LOL - Laughing Out Loud
Die müde Generation des Virtuellen – Warum LOL zugleich modern und altbacken erscheint.
Immer schon waren Sprache und Kleidung Codes der Abgrenzung der Jungen von den Alten. Doch mit der massenhaften Verbreitung von Kommunikationstechnologien und im Zuge des so genannten Web 2.0 sind die Möglichkeiten der Abschottung der Generation nach 1990, deren Leben sich inmitten der allmählichen Virtualisierung aller Lebensverhältnisse ereignet, noch extremer geworden. Denn neben der gewöhnlichen Verschiebung des Vokabulars veränderten sich in den letzten Jahren auch die Kommunikationsformen. So verstecken sich die Teenager von heute statt in dunklen Ecken der Schulhöfe in Communityprofilen und Videochatfenstern. Ein Rückzug ins Virtuelle inmitten der elterlichen Wohnung.
Man kann also in der, gerade in den letzten Wochen wieder erstarkten, Debatte um die kulturellen und psychologischen Implikationen der Digitalisierung unserer Gesellschaft auch die Geschichte eines Generationenkonfliktes verfolgen. Genau das versucht Lisa Azuelos in LOL – Laughing Out Loud (2008).
Die Erzählung von LOL dreht sich um das schwierige Verhältnis zwischen Lola (Christa Theret) und ihre Mutter Anne (Sophie Marceau). Wie alle ihre Freunde ist Lola kommunikationssüchtig. Es wimmelt nur so von schmucken Mac Book Pros, Sony Vaios, Sony Ericsson Handys und Konsorten, beizeiten tanzt das Symbol des Microsoft Messenger am unteren Bildrand und ein Chatfenster übernimmt die Hälfte des Bildausschnitts. Markenfetischismus und die neuen Formen des Gedankenaustauschs scheinen dem französischen Teenager ein und dasselbe zu sein. Aber zugleich verortet Azuelos ihre Figuren durch den vehementen Gebrauch von State-of-the-art Technologie im sozialen Kontext der oberen Mittelklasse. Die Wohnungen von gediegenem Design, die Autos neu, die Kleidung hip: wenn LOL als Generationenfilm verstanden wird, dann sehen wir die Jugend von ihrer modischsten Seite.
Alle Schauspieler sind furchteinflößend schön, kein Pickel kränkt die jugendliche Blüte und die Eltern halten sich sexy und topfit. Die Überstilisierung des französischen Lebens findet ihren Gegensatz und der Film seinen Tiefpunkt in einem Schulausflug nach England: Abgesehen von einigen sympathischen Freaks und indischstämmigen Exoten erfahren die Kids in England Hässlichkeit und Geschmacklosigkeit in Reinform. Kitschige Inneneinrichtungen und fehlender kulinarischer Feinsinn: die französischen Klischees vom Mangel an Savoir-Vivre auf der anderen Seite des Kanals scheinen unkaputtbar.
LOL ist ein Film von bewusst inszeniertem Oberflächenreiz, der sich nicht satt sehen kann an seinen Protagonisten und ihren Spielzeugen. Die Kamera bewegt sich ganz zeitgemäß vor allem von Hand geführt durch die Schulhöfe und Lofts, bleibt dabei immer ganz nah am Geschehen. LOL ist ein Film der Gesichter.
Doch trotz seines zeitgemäßen Äußeren und der expliziten Bezugnahme auf neue technologische Entwicklungen ist LOL in seinem Herzen ein klassischer Mutter-Tochter Film. Und ein leidlich unterhaltsamer obendrein. Denn obschon Lisa Azuelos up-to-date ist mit den Kommunikationsformen der bourgeoisen Jugend, fehlt jedwede analytische Dimension. Sie bildet einfach ab, erzählt jedoch unter der hippen Oberfläche eine Geschichte, die mehr auf Kontinuität mit der Vergangenheit als auf Bruch setzt. So lernt Anne über die Erlebnisse ihrer Tochter mit Sex, Drogen und Freundschaft ganz klassisch durch eine heimliche Lektüre deren Tagebuches, und ist schockiert, wie es Eltern seit eh und je sind. Solch leicht abgenutzten Konventionen des seichten Melodrams begegnet man in LOL zuhauf; sei es der autoritäre Vater, der kein Verständnis hat für die musikalische Selbstverwirklichung seines Sohnes, Lolas Schwarms Maël (Jérémy Kapone), oder die sterbenslangweilige Romanze zwischen Anne und dem gutwilligen Polizisten Antoine (Jocelyn Quivrin).
So fängt Azuelos letztlich doch noch eine Qualität der Beziehung zwischen den Generationen ein: den augenscheinlichen Mangel an Konfliktfähigkeit. Trotz seines immensen Potentials zur Subversion und Nischenbildung hat es das Internet bekanntlich nicht vermocht, einen merklichen ideologischen Wandel zu provozieren. Gerade durch die massive Nutzung und immer neue Ausweitung der Möglichkeiten des Selbstinszenierens und –offenbarens bescherte uns das Internet die stabilste Gesellschaft und die konfliktärmste Jugendkultur seit Menschengedenken. Die Jugendlichkeit ist in dem Maße virtuell geworden, wie sie Abgrenzung von den Älteren benötigt. Genau das begegnet uns in LOL: eine ewig kommunizierende, hip gestylte Jugend, lasch und müde trotz ständiger Bewegung, die in ihrem Herzen schon den Konservativismus der Zukunft trägt.
