Lost and Found

Lost and Found (2005) ist eine deutsche Produktion, für die sechs junge Regisseure aus osteuropäischen Ländern Kurzfilme zum Thema „Generation“ drehten. Herausgekommen ist ein Animationsfilm, der vier teils märchenhaft anmutende Kurzspielfilme sowie eine Dokumentation miteinander verknüpft.

Lost and Found

Mait Laas’ Animationsfilm Gene+Ratio bedient sich technisch verschiedenster Mittel. Vom klassischen Zeichentrick bis hin zu dreidimensionalen Animationen ist alles vertreten. Diese Generationen der Tricktechniken gelten metaphorisch für den gesamten Film: viele Mittel, eine Geschichte. Jeder der Regisseure wagt einen anderen Blick auf das eigene Land, erzählt davon auf seine Weise. Die Stärke des Films liegt in der unglaublichen Vielfalt der Darstellungsweisen.

Gene+Ratio beginnt mit dem bis an den Rand gefüllten Modell eines Swimmingpools, dem ein Architekt stets weitere Tropfen hinzufügt. Das Unvermeidliche geschieht, der Pool bricht auseinander, das Wasser überflutet den Raum. Ebenso unvermeidlich wie die Zerstörung ist jedoch der Neubeginn: Gene+Ratio liefert mehr als den Rahmen für Lost and Found, er verbindet auch die Inhalte der anderen Filme.

Lost and Found

Initiator des Filmes ist „relations“, ein Projekt der Kulturstiftung des Bundes, das Kunst- und Kulturprojekte in Osteuropa fördert. Da die betreffenden Staaten heute mehrheitlich vom amerikanischen Mainstreamkino dominiert werden, finden heimische Produktionen oft nur wenig Anklang. Alle beteiligten Regisseure machten bereits durch hervorragende Kurz- oder Langfilme von sich reden. Über den Filmen der ehemaligen Mitglieder des Berlinale Talent Campus steht die These, dass sich das postkommunistische Osteuropa mehr durch das Selbstverständnis seiner Generationen definiert als über Traditionen oder Grenzen. Die Kurzfilme verstehen es dabei, geschickt Geschichte und Moderne zu verknüpfen, Gegensätze aufzuzeigen und mutige Blicke in die Vergangenheit zu wagen. Die gemeinsame Hoffnung auf einen Neubeginn ist die Konstante der Filme. Verlust und Anfang – Lost and Found.

The Ritual von Nadejda Koseva erzählt von einer Hochzeit, der das Brautpaar fehlt. Die Gäste in einem bulgarischen Dorf warten auf den Bräutigam und seine französische Braut. Vor allem der bemerkenswerte Schnitt, der in schneller Abfolge zwischen der Hochzeitsgesellschaft und dem Brautpaar hin und her wechselt, vermittelt über lange Strecken hinweg das Bild, als wäre das Paar auf dem Weg. Zum Schluss der Episode zeigt sich jedoch, dass die beiden an den Niagarafällen weilen. Unterschiede zwischen den Generationen könnten sich nicht drastischer darstellen lassen: was zu Zeiten des Kommunismus noch undenkbar war, ist heute selbstverständlich. Doch trotz der Unterschiede in den Bereichen Bildung, Vermögen oder Weltanschauung sind die verschiedenen Generationen miteinander verbunden geblieben.

Lost and Found

Das Mädchen Tatjana muss sich in Cristian Mungius Turkey Girl auf den Weg nach Bukarest machen, wo ihre Mutter im Krankenhaus liegt. Dort soll sie eine weitere Operation notfalls mit Bestechung erkaufen. Teil der Zuwendungen an den Arzt ist auch ihr geliebter Truthahn. Sie ist der festen Überzeugung, er könne fliegen sowie Quadrate und Kreise voneinander unterscheiden. Als sie ihn bereits verloren glaubt, erscheint er plötzlich wieder im nächtlichen Bukarest. Scheinbar auferstanden fliegt er durch die Stadt. Was am Tag noch unmöglich schien, ist in der Nacht Realität geworden.

Jasmila Zbanics The Birthday spielt in Mostar, wo zwei Mädchen am 9. November 1993, dem Tag, als die historische Brücke zerstört wird, zur Welt kommen. Ines und Dunja wohnen auf verschiedenen Seiten des Flusses und wachsen in völlig gegensätzlichen Verhältnissen auf. Sie wissen wenig über den Krieg, die Brücke haben sie nie gesehen. Ihr Beispiel ist exemplarisch für eine Generation von Heranwachsenden, die auf kindliche Weise wieder zueinander finden.

Shortlasting Silence ist der düsterste Kurzfilm. Regisseur Kornél Mundruczó konfrontiert einen jungen Psychiater mit der eigenen Vergangenheit, welcher er zu entfliehen versuchte. Er kehrt in das Haus seiner kürzlich verstorbenen Mutter zurück um zu erkennen, das seine Ängste und Schuld lediglich verdrängt sind, nicht aber vergangen. Die Szenerie mutet dabei beinahe horrorfilmartig an, das Haus und der umliegende Wald stellen die dunklen, surrealen Geheimnisse einer nicht verarbeiteten Vergangenheit dar.

Lost and Found

Stefan Arsenijevic gewann 2003 mit seinem Beitrag (A)torsion den Goldenen Bären der Sparte Kurzfilm und gehörte im gleichen Jahr zu den Oscar-Nominierten im selben Genre. Sein Beitrag Fabulous Vera bildet den Abschluss. Die tragikomische Episode der Schaffnerin Vera spielt mit der Metaphorik der Schienen und dem Mikrokosmos Straßenbahn, wo sich neben Vera auch ihre Tochter und ein Onkel befinden. Die optimistisch anmutende Aussage ist, dass selbst die mittleren Generationen eine Möglichkeit zur Veränderung haben, indem sie ihr Leben selbst bestimmen.

Lost and Found ist vor allem kurzweilig. Im Grundtenor sind die Episoden durchweg positiv, lediglich Shortlasting Silence fällt durch die düstere Atmosphäre etwas aus dem Rahmen. „Gene+Ratio“ ist bisweilen schwierig zu verstehen, die Animationen lassen zu viel Spielraum für eigene Interpretationen und wirken aufgrund dieser fehlenden Geradlinigkeit verwirrend. Dem entgegen stehen jedoch die fünf Episoden, welche auf wesentlich deutlichere Art sowohl politische als auch soziale Gegebenheiten reflektieren. Die Handschrift jedes Regisseurs ist hier klar erkennbar. Sämtliche Protagonisten mögen dabei aus einfachsten Verhältnissen stammen, geeint sind sie vom Willen zur Veränderung, den sie bisweilen tragikomisch und trotzig aber stets mutig verfolgen.

Kommentare


Ulf Werner

Hut ab! Der Mann kann schreiben






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