London Nights

Freude und Schmerz im Nichts: Alexis Dos Santos Film ist eine Collage emotional wirkender, aber letztlich gefühlloser Momentaufnahmen.

London Nights

2003 veröffentlichte Nick Zinner, hauptberuflich Gitarrist bei den Yeah Yeah Yeahs, nebenberuflich Fotograf, einen Bildband: Slept in Beds. Zu sehen sind all die Betten, in denen er on tour geschlafen hat, meist leer, meist zerwühlt: austauschbar einerseits, aber auch voll von Geschichten, die sich in den knittrigen Kopfkissen, den Falten der Decken verstecken. Orgien, Albträume, gerechter Schlaf nach harter Arbeit? Die Räume gleichen Tatorten. Was hat sich ereignet, was ist auf diesen Betten geschehen? Zinners Bilder im Hinterkopf, die Musik seiner Band im Ohr, und schon ist man Stimmung und Thematik von Alexis Dos Santos London Nights sehr nahe. Im Original heißt der Film denn auch Unmade Beds, und die Yeah Yeah Yeahs könnte man leicht in den Soundtrack integrieren.

Indiekids, Großstadthipster, Feiernasen bevölkern hier die Londoner Betten und machen, was Jugendliche in Betten eben so treiben: Knutschen, Heulen, Höhlenspiele, Sex und natürlich Schlafen, tief und fest nach dem tiefen Blick ins Glas.
Allen voran Axl (Fernando Tielve), ein Spanier auf der Suche nach seinem Vater. Der erwacht Tag für Tag und blickt auf seinen Schlafplatz wie unsereins auf Zinners Fotografien: Was ist hier nur geschehen? So regelmäßig er sich besinnungslos säuft, so verlässlich vergisst er alles, was sich am Abend ereignet hat. „Did I have fun last night?“ – „It seemed like you had ...“

London Nights

Zweite Hauptfigur ist die Französin Vera (Déborah François), eine melancholische, analoge Natur, die kratzige Sieben-Zoll-Platten hört, mit einer alten Polaroid Hotelbetten fotografiert und sich bleistiftbewehrt in ihrem Moleskin-Büchlein existenziellen Fragen („What am I doing here?“) und dem Vergessen der letzten Liebe widmet.
Vergessen, Erinnern, Bruchstücke und Momente, die sich zu keiner Biografie addieren mögen: Dos Santos’ Jugendbild stimmt ratlos, genauso ratlos, wie seine Protagonisten dem Leben begegnen. Was heißt das: jung sein, leben? Als Antwort zeigt uns der Regisseur, wie ein Album schöner Fotografien, Fragmente variierender Intensität: zuckende Leiber im zuckenden Strobolicht, ineinander verwurschtelte Gliedmaßen bei der ersten zaghaften ménage à trois, tief stehende Sonnen über englischen Parks und überall Gesichter. Die Menschen sind zu frei, um noch mit der Wirklichkeit verbunden zu bleiben, sie heben ab und schweben im luftleeren Raum nackter Präsenz. Geld spielt keine Rolle, niemals und für keine der Figuren. Und schön sind sie, wie nicht ganz von dieser Welt.

London Nights

Es ist diese Haltlosigkeit, diese (Un-)Verbundenheit mit dem Nichts, der Dos Santos nachspürt. Was bleibt der Jugend, substanziell, in diesen post-ideologischen, post-politischen Zeiten? London Nights kümmert sich nicht um politische oder ökonomische Diskussionen, stattdessen geht es ums Jetzt, die absolute Gegenwart, um pure Existenz. Seine jungen Hedonisten scheinen in jedem Moment wie frisch zur Welt gekommen, ohne Verankerung. Mit großen Augen stürzen sie sich hingebungsvoll in jede Verwirrung. Doch ohne Empfinden für Bodenhaftung verliert der Zuschauer den Blick für Einsätze und Risiken, die Fallhöhe ist unklar. Irgendwie ist es einem bald herzlich egal, wer gerade glücklich oder unglücklich ist und warum. Jede Differenz stirbt ab, weil es kein Empfinden für Alternativen mehr gibt, Emotionen branden auf wie aus dem Nichts und verschwinden wieder. Glück und Schmerz sind nicht länger Gefühle mit Richtung und Gehalt, sondern audiovisuelle Konfigurationen rund um Körper ohne Seele, sind Farben, Songs und Bilder.

London Nights

Viele Momente in London Nights sind von bemerkenswerter Schönheit. Aber es ist eine explizit stilisierte Schönheit. Wenn schon die großen Erzähl- und Bedeutungsbogen ins Leere stürzen, dann weich und elegant. Viel Wong Kar-Wai steckt in den gleitenden Bewegungen der Kamera, der gedeckten, tief dunkel leuchtenden Farbpalette zwischen Grün, Karmesin und Ocker, dem analogen Bild, den gedehnten Zeiten. Nicht nur optisch erweist Dos Santos dem Chinesen seine Referenz, es gibt sogar eine kleine Stewardess-Nebengeschichte, die Chunking Express (1994) zitiert. Auch sonst bietet London Nights einiges auf, um die Aussagelosigkeit des Geschehens durch optisches und akustisches Zuckerwerk zu kaschieren: Zeitlupe und Zeitraffer, Standbildsequenzen, nicht-chronologische Schnittmuster, 8mm-Aufnahmen und viel, viel Musik, vornehmlich aus dem weiten Feld modernen Indie-Rocks.

London Nights

Der schlaksige Songwriter (Michiel Huisman) im weiten grauen Tweedpulli trällert zum Schluss: „a fiction is a fraction of reality ...“ und singt damit von der Hoffnung, die diesen Film durchdringt: dass die kleinen Geschichtchen, die man sich ausdenkt gegen die Langeweile, die Spiele gegen den Verlust des Sinns, dass all das auch zur Wirklichkeit gehören möge, Splitter einer emotional erfassten Realität. Ich fühle, also bin ich. Nur was fühle ich?

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Kommentare


Moepl

Ich hab ihn in einer Sneak Preview gesehn und fand ihn schlichtweg schrecklich.
Axl macht nicht das was er sich vorgenommen hat, wacht jeden tag in einem neuen Bett auf, macht mit allem besoffen rum was nicht bei 3 auf den Bäumen ist (auch mit Männern).
Vera schießt Fotos von den Betten in denen sie mit jemandem geschlafen hat.
Dazu noch einige schlechtgesetzte Blur und Unschärfeeffekte(zum Beispiel um einen Rausch darzustellen) die meiner Meinung nach eher Amateurhaft wirken.
Und der Film endet damit wie sie alle mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springen.

mein Fazit:
Keine wirkliche Story nur lauter zusammenhangslose Einzelstories, der Film weiß nicht wohin er will, er ist genauso orientierungslos wie er den Hauptcharackter Axl im Vollrausch darstellen will.
Der Film sollte sich lieber selbst die Frage stellen "Was bin ich und was will ich sein"
Ettliche Leute haben die Sneak Preview vor Ende des Filmes verlassen, ich bereuhe es bis zum Ende da gewesen zu sein.






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