Louder Than Bombs

Joachim Trier goes USA. Die zersplitterte Geschichte einer zersplitterten Familie.

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Moralisch bewegt sich die Kriegsfotografie auf einem schmalen Grat. Es ist kein Leichtes, das Leid anderer zu dokumentieren und das zugleich würdevoll und für Außenstehende einnehmend zu tun. Jedes Bild ist ein neuer Versuch, den richtigen Ton zu treffen, das Elend nicht auszuschlachten und vor allem ein Motiv zu finden, das sich mit dem Auftrag der Wahrheitssuche vereinbaren lässt. Es ist kein Zufall, dass der norwegische Regisseur Joachim Trier ausgerechnet eine Kriegsfotografin ins Zentrum seines Familiendramas stellt. Isabelle (Isabelle Huppert) macht jene Art ästhetisierter und auch ziemlich kitschiger Bilder, wie sie jedes Jahr für den World-Press-Photo-Preis nominiert sind. Nachdem sie ihren gefährlichen Job an den Nagel gehängt hat, ereilt sie ein bitteres Schicksal: Sie stirbt an einem Autounfall – und lässt einen Mann und zwei Söhne zurück, die plötzlich nicht nur ohne die Frau auskommen müssen, die die Familie zusammengehalten hat, sondern auch unterschiedliche Auffassungen von ihrem Tod haben. Obwohl Vater Gene (Gabriel Byrne) fest davon überzeugt ist, dass es Selbstmord war, versucht er diesen Umstand vor dem pubertierenden Conrad (Devin Druid) geheim zu halten. Wie Isabelle muss nun auch er abwägen, wie er seinem Sohn auf angemessene Weise die Wahrheit näherbringt.

Die Last des amerikanischen Kinos

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Für seinen prominent besetzten Louder than Bombs, benannt nach einem Album der Band The Smiths, erzählt Trier von familiärer Entfremdung im fortgeschrittenen Stadium. Während Gene verzweifelt um die Aufmerksamkeit seines Sohnes buhlt, bringt dieser ihm nur Hass entgegen und leidet still von seinem Computer. Um dieses Auseinanderleben zu veranschaulichen, findet der Film eine schöne Idee: Um Conrad überhaupt einmal begegnen zu können, erschafft sich sein Vater in World of Warcraft einen Avatar – und als er schließlich vor seinem Sohn steht, mäht dieser ihn mit einem Schlag nieder. Conrads älter Brüder Jonah (Jesse Eisenberg) ist währenddessen mit der Gründung seiner eigenen Familie beschäftigt. Er wirkt zunächst am gefestigtsten, zieht die Lüge in seinem Leben aber der Wahrheit vor, weil er seinen Ansprüchen nicht gerecht wird. Die Suche der Männer nach einem Zustand innerer und äußerer Harmonie rückt den Film in die Nähe von Familiendramen, über deren Mangel man sich wahrlich nicht beklagen kann. Doch Trier sucht nach einem Alleinstellungsmerkmal: Die lineare Handlung sprengt er zu einem Haufen aus verschiedenen Zeitebenen, Perspektiven und Erzählsträngen. Die Splitter offenbaren dabei vor allem eins: Eine Familieneinheit gibt es nicht. Bei ihrer Suche nach einem erfüllten Leben sind die Figuren ganz auf sich allein gestellt.

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Trier bedient sich zwar eines spannenden Konzepts, weiß damit aber zu wenig anzufangen. Letztlich wirkt die gebrochene Erzählstruktur nur wie ein Manöver, mit der Louder than Bombs davon ablenken will, dass doch wieder nur eine recht konventionelle Familientherapie im Mittelpunkt steht. Eigentlich stecken in englischsprachigen Debüts eine Menge Chancen: die Möglichkeit, größere Projekte zu realisieren, die Arbeit mit internationalen Stars oder der Zugang zu einem breiteren Publikum. In der Realität fühlen sich solche Filme aber meist wie ein fauler Kompromiss an (siehe etwa auch Triers Kollegen Lukas Moodysson und Claudia Llosa). Nach dem poetischen Realismus von Oslo, 31. August (2011) enttäuscht der Regisseur mit einem Film, der zwar Ambitionen hat, aber, trotz poppiger Montagesequenzen und intimer Bekenntnisse aus dem Off, kein wirkliches Profil. Schon dass der Film in den USA angesiedelt ist, erweist sich als kontraproduktiv. Viele Szenen stehen dadurch automatisch in Relation zu archetypischen Momenten des amerikanischen Kinos, von denen sie sich nur selten emanzipieren können.

Behauptete Intimität

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Oft wird es genau dann am interessantesten, wenn sich der Film auf ausgetretenen Pfaden aufhält, dabei aber einen eigenen Ton findet. Wenn Jonah etwa seinem kleinen Bruder nahelegt, dass er das Mädchen, in das er sich verliebt hat, nie bekommen wird, beschwört der Film zwar ein weiteres Mal die mitleidslose Hackordnung einer amerikanischen Highschool, aber so bitter wie hier werden die sozialen Differenzen nur selten auf den Punkt gebracht. Und wenn Conrad sich davon nicht entmutigen lässt und doch einen kurzen Moment mit dem Mädchen teilt, bewegt sich Louder than Bombs zwar innerhalb der Konventionen eines Coming-of-Age-Films, findet durch die Feinheiten – das entwaffnend ehrliche Voice-over oder den Pisserinnsal der Angehimmelten, der sich an Conrads klobigem Schuh bricht – aber zu einer Schönheit, die sich überraschend frisch anfühlt. Die Intimität, die Louder than Bombs mit seinen Close-ups behauptet, bleibt dagegen meist an der Oberfläche. Einmal ist zu sehen, wie die Kamera auf Genes Gesicht zoomt, als wäre sie selbst noch nicht sicher, ob sie das richtige Motiv gefunden hat. Die Würde der Figuren bewahrt Trier zweifellos. Nur Wahrheiten findet er dabei kaum.

Trailer zu „Louder Than Bombs“


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