarbeit am Set. Bei all der Künstlichkeit und Kälte, die sie umgibt, sorgen die glaubwürdigen und immer wieder überraschenden Dialoge und Gesten der beiden Hauptfiguren für den nötigen Kontrast, der die Menschlichkeit in ihrem Facettenreichtum von Brutalität bis zu träumerisch naiver Zärtlichkeit in die Geschichte zurückbringt und Gefühle jenseits von gegenseitiger Manipulation zulässt.

Improvisation in Kombination mit Handkameraführung birgt natürlich auch immer die Gefahr, willkürlich zu erscheinen. Das ist in Love Steaks ab und zu der Fall, bleibt allerdings ein kleines Opfer: Jakob Lass hat aus der vermutlich großen Fülle an Material die richtigen Szenen gewählt, die das großartige Zusammenspiel der Hauptdarsteller in den Vordergrund stellen und einen guten Rhythmus für die Entwicklung der beiden Figuren, allein und gemeinsam, entstehen lassen. Nachdem man sich 80 Minuten lang an den naturalistischen Stil gewöhnt hat, haut einen der Regisseur am Ende mit einer surrealistischen Keule noch mal vom Hocker. Hier spüren wir tatsächlich einmal den Zauber jeden Anfangs, und der muss weder schön noch sanft oder liebevoll sein, sondern vor allem mitreißend.

Love Steaks 05

In Love Steaks müssen zwei nicht mehr ganz so junge Menschen dringend erwachsen werden und kämpfen darum, das miteinander zu schaffen – ihre alten Häute abzulegen und sich anschließend trotzdem noch zu erkennen. Schuld wird verziehen und Unschuld geraubt, bis zum großen Finale, wenn sich die neuen Rollen bewähren müssen, das Steak aufgeschnitten wird und sich zeigt, wie das Fleisch im Inneren aussieht.

Trailer zu „Love Steaks“


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