Filmkritik von Nino Klingler
Veröffentlicht am 22.07.2009
Kommentare zu LOL - Laughing Out Loud
jon 24.07.2009 20:06
Gerade durch die massive Nutzung und immer neue "Ausweitung der Möglichkeiten des Selbstinszenierens und –offenbarens bescherte uns das Internet die stabilste Gesellschaft und die konfliktärmste Jugendkultur seit Menschengedenken."
Lehnen Sie sich damit nicht etwas zu weit aus dem Fenster? Dafür hätte ich gerne mal einen Beleg!
mfg
Nino Klingler 26.07.2009 19:56
Ich verstehe Ihren Standpunkt und muss Ihnen selbstverständlich Recht geben: Hierbei handelt es sich um eine provokante Verkürzung. Gerade hinsichtlich der subersiven Nutzung des Internets z.B. in China, Burma (Myanmar) und jüngst im Iran kann, zumindest aus einer globalen Perspektive, nicht von einem Versiegen der Potenziale gesprochen werden. Dass sich jedoch die jüngeren Generationen in westlich-kapitalistischen Gesellschaften im Vergleich zur Vergangenheit wesentlich weniger radikal oder aktiv als Opposition (zum politischen, gesellschaftlichen Status Quo; zu Eltern, Lehrern etc.) formieren, ist ein in den Medien zuletzt häufig diskutiertes Phänomen. Gerade hinsichtlich der Möglichkeiten des Internets ist dies eine durchaus paradoxe Bestandsaufnahme. Trotz geradezu idealer Techniken des Networking, Blogging, Daten- und Informationstransfers bleiben viele Bewegungen wesenhaft im Internet verhaftet. Die Auflehnung wird, in Maßen, zu einem virtuellen Planspiel. Ebenso das Experimentieren mit alternativen Identitäten und Lebenskonzepten in Form von Online-Existenzen. Worin man für diese sozialen Phänomene Gründe, worin Konsequenzen erkennt, bleibt Inhalt und Thema von Debatten. Doch die unübersehbare Schwäche der "Linken", das Verkümmern jugendlicher Massenbewegungen (zuletzt zu erleben beim Scheitern des "Großen Bildungsstreiks") und die Prädominanz konservativer Lebensentwürfe unter heutigen Schülern und Studenten sollte auch im Zusammenhang mit dem Phänomen Internet diskutiert werden (und wird es). Darauf in provokanter Form hinzuweisen war der Zweck des von Ihnen nicht zu Unrecht kritisierten Satzes. Zuletzt, da es sich ja um eine Filmkritik handelt: LOL beschreibt, in meiner These unbeabsichtigterweise, genau die Komplizenschaft von konservativer Jugendkultur und informationeller Freiheit. Vielen Dank jedoch für Ihren Einwand.
Nora 06.09.2009 14:17
Ich finde den Film Super und ich denke man sollte einfach mal das positive sehen und nich zu jedem und allem seinen senf dazu geben...:P
Birgit 18.06.2010 15:23
Ich bin bei Nora, LOL war auch für mich ein einzigartiger und wunderschöner Film.
Ich finde eine Kritik, die sich einzig auf die Kommunikationstechniken im Film beschränkt,wird ihm nicht gerecht. Eine Betrachtung unter diesem Blickwinkel ist erstens zu einseitig und zweitens, in meinen Augen, auch nicht Inhalt und Ziel der Handlung. Vielmehr thematisiert dieser Film die Schwierigkeiten, die Eltern mit Kindern oder Kinder mit Eltern auch nach 1968, den wilden Siebzigern und allem was danach kam, noch miteinander haben. Und ganz im Gegenteil zu der obigen Kritik bin ich der Meinung, dass dies ein wunderbarer Film über die Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Jetzt ist. Und ja, es zeigt uns mit Maëls Vater oder auch Charlottes Mutter, dass es immer noch Elternhäuser gibt, die auf Autorität und Verbote setzen, statt auf Verständnis und Miteinander.
Andererseits bewundere ich den Film für seine Unverkrampftheit und Sympathie, mit der er das Leben dieser Jugendlichen und ihrer Eltern beschreibt. So muss Julien, der sich in Lolas Zimmer einen Joint dreht, nicht automatisch in die Rolle des missratenen Jugendlichen schlüpfen. Sondern im Gegenteil, er ist derjenige, der Lola erklärt, dass er sie zu sehr respektiert, um mit ihr aus einer Laune heraus zu schlafen. In einem amerikanischen Film undenkbar und auch in einem deutschsprachigen Film nur schwer vorstellbar. Die Regisseurin des Films lässt ihre jugendlichen Darsteller alle die "Dummheiten" (rauchen, Alkohol trinken, heimlich nachts die elterliche Wohnung verlassen, schlechte Noten, erste sexuelle Erfahrungen) machen, die, wenn sie ehrlich sind, ihre Eltern auch gemacht haben, ohne dass der totale Absturz in die Drogensucht, eine ungewollte Schangerschaft oder der ähnliches zwangsläufig daraus resultierten. Im Grunde zeigt uns der Film, dass auch in einer Zeit, in der man über Handy, iPhone, Skype, Messenger oder sonstiges miteinander kommuniziert, doch alles bleibt wie gehabt.
