Looking

Was kommt nach der sozialen Stigmatisierung? Drei schwule Freunde finden es in der HBO-Serie Looking heraus.

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Looking begann mit einer Enttäuschung. Vielleicht waren die Erwartungen an die HBO-Serie zu hoch. Immerhin handelt es sich bei dem Regisseur und Mitproduzenten um Andrew Haigh, der sich mit seinem semidokumentarischen Debütfilm Greek Pete (2009) und dem überragenden Liebesdrama Weekend (2011) als einer der spannendsten Regisseure etablierte, die das queere Kino momentan zu bieten hat. Vor allem Weekend beschäftigte sich neben seiner eher universellen Liebesgeschichte so offen und detailliert mit den Ängsten und Sehnsüchten moderner schwuler Männer, wie man es nur selten zu sehen bekommt. Eine spektakuläre äußere Handlung benötigte Haigh dafür nicht. Die innere Zerrissenheit seiner Figuren reichte ihm voll und ganz.

Die großen Dramen spielen sich woanders ab

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Der Auftakt von Looking stellte dagegen schnell klar, dass es hier um einiges konventioneller zur Sache gehen wird. Das liegt zum einen sicher daran, dass die Serie nicht Haighs alleiniges Baby ist (wie das im Fernsehen üblich ist, arbeiteten mehrere Drehbuchautoren und Regisseure, unter anderem auch Independent-Vielfilmer Joe Swanberg, zusammen). Zum anderen wird sie von einem sehr engen Format eingeschränkt. Die Handlung dreht sich um drei Freunde: Den etwas unreifen Game-Designer Patrick (Jonathan Groff), den promisken Kellner Dom (Murray Bartlett) und den zynischen Künstler Augustín (Frankie J. Alvarez). Wenn in jeder der nur etwa halbstündigen Episoden nun drei Erzählstränge mit jeweils zugehöriger Spannungskurve abgearbeitet werden, bleibt naturgemäß keine Zeit mehr, etwas zu vertiefen oder gar zu experimentieren. Was seine Erzählweise angeht, zeigt sich Looking demnach erstaunlich wenig ambitioniert. Und doch verbirgt sich hinter der schicken Oberfläche eine bemerkenswerte Serie mit einem interessanten Konzept.

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Die drei Männer leben in einem Utopia namens San Francisco. Hier muss man seine Sexualität am Arbeitsplatz nicht mehr geheim halten und keine Angst davor haben, die Fresse poliert zu bekommen, wenn man auf der Straße seinen Freund küsst. Während sich eine Serie wie Queer as Folk (2000-05) noch durch den ganzen Problemkatalog schwulen Lebens – Coming-out, Homophobie, AIDS, Drogen usw. – wälzte, spielt Looking in einer Zeit nach der Diskriminierung. Doch was passiert, wenn das soziale Stigma überwunden wurde? Ganz einfach, die Figuren müssen sich mit den kleinen, den alltäglichen Problemen herumschlagen: dem Job, den Freunden und natürlich der Liebe. Die Serie erzählt davon auf eine angenehm unaufgeregte Art und Weise, die von Teilen des Publikums als langweilig wahrgenommen wurde. Die großen Dramen spielen sich nun eben woanders ab.

Verzogene Söhnchen aus der Mittelschicht

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Vielleicht ist das Besondere an Looking gerade, dass er mit betonter Normalität von einer Minderheit erzählt. Die Figuren sind nicht skurril oder neurotisch, sondern mehr oder weniger bodenständig, durchschnittlich und dadurch auch unkontrovers. Sie nehmen ein bisschen Drogen, haben ein bisschen anonymen Sex, verlassen dabei aber nie ganz den gediegenen schwulen Mainstream. Besonders deutlich wird das, als die Freunde die Folsom Street Fair besuchen und sich Patrick kichernd eine Lederweste kauft, um als Außenstehender ein bisschen beim Karneval der Perversen mitzumischen. Im Grunde sind die Protagonisten eben ziemlich bourgeois. Allerdings thematisiert die Serie das auch am Rande. Der Latino Richie (Raúl Castillo) und der Schwarze Frank (O.T. Fagbenle) bleiben zwar auf die Rolle der boyfriends beschränkt, sind aber gewissermaßen auch das schlechte Gewissen der Serie. Mit ihren weltlichen Problemen machen sie ihren privilegierten Freunden bewusst, dass diese eigentlich verzogene Söhnchen aus der Mittelschicht sind.

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Dass in Looking viele zielgruppenspezifische Themen ausgeklammert werden, sollte man nicht als Anbiederung missverstehen. Spezifisch ist die Serie in ihren Details durchaus. Die Dating-App Grindr kommt ebenso vor wie die in der Szene populäre Sitcom Golden Girls (1985-92). Und auch der Frage, warum sich Schwule bei Computerspielen oft für die weiblichen Figuren entscheiden, wird nachgegangen – und eine Antwort darauf gefunden, die nicht so offensichtlich ist, wie man meinen könnte. Homosexualität ist hier auch weiterhin identitätsstiftend, sie ist nur kein Rechtfertigungsgrund mehr. Wie wichtig die Feinheiten in Looking sind, zeichnet sich auch bei der Musikauswahl ab. Anders als Queer as Folk, wo in der Stammdisco Babylon übelstes Trance-Gestampfe aus den Boxen drang, erweist sich Looking nicht nur als geschmackssicherer, sondern pflegt auch ein Bewusstsein für schwule Musikgeschichte. Am Ende jeder Folge ist etwa ein Lied aus einer anderen Ära zu hören, in dem das Thema der Folge noch einmal zusammengefasst wird. Die Spannbreite reicht dabei von Sylvesters „I Need Somebody to Love Tonight“ über Morrisseys „Everyday is Like Sunday“ bis zu dem von Zebedy Colt verqueerten George-Gershwin-Cover „The Man I Love“.

Auf sich selbst besinnen

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Erst vor einer Woche gab HBO bekannt, dass Looking trotz zunächst eher mäßiger Einschaltquoten fortgesetzt werden soll. Vielleicht gelingt es der Serie dann, ihr Potenzial noch weiter auszuschöpfen. In der ersten Staffel gab es schon eine Ahnung davon, was noch alles möglich wäre. Die gesamte fünfte Folge widmete sich etwa einem Date zwischen Patrick und Richie, zeigte die beiden Frischverliebten, wie sie durch San Francisco schlendern und versuchen, sich besser kennenzulernen. Dabei tauschen sie sich über erste sexuelle Erfahrungen aus, sprechen über das Verhältnis zu ihren Familien, über bottom shame und darüber, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Als eine Art „Weekend light“ befreit sich die Serie hier aus ihrem Korsett und nimmt sich Zeit, ihre Figuren nicht nur zu streifen, sondern in ihre Lebenswelt einzutauchen. So offensichtlich wie die Parallele zu Haighs letztem Film ist, so deutlich grenzt sich diese Episode auch von ihm ab. Vor homophoben Pöbeleien bleiben Patrick und Richie verschont. Aber darum geht es in Looking ja auch: Wenn einen nicht mehr interessiert, was die heterosexuelle Welt von einem denkt, kann man sich endlich ganz auf sich selbst besinnen.

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