Looking for Eric

Wenn Ken Loach mit Manchester Uniteds Ex-Star Eric Cantona dreht, entsteht nicht nur eine Huldigung an Fangesänge und Dosenbier, sondern vor allem eine behutsam angelegte Komödie.

Looking for Eric

Das Wortspiel ist nicht teuer erkauft: Im Titel zu Ken Loachs Looking for Eric steckt das wohlwollende Synonym für einen der größten Ex-Fußballstars Manchester Uniteds: King Eric, der Franzose Eric Cantona. Seinen sportlichen Zenit, gepaart mit einer exzentrischen und launischen Persönlichkeit, erreichte dieser in den 90ern. Was davon in den Augen der Fans bleibt, ist eine Aura, die sich aus lebensgroßen Postern und Erinnerungen an großartige Pässe und Tore speist. Diese Aura scheint für echte ManU-Fans nie zu schwinden. Postbote Eric Bishop (Steve Evets) ist einer von ihnen. Der Mittvierziger hat zwei gescheiterte Beziehungen hinter sich und wohnt mit seinen beiden Stiefsöhnen unter einem Dach. Mal möchte er strenger Vater, mal bester Freund und Kumpel sein, doch nichts scheint ihm zu glücken. Autogenes Training oder organisierte Witzattacken seiner Postboten-Freunde aus dem nächstgelegenen Pub ziehen ihn nicht aus seiner Depression heraus, und so wendet er sich vertrauensvoll an sein Idol Eric Cantona – gespielt von Cantona. Ein Joint wird gedreht und der englische Eric fantasiert sich eine kuriose Gesprächs- und Bewegungstherapie mit seinem französischen alter ego herbei.

Looking for Eric

Mit seinem komödiantischen Einschlag läuft Looking for Eric Ken Loachs Image entgegen: Kein reines Sozialdrama wie zuletzt der engagierte It’s a Free World (2007), aber dennoch eine präzise Charakter- und Milieustudie entwirft hier der Regisseur gemeinsam mit seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty. Den augenzwinkernd angelegten Plot spicken sie mit ernsthaft skizzierten Figuren. Es ist eine Doppelstrategie, die entsteht. Weder wird der Antiheld glorifiziert, noch dem Gelächter preisgegeben. Der hagere, mental labile Eric scheint sich am Rand der Gesellschaft zu bewegen und ist dennoch als Arbeiter und Fußballfan eine metaphorische Figur des zeitgenössischen Englands. Hinter der stereotypen Oberfläche finden sich Schwächen und Konflikte, die mit linkischen Bewegungen und herzzerreißend komischen Dialogen Illustriert werden, wenn er mit dem imaginären Eric Cantona Jogging und Stretching betreibt oder mit ihm über den Sinn des Lebens zwischen Ehekrisen und Fußballstadien sinniert. Als Fußballspieler galt Cantona als agil wie kaum ein anderer, vor der Kamera wirkt er etwas hölzern; sein grausamer Akzent im Englischen ist noch schlechter zu verstehen als sein genuscheltes Französisch. Von den (Binsen-)Weisheiten, die er in beiden Sprache wiederholen darf, einmal abgesehen: „I’m not a man, I am Cantona.“ Seiner öffentlichen Persona gerecht, liefert er hanebüchene Sprüche am Fließband. Ohne moralisierenden Unterton wird so eine selbstironische Distanz zu den Stolperfallen und Chancen des Lebens Eric Bishops geschaffen.

Looking for Eric

Die persönlichen Herausforderungen des Protagonisten werden mit einer Diskussion um die Rolle und den Status der Familie verknüpft. Dieser rote Faden zieht sich insgesamt durch Loachs Filme: Im programmatischen Family Life (1971) thematisierte er in eindringlicher Weise die psychische Krankheit einer jungen Frau und die daraus entstehenden – oder zu Grunde liegenden? – familiären Konflikte. In Looking for Eric hat der Protagonist die Erziehung seiner Kinder nahezu verschlafen; mit seiner ersten Frau verbindet ihn nur mehr jahrelanges Schweigen. Ohne sich der Illusion einer goldenen Zukunft zu ergeben, beginnt Bishop jedoch zu agieren. Er bewegt sich auf seine Ex-Frau zu und setzt sich mit den Problemen seiner kleinkriminellen Stiefsöhne auseinander. Die dramaturgische Strategie, auch ernsten Themen ein Lachen abzuringen, verfolgte Loach bereits in Raining Days (1993): Ein Mann in materiellen Schwierigkeiten stolpert selbst beim Fangen eines Schafes über seine eigenen Füße, doch schafft es immer wieder, sich aufzurichten. Die dabei entstehende Tragikomik, die über Missgeschicke bitterzart lacht, ist mit einem hoffnungsvollen Grundton verbunden. So auch in Looking for Eric: Eric Bishop sucht nicht Eric Cantona, sondern mit Hilfe seiner abstrusen Gespräche letztlich nur sich selbst. Dass die Figur dabei weder lächerlich gemacht noch mit Mitleid überhäuft wird und sich über den Humor aus jeder noch so konfusen Situation zu befreien vermag, ist die große Stärke dieses Films.

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Kommentare


Martin Zopick

Ken Loach hat wieder einmal eine Working-Class-Dramödie geschaffen. Mit traumwandlerischer Sicherheit gelang ihm die stimmige Atmosphäre der Szene. Das Haus ist ein Ort für Messys (‘Butler ist wohl verreist.‘), mit einem depressiven, geschiedenen Briefträger Eric Bishop (Steve Evets) und zwei halbkriminelle Söhnen.
Mit einem Touch der ‘Purple Rose of Cairo‘ steigt Erics Idol Eric Cantona als sein alter ego aus dem Bild und macht den Lebensberater. Zunächst geht es um die schief gelaufene Ehe mit Lily (Stephanie Bishop). Er muss lernen ‘Nein‘ zu sagen ‘NON!‘ Nebenbei gibt es die Traumtore des begnadeten Kickers im Original als Zuckerl für alle Fußballfans. (‘Man kann die Religion, die Frau und auch die Partei wechseln, aber nicht den Verein!‘). Cantonas Empfehlungen sind eine etwas verklausulierte Mischung aus Orakel von Delphi und sibyllinische Sprüche, teils auf Französisch. Dann wird’s ein Krimi: Stiefsohn als Drogendealer, Polizeieinsatz als Schocker. Aber die Operation ‘Cantona‘ gegen die Gangster ist ein echter Brüller: mit Gewalt und Teamgeist wird eine Komik-Lösung erreicht. Da passt dann auch das für alle sehr glückliche Ende. Es gelingt, den Schmalztopf zu umgehen. Aber nur ganz knapp. Da steckt zu viel Herzblut und menschliche Wärme drin. Auch Ernsthaftigkeit und jede Menge unheimlich sympathische Typen. Ein echter Ken Loach! Wohlfühl-Movie mit Einsichten.






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