Looking For Cheyenne – Kritik

Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Valerie Minettos erster Spielfilm pendelt zwischen romantischer Liebesgeschichte und politischem Manifest.

Looking For Cheyenne

Die Verbindung von Politik und Sex war vor allem in den Diskussionen der sechziger und siebziger Jahre allgegenwärtig. Die sexuelle Revolution hatte stets eine politische Dimension, Feminismus und Queer Studies versuchen seit den siebziger Jahren die Machtstrukturen, die vom Öffentlichen ins Private und umgekehrt wirken, aufzubrechen. Auch das Kino dieser Phase verhandelte immer wieder, von Vilgot Sjömans Ich bin neugierig (gelb) (Jag ar nyfiken – en film i gult, 1967) bis zu Nagisa Oshimas legendärem Skandalfilm Im Reich der Sinne (Ai no corrida, 1976), die sinnliche Dimension gesellschaftlicher Fragen.

Die Zeiten ändern sich. Das politische Kino scheint seine Verankerung in der Gesellschaft verloren zu haben und liegt in den Händen von Populisten wie Michael Moore. Und Sex findet im Film hauptsächlich in den Pornoabteilungen der Videotheken statt. Erst seit Ende der neunziger Jahre kann man, vornehmlich im europäischen Autorenfilm – beziehungsweise was von ihm übrig geblieben ist – wieder vermehrt Versuche feststellen, vor allem letzteres zu ändern. Die kurze Hardcoresequenz in Lars von Triers Idioten (Idioterne, 1998) war eines der frühsten Beispiele, inzwischen findet sich Ähnliches in so unterschiedlichen Filmen wie Michael Winterbottoms 9 Songs (2004), Patrice Chereaus Drama Intimacy (2001) oder dieses Jahr in dem amerikanischen Arthousehit Shortbus (2006). Ist in der Bezugnahme auf Sexualität in den meisten dieser Werke höchstens indirekt ein politisches Statement erkennbar, erinnert das Werk der umtriebigen Catherine Breillat (Romance, 1999; Anatomie de l´enfer, 2004) deutlicher an die Strategien der siebziger Jahre. Das Spielfilmdebüt der jungen Regisseurin Valerie Minetto schließt in mancher Hinsicht an Breillats intellektuelles Kino an, obwohl Looking For Cheyenne (Oublier Cheyenne) auf explizite Sexszenen verzichtet. Stattdessen geht es um lesbische Liebe und politischen Aktivismus, um Begehren unterschiedlichster Art und um verschiedene Versuche, sich dem kapitalistischen System zu entziehen.

Looking For Cheyenne

Die Titelheldin Cheyenne (Mila Dekker), eine arbeitslose Journalistin, hat ihre Freundin Sonia (Aurelia Petit), die als Chemielehrerin arbeitet, verlassen. Sonia beginnt daraufhin eine Affäre mit dem jungen Pierre (Malik Zidi), dem die sexuelle Ausrichtung seiner neuen Geliebten keine Probleme bereitet. Während Cheyenne und Sonia damit beschäftigt sind, ihre Beziehung zueinander neu zu ordnen, wird eine Reihe anderer Personen vorgestellt, die jeweils alternative Lebensentwürfe anzubieten scheinen.

Minetto entwickelt ein Panoptikum junger, sexuell und politisch aktiver Menschen, die sich in unterschiedlicher Weise zu gesellschaftlichen Fragestellungen positionieren. Während Cheyenne sich dem Establishment entzieht und ohne Strom und fließend Wasser in ihrer kargen Wohnung lebt, hat sich Sonia mit dem System arrangiert. Pierre dagegen schreibt – reichlich naive – Parolen auf Flugblätter. Weiterhin lernen die Zuschauer unter anderem eine selbstsüchtige Hedonistin (Guilaine Londez) und eine Totalaussteigerin fernab der Großstadt (Laurence Cote) kennen. Freilich wird keine dieser Personen vollständig über ihre politische Haltung definiert. Den beiden Hauptfiguren Cheyenne und Sonia gönnt Minetto gar eine romantische Liebesgeschichte im klassischen Stil, die die heftigen Auseinandersetzungen des Films vor allem im zweiten Abschnitt auf manchmal etwas ungeschickte, meist jedoch sehr reizvolle Art und Weise überlagert.

Looking For Cheyenne

Looking For Cheyenne beginnt im Stile eines Essayfilms. Die Figuren wenden sich direkt an den Zuschauer, stellen sich vor und legen ihre unterschiedlichen politischen Haltungen offen. Auch wenn im weiteren Verlauf des Films mehr und mehr die konventionellen Inszenierungsstrategien des Erzählkinos eingesetzt werden, bleibt die Distanz zu letzterem immer spürbar. Minetto verhandelt die Probleme, die aus den weltanschaulichen Differenzen der verschiedenen Figuren entstehen, sehr direkt, ohne umständliche narrative Vermittlung.

In Zeiten der totalen Melodramatisierung des Politischen, in der Regisseure nicht davor zurückschrecken, komplexe Phänomene wie Rassismus (L.A. Crash, Crash, 2004) oder Neokolonialismus (Der ewige Gärtner, The Constant Gardener, 2005) wie selbstverständlich in die affektive Struktur des wiedererstarkten Gefühlkinos zu integrieren, ist ein solch diskursiver Ansatz in jedem Fall willkommen. Dennoch erscheint das Werk Minettos nicht in jeder Hinsicht schlüssig und vor allem nicht allzu zeitgemäß. Die Diskussionen, die die Figuren führen, sind selten in der Gegenwart verankert und scheinen statt dessen Auseinandersetzungen vergangener Jahrzehnte wieder aufzunehmen – allerdings ohne deren theoretisches Fundament, auf einer zwar lebensnahen aber doch oft etwas zu oberflächlichen Basis. Außen vor bleibt in diesem Film, in welchem junge, weiße Menschen über die Probleme junger, weißer und manchmal auch homosexueller Menschen reden, jeder Hinweis auf die soziale Realität des gegenwärtigen Frankreichs, in welcher der alltägliche Rassismus sich in den gewalttätigen Protesten der Nachfahren der nordafrikanischen Einwanderer entlässt.

Man muss Minettos unterhaltsames und charmantes Werk nicht mit diesem Maßstab messen. Letzten Endes ist Looking For Cheyenne jedoch, zumindest als politischer Film, nur als Tribut an die goldenen Zeiten des diskursiven Kinos der sechziger Jahre zu lesen und bewahrt zu den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart stets einen gehörigen Sicherheitsabstand.

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