Love Hotel

Stundenhotels gibt es überall auf der Welt. Aber was macht die japanische Version so besonders?

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Ein magischer Ort, an dem man für eine bestimmte Zeit dem Alltag entfliehen kann. Wo man einzigartige Erfahrungen macht und Dinge tut, die in der Außenwelt nicht möglich sind. Hört man die Worte, mit denen Gäste, Manager und Angestellte das Angelo-Love-Hotel in Osaka beschreiben, könnte man ebenso denken, sie sprechen über das Kino. Und tatsächlich scheint der Film als per se dem Voyeurismus zugeneigtes Medium das ideale Mittel, um dem erotischen Treiben im Inneren dieses japanischen Stundenhotels auf den Grund zu gehen.

Stundenhotel mit Tradition

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Die Regisseure Phil Cox und Hikaru Toda wählen dann aber nicht den vielleicht naheliegenden heimlich-beobachtenden, sondern einen offenen-nüchternen Blick für ihre Kameraarbeit. In totalen oder halbtotalen Einstellungen beobachten sie verschiedene Formen von Intimitäten, erotische Rollenspiele und SM-Praktiken in den Zimmern des Hotels. Explizite Sexszenen gibt es jedoch nicht zu sehen. Hier sind wir auch schon bei der Botschaft, die vor dem Film hergetragen wird. Viel mehr als ein Bordell ist die Institution Love Hotel in Japan Freiraum und essenzieller Ort für Intimitäten in einer Gesellschaft, in der jegliche Äußerung von Gefühlen oder persönlichen Gedanken als nicht angemessen gilt. Das stellt die Dokumentation von Anfang an klar. Mit dem Gestus eines Märchenerzählers beginnt sie mit traumwandlerischer Musik, bebildert mit erotischen Farbholzschnitten (sog. Shunga) und unter dem Hinweis, die Tradition dieser besonderen Variante des Stundenhotels gehe in Japan zurück bis ins Mittelalter. Doch man ahnt es bereits, die Vertreibung aus dem Paradies naht. Restriktive Gesetze der konservativen Regierung beschneiden die Unterhaltungsindustrie, wovon auch die Stundenhotels betroffen sind.

Love Hotels sind Mainstream

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Im Fokus stehen sieben Paar-Konstellationen, deren Name, Alter und Beruf man durch Schrifteinblendungen erfährt. Ein Geschäftsmann, der auf Latex-Anzüge und Fesselspiele steht, ebenso wie ein altes Pärchen, das jede Woche lediglich zum Tanzen hierherkommt. Zwei schwule Anwälte, ein einsamer Rentner oder ein seit 25 Jahren verheiratetes Ehepaar, das die Leidenschaft in seiner Beziehung in den verschiedenen Motto-Räumen des Hotels zu reaktivieren versucht. Es handelt sich durchaus mit Bedacht ausgewählte, durchschnittliche Menschen allen Alters. Durch die eben nicht voyeuristische Kameraarbeit wird dabei weniger die Lust am Betrachten beim Zuschauer forciert. Vielmehr wird eine geradezu anthropologische Neugierde entfacht, der Sache auf den Grund zu gehen, was der Antrieb dieser Menschen für einen regelmäßigen Besuch im Love Hotel ist. Mit festem Blick in die Kamera erzählen uns die Gäste ihre Geschichten vom gesellschaftlichen Druck, mit 30 Jahren Ehepartner und Kind zu haben, von ihrem öffentlichen und privaten Doppelleben und ihrer Sehnsucht nach der wahren und bedingungslosen Liebe. Als Zuschauer hätte man sich einen etwas differenzierteren Blick auf die japanische Gesellschaft gewünscht als das wiedergegebene Stereotyp des Landes, das als Meister der emotionalen Selbstunterdrückung gilt.

Die heile Welt der Love Hotels

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Die intime Atmosphäre aus Ehrlichkeit und Nacktheit in den Zimmern des „Angelo“ wird stetig konterkariert mit urbanen Aufnahmen von Menschenmassen auf den Straßen und in den U-Bahnen Osakas oder mit Panoramaansichten der Stadt, die Anonymität und eine gewisse emotionale Kälte ausstrahlen. Eine dritte Komponente, die mit den Szenen in den Zimmern und der Stadt montiert wird, bildet die Darstellung des Arbeitsalltags im Angelo-Hotel. Angestellte schicken Pornos oder Essen anonym durch eine Rohrpost zu den Gästen, Zimmermädchen säubern die Disco-, Tier- oder Ägypten-Mottoräume, und der Manager überwacht alles über Monitore und per Knopfdruck. Ganz und gar im Gegensatz zu seinem Zweck wird uns das Love Hotel in diesen Sequenzen als Maschinerie vorgeführt. Ein rationaler Verwaltungsapparat mit einem System aus automatischen Vorgängen, Routinearbeiten und einem eingespielten Team. Zumindest in diesem Punkt unterscheidet sich die japanische Variante nicht von irgendeinem anderen Stundenhotel auf der Welt. Außerdem wird es nicht nur als Arbeitsplatz, sondern auch als Heimat für viele Angestellte präsentiert. Dass die japanische Regierung diese nun mit geschäftsruinierenden Auflagen, die das Tanzen nach Mitternacht, Spiegel an der Zimmerdecke oder jegliche erotische Gegenstände in den Zimmern verbieten, zur Schließung zwingt, wird als existenzieller Einschnitt in das Leben aller Beteiligten dargestellt.

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Offen wird das Love Hotel hier als utopischer Sehnsuchtsort für Intimitäten verklärt. Doch in einem Land, in dem es – laut Angaben des Films – 37.000 solcher Stundenhotels gibt und 2,5 Millionen Japaner diese täglich besuchen, lässt sich das Phänomen nicht mehr an den Rand der Gesellschaft drängen. Eine breite Masse nutzt sie. Sie sind Arbeitsort und Einnahmequelle für eine große Belegschaft. Und genau darum geht es Phil Cox und Hikaru Toda in ihrem nicht immer reflektierten, aber konsequenten Plädoyer für das Love Hotel als vollwertigen und wichtigen Teil der modernen japanischen Alltagskultur und dessen Anerkennung.

Trailer zu „Love Hotel“


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