Lou Andreas-Salomé

Das Biopic von Cordula Kablitz-Post will die Titelheldin als emanzipierte Frau des 19. Jahrhunderts porträtieren. Besonders steht dabei im Fokus, ob sie ihre sexuelle Enthaltsamkeit aufgeben wird.

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Eine Reihe von Romanen und Erzählungen hat Lou Andreas-Salomé (1861–1937) verfasst, dazu Essays zur Religions- und Literaturkritik, zur Frauenfrage und zur Erotik. Ebenso hat sie einflussreiche psychoanalytische Schriften publiziert und jahrelang als eine der ersten Analytikerinnen praktiziert. Die Rezeption ihrer Schriften wird aber weit in den Schatten gestellt von der Spekulation über ihre Beziehungen zu wichtigen Männerfiguren der Jahrhundertwende, besonders – und auch der Film konzentriert sich im Wesentlichen auf diese drei – zu Nietzsche, Rilke und Freud. Seit in den 1960er Jahren eine erste Biografie erschien, ist das Interesse an dieser außergewöhnlichen Intellektuellen nicht mehr abgerissen – auch wenn es sich allzu oft in den Wiederholungen der immer gleichen Klischees ausdrückt. Leider ist auch dieser neue Film keine Ausnahme.

Narzissmus in Maßen ist gesund“

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Schon die Anlage könnte einfallsloser nicht sein. Lou Andreas-Salomé inszeniert die Hauptdarstellerin halbwegs chronologisch in verschiedenen Altersstadien und findet bei der Aneinanderreihung biographischer „Fakten“ keine eigene Sprache, keine andere Form als die der pseudo-exakten Nachbildung. Mühevoll werden die Handlungsstränge durch biografische Ortswechsel in filmischer Postkartenoptik aneinandergeklebt. Bemühte Ouvertüren und historische Kostüm-Ausstaffierung sollen über die inhaltliche Leere hinwegtäuschen. Was will hier eigentlich erzählt werden? Statt sich mit ihr auseinanderzusetzen, entfernt sich die Handlung immer wieder von der Hauptfigur.

An Lou Andreas-Salomé zieht eine Reihe mehr oder weniger namhafter Männer vorbei, die mit philosophischen Sentenzen um sich werfen, deren Inhalt oder Zusammenhang nonchalant ignoriert wird – geschweige denn, dass Lou Andreas-Salomés eigene Arbeiten Erwähnung finden. Ihr einflussreicher Artikel „Narzissmus als Doppelrichtung“ wird zusammengefasst in dem Satz: „Narzissmus in Maßen ist gesund, ja.“ Die beschränkende Perspektive auf die Hauptfigur zieht sich bis in die Bildsprache: Katharina Lorenz als Lou Andreas-Salomé wird im Bild gebändigt. Oft sitzt oder steht sie; die Kamera hält sie fest, statt ihr zu folgen. Wenn die 16-Jährige aus der Kirche stürmt, den „Kindergott“ hinter sich lassend, so kommt sie keine drei Schritte weit – ihr „bewegtes Leben“ wirkt so ausgesprochen statisch.

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Im Zentrum des Films scheint nur eine Frage zu stehen: Wann wird Lou Andreas-Salomé, die sich für ihr Leben statt sexueller Lust, Liebe und Heirat „eine Kameradschaft mit dem Ziel der geistigen Vervollkommnung“ erträumt, endlich ihre Enthaltsamkeit aufgeben? Erwartbar markiert dieser erste Geschlechtsverkehr, zu dem Rainer Maria Rilke sie schließlich verführt, den filmischen Höhepunkt nach 90 Minuten. Die heteronormative Ordnung ist wieder hergestellt; zur Freiheit der Frau gehört notwendig die Erkenntnis, dass erst der Mann sie ihr ermöglicht. Hinterher läuft Andreas-Salomé beglückt durch den Sommerregen, während aus dem Off ein Rilke-Gedicht gesprochen wird. Männer schreiben und sprechen ihr Leben: Von Ernst Pfeiffer, der in der Rahmenhandlung die 72-Jährige zunächst um ihre Hilfe ersucht und dem sie schließlich ihre Autobiografie diktiert, verbittet sich Lou Andreas-Salomé zwar die Anmaßung, ihr das Leben erklären zu wollen, im Film passiert aber genau das.

Ich wünschte, ich hätte einmal im Leben blind und tollköpfig lieben können“

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„Haben Sie schon mal überlegt“, fragt Dr. Freud die auf der Couch hingestreckte Analysandin, „dass Sie geradezu der klassische Narzisst sind?“ Und: „Gab es außer Rilke noch einen Mann, dem Sie tiefe Gefühle entgegengebracht haben?“ Deutlicher als in dieser Szene hätte das Biopic seine Sicht auf das „Rätselleben“ der Lou Andreas-Salomé nicht vermitteln können. Der Film lässt seine Protagonistin ihr vermeintliches Lebensthema gleich selbst auf der Couch der Vaterfigur Freud formulieren: „Ich wünschte, ich hätte einmal in meinem Leben blind und tollköpfig lieben können.“ Die „Freigeisterei“ Andreas-Salomés wird letztlich von Freud umgemünzt in eine narzisstische Störung, die noch dazu ihre wahre Erfüllung, nämlich die dauerhafte liebende Bindung an einen Mann, verhindert habe.

Damit konstruiert der Film eine Erzählung, die konservativer und moralischer nicht sein könnte: Schaut, eine Frau, die macht, was sie will. Und was wird daraus? Sie entscheidet sich für keinen Mann, und im Alter ist sie einsam und voller Bedauern. Hier ist dann auch die Toleranz für die überhaupt zahlreichen historischen Ungenauigkeiten vorbei. Lou Andreas-Salomé ist kaum als einsame Person vorstellbar, auch nicht im Alter – eine Lebensphase, die sie in ihren Tagebüchern als die „Wiederkehr der Jugend“ beschreibt. Bis in die 1930er Jahre hat sie intensive Freundschaften geschlossen und gepflegt. Dass die Beziehungen Andreas-Salomés zu Freunden und vor allem auch Freundinnen – von Frieda von Bülow über Ellen Key bis zu Anna Freud – keine Rolle spielen, ist bezeichnend für diesen Film, dessen vordergründiger Fokus auf „starke Frauen“ kaum bis zu seiner Protagonistin reicht. Endgültig blättert der feministische Anstrich beim Blick auf die Frauenfiguren ab, die Andreas-Salomé zur Seite gestellt werden: Sie dürfen entweder kaum zwei Sätze äußern oder sind dezidiert als verständnislose bis missgünstige Neiderinnen dargestellt.

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„Seit wann enthalten Biografien die ungeschönte Wahrheit?“, fragt die alte Lou Andreas-Salomé am Ende des Films. Recht hat sie, auf den einen Heiratsantrag zu viel oder zu wenig kommt es nicht an. Aber dieser Film sättigt die Zuschauerinnen und Zuschauer durchweg mit Klischees, Kitsch und einem verklärten Freiheitsbegriff. Eine neue Perspektive auf Lou Andreas-Salomés Leben zu schaffen, diese Chance hat Regisseurin Cordula Kablitz-Post verpasst.

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