Los

Wenig Menschen, viele Autos und gelegentlich Symmetrien: James Benning filmt Los Angeles County.

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Die erste Einstellung zeigt eine Straße, die einen Berg herab führt. Neben der Straße fließt ein Fluss, eingezwängt in ein Betonbett. Natur taucht selten auf in Los, James Bennings Porträt des Los Angeles County, also der kalifornischen Millionenstadt mitsamt ihres vom staubtrockenen Klima geprägten Umlands, und wenn doch, dann ist sie nicht selten derartig gezähmt, gerahmt, kanalisiert, kurz: besiegt. Es gibt aber auch einige, wenige, Einstellungen, in denen die Natur ganz vehement ins Bild drängt: Zum Beispiel in der apokalyptischen Aufnahme eines Waldbrands mit kilometerhohen Rauchsäulen, gegen die sich die winzigen Feuerwehrhubschrauber lächerlich ausnehmen, oder im Schlussbild, in dem sich eine Meerbrandung im Horizont in der Körnigkeit des 16-mm-Materials verliert.

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Los (2000) ist der zweite Teil der Kalifornien-Trilogie Bennings, die mit El Valley Centro (1999) beginnt und mit Sogobi (2001) endet. In diesen Filmen radikalisiert der Dokumentar- und Essayfilmer seine formalistische Ästhetik. Die drei Filme bestehen aus jeweils 35 starren Einstellungen, die wiederum jeweils exakt zweieinhalb Minuten lang andauern. Noch weiter treibt Benning dieses Konzept in den einige Jahre später entstandenen Ten Skies und 13 Lakes (beide 2004). Die zeigen genau das, was die Titel versprechen und zwar jeden Himmel und jeden See ganze zehn Minuten lang. Menschen, Kultur, Beton sind in diesen Filmen überhaupt nicht mehr zu sehen.

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Die Räume, die Los zeigt, sind dagegen grundsätzlich durchaus noch soziale Räume. Aber deshalb noch lange keine anthropozentrischen. Das zweite Bild zeigt eine Hauswand samt Werbetafel, auf der sich ein Paar in Hochglanzpose küsst. So, in voller Größe und perfekt ausgeleuchtet, sieht man in Los Menschen nur auf Werbetafeln. Man sieht überhaupt wenig Menschen. In jedem Fall sieht man deutlich mehr Autos als Menschen. Prominenter als jeden lebenden Menschen filmt Benning in einer frühen Einstellung einen einsamen, ironischerweise leicht anthropomorphen Hydranten im Vordergrund einer Wüstenimpression. Und wenn man doch einmal Menschen sieht, dann nicht deswegen, weil die Kamera sie fokussiert, sondern weil sie ins Bild laufen, in ein Bild, das sich für andere Dinge interessiert als sie. Es gibt natürlich, wie immer bei Benning, auch Ausnahmen. Es gibt Menschen, für die sich die Kamera dann doch interessiert. Und es ist kein Zufall, dass das dann zum Beispiel Frauen und Kinder sind, die nach dem Ende ihrer Besuchszeit eine Strafanstalt verlassen.

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Los kann auch als eine Art companion piece, als Ergänzung und Korrektiv zu Thom Andersens meisterlichem, drei Jahre später veröffentlichten Essayfilm Los Angeles Plays Itself verstanden werden. Andersens Film arbeitet sich an den Zerrbildern ab, die Hollywood im Lauf der Jahrzehnte von Los Angeles angefertigt hat und evoziert eine Stadt, der es kaum noch gelingt, sich von ihren eigenen Fälschungen zu emanzipieren. Los macht zwar zunächst ebenfalls nichts anderes, als 35 weitere Bilder der Metropole und ihrer Umgebung zu erstellen. Aber diese Bilder öffnen sich dem Raum „Los Angeles“, anstelle ihn im medialen Spiegelkabinett zu verschließen.

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In einzelnen Einstellungen werden scheinbar banale Orte neu entdeckt und aufgeladen; zum Beispiel ein Schrottplatz, auf dem riesige Gabelstapler ausrangierte Automobile fast spielerisch umher stoßen und in ihre Einzelteile zerlegen. Wer auch nur einen Benning-Film gesehen hat, weiß, dass die Filme des Amerikaners nichts Beliebiges haben. Auch wenn der späte Benning weniger Humor hat als der von One Way Boogie Woogie (1977), sind alle Einstellungen exakt, unmittelbar einleuchtend komponiert, es gibt Symmetrien, lokale Spiegelungen und Kontraste, die aber, anders als etwa in den hoch stilisierten Fotopanoramen eines Andreas Gursky, die Welt nicht ordnen und überformen, sondern erschließbar machen möchten: Nicht jedes Bild der Welt ist gleich sinntragend, deshalb muss man, wenn man an die Verbindung von Welt und filmischem Bild glaubt, eine Auswahl treffen. Aber die Bilder Bennings denken selbst und dienen nicht zur Illustration und Durchsetzung eines ihnen äußerlichen Denkens. Die Investition Bennings in die Welt, die er filmt, ist weniger ein Sortieren oder ein Organisieren als ein Freistellen. Freigestellt werden kann diese Welt aber nicht in der naiven Authentizität des „direkten“ Zugriffs auf sie, sondern nur im Präparat, im investigativen Zugriff auf ein isoliertes Stück Realität.

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