Love, Peace & Beatbox

Volker Meyer-Dabischs kleiner Dokumentarfilm beschäftigt sich mit einer außerhalb eingeweihter Kreise wenig bekannten Musikform und erklärt sie erfolgreich zu Kunst.

Love, Peace & Beatbox

Es ist fast schon beschämend zu beobachten, wie sehr die schönen Künste Musik und Tanz im Dokumentarfilm der letzten Jahre immer wieder vor allem dann eine Rolle spielen, wenn sie der Sozialisierung junger Menschen dienen, wenn sie sich als gruppen- oder gar gemeinschaftsbildende Maßnahme dienlich zeigen. Von [filmid: 10]Rythm is it! (2004) bis jüngst hin zum Dance for all (2008) ist das zu beobachten, und gerade für den Tanz schlägt sich diese Tendenz sogar in der Handlung von Spielfilmen wieder, in Save The Last Dance (2001) ebenso wie bei [filmid: 1186]Step Up 2 The Streets (2008); da berühren sich die Filme natürlich mit dem Sportlerdrama, das fast immer die integrativen und sozialisierenden Effekte des Sports betont.

Gelingen können die Filme dann oft genug dennoch, wenn sie es schaffen, den Zauber und die Kraft von Tanz oder eben Musik nicht nur für diese Zwecke zu behaupten, sondern auch als eigenständigen Wert auf die Leinwand und die Tonspur zu bannen. Wenn also die Kunst ihnen nicht nur Mittel zum Zweck ist, sondern eher der Zweck als Gelegenheit dient, sein Mittel groß herauszubringen.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist Love, Peace & Beatbox tatsächlich ein sehr gelungener Film. Als Portrait der Berliner Protagonisten des "Beatboxing", bei dem Töne wie von Musik-, vor allem Perkussionsinstrumenten ausschließlich mit dem Mund erzeugt werden, liefert der Film nämlich zugleich ein sehr lebendiges Bild dieser Musik, ihrer Geschichte und des stetig zunehmenden Organisationsgrades, der ihre Macher untereinander verbindet.

Love, Peace & Beatbox

Dass Beatbox als eines, wie man in diesem Film erfahren kann, der fünf Elemente des Hip Hop zugleich auch gewissermaßen sozialarbeiterischen Wert entfalten kann, kommt da wie nebenbei vor; aber mit einer gewissen Ehrfurcht erinnern sich alle Interviewten an Maxim, jenen Rapper, der 2003 während eines belanglosen Streits erstochen wurde und dessen Lebensphilosophie und Engagement für Jugendliche sie sehr beeindruckt haben muss.

Dass es Love, Peace & Beatbox aber um die Musik geht, bringt dann doch einen gewissen missionarischen Eifer mit: Es geht dem Film um die Anerkennung von Beatbox als Kunstform, und es ist faszinierend zu sehen, wie Volker Meyer-Dabisch dieses Ziel nicht mit großem Gestus verfolgt, sondern indem er einfach seine Protagonisten reden und beatboxen lässt.

Manchmal geht das fast schief; denn so gut manche der Interviews szeneintern als angemessene Selbstdarstellung wirken mögen, so sehr wirken sie gelegentlich mindestens für Außenstehende unfreiwillig komisch, weil der eine oder andere Gesprächspartner doch etwas selbstverliebter und etwas weniger eloquent ist, als er selbst gerne wahrhätte. Sei es, dass der Beatbox-Pionier Bee Low etwas zu begeistert ist von den von ihm begründeten Beatbox-Meisterschaften; sei es, dass ein Gesprächspartner sich bezieht auf "unsere Roots, die wir uns ausgedacht haben".

Love, Peace & Beatbox

Was damit gemeint ist, ist freilich der Rückblick auf die z.B. von Bee Low mit geschaffenen Anfänge des Beatbox in Deutschland - aus der Perspektive von 2007 wird immerzu vom "Damals" der Jahre 1999 und 2000 gesprochen. Sind Codes und Regeln, die sich die Subkultur geschaffen hat, ebenso wie Muster und Strukturen der Anerkennung und Würdigung.

Wie viel es da zu würdigen gibt, wird eben ganz nebenbei deutlich. Bei Wetlipz und Pirate MC, die in einem Park in Berlin-Friedrichshain der Kamera ihre Sicht des Beatboxens samt tönender Beispiele erklären, wirkt das alles noch sehr lässig und spontan; der Film folgt aber schließlich dem damals amtierenden deutschen Beatbox-Meister Mando bei seinen Vorbereitungen zur Meisterschaft 2007. Der Wettkampf bietet Meyer-Dabischs kurzem, aber intensivem Film natürlich ein Finale furioso; vor allem aber ist bis dahin deutlich geworden, dass Beatboxen mehr ist als nur spontan auf der Straße zusammengebraute Musik.

Aus Mandos intensiver Planung, seinem Training und seinen Proben mit anderen Beatboxern, schließlich dem hochgradig improvisierten und spielerischen Finale der Meisterschaft wird deutlich, dass sich hier eine Kunstform entwickelt hat, voller eigener Fertigkeiten und Regeln, die zu brechen und weiterzuentwickeln all diesen Menschen ein Herzensanliegen ist.

Das ist ein bisschen wie Jazz mit dem Mund; es ist vor allem sehenswertes Musikkino.

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