Lost River

Die Erwartungen an Ryan Gosling als Regisseur wird Lost River nicht erfüllen, aber neue Hoffnungen schüren.

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Armut steckt in den Wänden, den Rissen in den Fassaden, den gebrochenen Fensterscheiben, dem bröckelnden Putz. Dem billigen Material, aus dem die Hütten hier gebaut sind, ist es anzusehen, den ungepflegten Gärten ebenso. Für Bones (Iain De Caestecker) steckt auch Geld in den Wänden, denn in den Ruinen seiner Heimat, einer mystisch überhöhten Geisterstadt namens Lost River, sucht er nach Kupfer, füllt damit eine Sporttasche, wirft sie sich über die Schulter und läuft. Läuft zur Schrotthalde, durch die wild gewordene Landschaft eines einstigen Industriestandorts, flüchtet vor Bully (Matt Smith), sucht die Nähe von Rat (Saoirse Ronan). Während die ersten Bilder von Ryan Goslings Regiedebüt glauben lassen, man befinde sich in einem Aufguss von Terry Gilliams Tideland (2005), weicht das dirty chic der in Michigan gedrehten Aufnahmen bald der rauschhaften Collage eines transzendentalen Horrorfilms im Zeichen der Finanzkrise, unterstützt von einem unablässig insistierenden, sphärischen Soundtrack.

Erschöpfende Schlichtheit

Lost River 04

Bones ist der ältere Sohn einer der letzten Familien, die noch nicht das Weite gesucht haben. Seine Mutter Billy (Christina Hendricks) kann die Hypothek aufs Haus nicht mehr bedienen. Der Bankmanager Dave (Ben Mendelsohn) hat aber auch einen freakigen Nachtclub, der schnelles Geld für wenig Arbeit verspricht. Christina Hendricks (Mad Men, seit 2007) soll mal wieder ihren Körper einsetzen, soll sich räkeln und verführen, aber sie lässt sich nicht einpassen in die Rolle, die andere für sie gefunden haben. Eine Horrorshow, bei der sie auf der Bühne ihr Gesicht abnimmt, sich schneidet und blutet, macht sie immerhin noch mit. Auf die Privatvorstellung im Kellergewölbe unter dem Nachtclub will sie sich nicht einlassen. Und sie wird auch nicht weich, wenn ihr Dave im Auto zuruft: „Ich habe ein Problem. Ich will ficken.“

Lost River 03

Die Schlichtheit der ausgedrückten Gedanken, des Plots, der Dialoge und der Figurenkonstellation in Lost River ist erschöpfend – im doppelten Sinn. Sie könnten, wie bei Nicolas Winding Refn in Only God Forgives (2013), zu einer Konzentration auf die physische (oder gar metaphysische) Erfahrung beitragen. Doch Gosling setzt nicht auf Archetypen, sondern sucht Nuancen, dort wo er keine anlegt. Er psychologisiert, baut mehr schlecht denn recht back stories für seine Figuren, die in erklärenden Passagen auf leicht verständliche Stichwörter heruntergebrochen werden, dabei ein Verständnis für die Protagonisten suggerieren, das nie gegeben ist. Leider schwächt das ausgerechnet die Erfahrung der mal spannungsgeladenen, mal trancehaften Bild- und Ton-Arrangements. Die Schwere der Anspielungen lenkt zu stark vom eigentlichen Potenzial des Films ab.

Leuchtende Gesichter, berückende Erlebnisse

Lost River 02

„Warum hast Du von Bully geklaut? Er wird dir wehtun. Er ist gefährlich.“ Die Direktheit des Drehbuchs kann freilich auch als Reverenz an eine bestimmte Horrorfilmtradition verstanden werden, deren Werke sich um den Plot nicht scheren brauchen, weil alles in der Stimmung, dem Knistern liegt. Die sogar ausstellen können, wie simpel sie sind, und uns oft dennoch kriegen, die sich selbst nicht allzu ernst nehmen und uns an der nächsten Straßenbiegung umso nachhaltiger erschrecken. Nun wirkt aber Lost River nie ironisch oder distanziert, sondern im Gegenteil emphatisch und sentimental. Ein Drama und eine Milieustudie stecken ebenfalls in dem Film, werden aber nur halbherzig mit Stoff versorgt. Ungelenk wirkt das eilige Zimmern an einem Gebäude der Erinnerungen, an einer über Generationen transportierten Geschichte, die die Figuren verbindet und eine gesellschaftliche Dimension einläutet. Leuchtende Gesichter im Dunkel der Nacht wirken hier, als wollten sie stets mehr ausdrücken, von einer authentischen Qual erzählen, in der Hoffnung, jemand lese es ihnen von den Lippen ab. Hendricks Blick aber lässt sich nie durchdringen, und die Hauptfigur Bones ist lediglich mit einem Love Interest versehen, nicht aber mit tiefen Trieben oder Sorgen. Diese Anordnung und das familiäre Gefüge wirken letztlich zu kalkuliert, zu wenig notwendig und auch ein bisschen zu brav.

Lost River 01

Umso merkwürdiger, wie betörend Lost River dann doch wirkt. Wie die Räume einer vergangenen Zeit ins immer stärker Abstrakte überführt werden und eine unwirkliche Intensität bekommen. Es überrascht nicht zu lesen, dass Kameramann Benoît Debie für die Bilder verantwortlich zeichnet – bei Filmen wie Enter the Void (2009) von Gaspar Noé und Spring Breakers (2012) von Harmony Korine hat er für berückende Erlebnisse gesorgt. Auch unter Goslings Inszenierung vermag er es, lange Teile des Films derart andersweltlich aussehen zu lassen, mit Schichten weit jenseits des Verständlichen und Aussprechbaren verbunden, dass man sich aufgehoben fühlt wie in einem Märchen, dessen Fratze noch so böse sein kann, es wiegt einen in den Schlaf. Den Schlaf derjenigen, die etwas in sich spüren, das besser keiner Äußerung überlassen werden sollte. Den Schlaf der Ungerechten.

Trailer zu „Lost River“


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Kommentare


sk

Schöner Text.


Filmfan

Butter oder Margerine? Pizza, oder Gemüse? Fleisch, oder Fisch? Was auffällt ist das überall das Genre fehlt. Blöde wenn ich dann noch zusätzlich Google zu Rate ziehen muss. Dann schau ich gleich wonanders.


Frédéric Jaeger

Was, wenn der Film weder Butter noch Margarine ist? Hilft dann Google?






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