Loggerheads

In drei miteinander verknüpften Geschichten erzählt Regisseur Tim Kirkland von den Sehnsüchten und dunklen Geheimnissen einiger Menschen sowie den vom Aussterben bedrohten Loggerheads-Schildkröten.

Loggerheads

Nicht jeder Film mit einer mehr oder weniger gewöhnlichen Geschichte folgt auch einer linearen Erzählweise. Besonders in jüngerer Vergangenheit arbeiteten immer wieder Regisseure mit unterschiedlich motivierten Störungen des Zeitkontinuums.

Neben experimentellen Filmen, die sich schon seit den Anfängen des Kinos mit solchen Dekonstruktionen auseinandersetzen, handelt es sich dabei häufig um Arbeiten aus dem Horror- und Thrillerbereich, die durch ihre Struktur kalkuliert Informationen zurückhalten, um Spannung zu erzeugen. Das prominenteste Beispiel aus den letzten Jahren ist dabei wohl Memento (2000), der sich einer klassischen Noir-Handlung bedient und seine rückwärts erzählte Geschichte durch die Amnesie seines Protagonisten legitimiert. Eher unüblich ist so eine Vorgehensweise dagegen bei einem Drama wie Francois Ozons 5 x 2 (2004), das vom langsamen Zerbrechen einer Ehe erzählt. Ungeachtet des Genres stellt sich bei diesen Erzählstrukturen auch immer die Frage, inwiefern sie inhaltlich motiviert sind, ästhetische Spielerei bleiben oder gar über die Dürftigkeit der Handlung hinwegtäuschen sollen.

Der Regisseur Tim Kirkland bedient sich in seinem gefühlvollen Drama Loggerheads wie Francois Ozon einer dem Genre ungewohnt sperrigen Zeitstruktur. Dadurch, dass die Geschichte aus drei Perspektiven, die jeweils durch die zeitliche Differenz eines Jahres getrennt sind, erzählt wird, ist der Eingriff in die Handlung auf den ersten Blick nur gering. Statt die einzelnen Erzählebenen wie geschlossene Episoden chronologisch hintereinander zu reihen, hat sich Kirkland jedoch dafür entschieden, die Geschichten miteinander verschmelzen zu lassen.

Loggerheads

Im Film geht es unter anderem um Marc, der nach dem Outing bei seinen religiösen Adoptiveltern auszieht und in die Küstenstadt Kure Beach geht, wo er Loggerheads-Schildkröten vor dem Aussterben retten möchte. Bei seinen Hilfsaktionen am Strand lernt er den Motelbesitzer George kennen und lieben. Die beiden anderen Erzählstränge konzentrieren sich auf Marcs Adoptivmutter, die die Existenz ihres Sohnes völlig verdrängt, und seine leiblichen Mutter, die sich nach Jahren der Einsamkeit auf die Suche nach ihrem Kind macht. Dass Marc HIV-positiv ist und nur noch kurze Zeit zu leben hat, weiß nur er selbst.

Loggerheads handelt von den nicht zu unterdrückenden Gefühlen einer Mutter und der Unfähigkeit, sich mit dunklen Kapiteln aus der Vergangenheit auseinander zu setzen. Obwohl mit solch emotionalen Themen eine gute Grundlage für einen publikumswirksamen Film besteht, gelingt es Kirkland nicht, einen wirklichen Erzählfluss herzustellen. Das liegt vor allem an dem Einsatz der verschiedenen Zeitebenen, von denen man nur durch kurze Einblendungen am Anfang erfährt. Durch die Interaktion der einzelnen Erzählstränge wird den gesamten Film über eine Simultanität suggeriert, die gar nicht vorhanden ist. Da jede Ebene in sich einem klassischen Aufbau mit Etablierung und Entwicklung folgt, rechnet man unweigerlich mit einem Höhepunkt, der alle drei Stränge zusammen laufen lässt, aber nie eintritt.

Loggerheads

So wartet man gegen Ende darauf, dass sich Marc und seine leibliche Mutter endlich gegenüberstehen, obwohl er während ihrer Suche schon über ein Jahr tot ist.

Darüber hinaus gelingt es Kirkland nicht, komplexe und spannende Figuren einzuführen. Die Eindimensionalität der Charaktere ist dann auch mitverantwortlich, dass man als Zuschauer bei der Handlung außen vor bleibt. Während sich die beiden Frauen vor allem über “typisch mütterliche” Eigenschaften definieren, bleibt gerade die Hauptfigur Marc am blassesten. Den immerhin teilweise ergreifend mit sich selbst ringenden Frauenfiguren setzt Kirkland einen Protagonisten entgegen, dessen Rolle sich vor allem darauf beschränkt, gut auszusehen und mit melancholischem Blick am Strand zu sitzen. Gerade von einem Drama, das von der inneren Zerrissenheit seiner Figuren handelt, hätte man in dieser Hinsicht mehr erwarten können.

Seine Schwächen kann der Film schließlich auch durch den Einsatz bedeutungsschwangerer Metaphern nicht mehr ausgleichen. Wenn Marc in der Eröffnungsszene von einem Schildkrötenpärchen fantasiert, das in den endlosen Weiten des Ozeans aufeinander trifft und sofort weiß, dass es füreinander bestimmt ist, wird natürlich die Liebesgeschichte zwischen ihm und George vorweg genommen. Und dass gerade er, der wegen seiner Krankheit nicht mehr lange zu leben hat, sich für eine vom Aussterben bedrohte Schildkrötenart engagiert, wirkt nicht nur bemüht poetisch, sondern auch reichlich plakativ.

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