Abschliessend, und das ist meine Kritik an dem Film, muss ich zugeben, dass er in der deutschen Übersetzung deutlich an Charme verliert. Ich kann mir daher vorstellen, dass er in der deutschen Fassung schlechter ankommen kann.
Elena 28.06.2010 14:23
ich fand zwar, dass man von Anfang an voraussehen konnte was wohl passieren wird, was aber keineswegs von Nachteil war. Im Grunde genommen zeigt der Film vieles, was bestimmt schon einige Teenager genau so kennen. Auch wenn vieles Klischeeartig wirkt, passiert das meiste auch genau so. Man versucht nicht großartig Teenager zu belehren so wie in vielen klassichen amerikanischen "Teeny-Filmen", sondern einfach Konflikte, Missverständnisse und die typische Liebe zwischen bestem Freund und bester Freundin aufzuzeigen. Auch die Schauspieler wirkten authentisch und fast so als kannten sie etliches aus ihren eigenen Leben.
Gerade auch wegen der Techonolgie und der alltäglichen Sprache ist dieser Film sehr glaubwürdig und wirkt weniger gespielt als direkt aus dem Alltag genommen.
Bettina Savino 27.08.2010 10:25
Der Film hat tatsächlich im Deutschen an Charme verloren und ist in seiner Sprache vulgär, ganz im Gegensatz zum Französischen. Der Übersetzer hat zu sehr mit dem Wörterbuch gearbeitet und sprachlich-kulturelle Aspekte leider außer Acht gelassen. Schade! Ich war geschockt und enttäuscht.
Eva 25.11.2010 07:53
ich find den film super, wir haben ihn in der schule in physik angeschaut und selbst unser lehrer hat über den film gelacht! ich mach mit meiner freundin sogar unsre französische abschlussprüfung über den film!
Clara 17.01.2011 18:01
LOL ist mein absoluter Lieblingsfilm und ich kann ich nur empfehlen...(Y)
Ausserdem hat der Film einen super Soundtrack!!
Und für jedes mädchen ist der Film eh ein muss wegen Jèrèmy kapone(L)..und der film ist einfach nur LOL
Annika 06.07.2011 22:24
Ich finde diesen Film auch großartig und stimme Nora, Birgit und vor allem auch eva zu, ich finde dieser Film basiert sehr auf der Realität weil man dass, wie der Film das beschreibt auch so erleben kann oder erlebt. Bei vielen Filmen ist die HAndlung immer sehr unrealistisch. Also ich schau mir diesen Film immer wieder gerne an.Und um ehrlich zu sein bin ich auch gerade in dieser Phase das ich mich zwar oft mit meiner Mamma streite aber danach versöhnen wir uns wieder.Allerdings schreibe ich eher selten Tagebuch :D aber das finde ich macht den Film auch aus, Lola´s Tagebucheinträge.Das Buch ist auch echt toll, aber es ist ja das Buch zum Film also sehr ähnlich.
Also der Film ist wirklich weiterzuempfehlen und ich finde der der den Text geschrieben hat übertreibt, klar gibt es ein paar schönheitsfehler aber das ist überhaupt nicht weiterschlimm und für mein Alter ist der Film echt super weil man sich dort wiederfinden kann genauso für Mütter die eine Tochter haben die in diesem Alter ist. Aber eigentlich für alle zu empfehlen, echt Klasse Film! Ein echter Film wo man auch mal richtig Lachen kann. LOL ;)
Viele Grüße :DD
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: LOL - Laughing Out Loud
Originaltitel: LOL (Laughing Out Loud)
Frankreich 2008
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Lisa Azuelos
Drehbuch: Lisa Azuelos
Produktion: Romain Le Grand
Bildgestaltung: Jean-Philippe Verdin
Montage: Stan Collet
Darsteller: Sophie Marceau, Christa Theret, Jocelyn Quivrin, Jérémy Kapone, Françoise Fabian, Alexandre Astier, Marion Chabassol, Lou Lesage
Kinostart: 27.08.2009
DVD-Angaben
Titel: LOL (Laughing Out Loud) ®
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Französisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 102 Minuten
Extras: Die Entstehung von LOL; Das Casting; Interviews mit Regisseurin Lisa Azuelos, Sophie Marceau, Jérémy Kapone und Christa Theret; Musicclip "Little Sister"
Verleih ab: 04.02.2010
Verkauf ab: 18.02.2010
Copyright LOL - Laughing Out Loud
Fotos: © Delphi
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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