Logan Lucky

Modus Bauernschlau: Steven Soderbergh kehrt nach ein paar Jahren Abstinenz auf die Kino-Leinwand zurück und macht mal wieder einen Überfallsfilm. In dessen Zentrum tummeln sich diesmal eher Provinzdeppen als kriminelle Masterminds.

Kennen Sie das Gefühl, einen Insiderwitz zu hören, ohne Insider zu sein? Dann haben Sie schonmal eine Vorstellung von der Art Spaß, den Steven Soderberghs Logan Lucky bereitet. Einen halben Spielfilm lang wird da eine Nascar-Rennbahn von einer Gruppe Hillbillies um Channing Tatums Titelfigur Logan überfallen. Aber irgendwie sind wir als Publikum nie so ganz drinnen in der Feinmechanik von Vorbereitung, Ablenkung, Durchführung. Das Ergebnis? Man fühlt sich ziemlich dumm.

Schlau-dumm-schlau

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Das kann kein Zufall sein, denn Heist-Spezialist Soderbergh kennt die Genre-Regeln wahrscheinlich wie kein anderer noch tätiger Regisseur. Er weiß genau, dass eine zentrale Dynamik bei Filmen mit komplexen Einbruchsszenen diejenige zwischen Publikums- und Figurenwissen ist. Dabei ist eine Seite oft dümmer als die andere. Also: Wir wissen einiges über die Pläne der Einbrecher, aber nicht alles, weshalb wir gespannt auf ihre nächsten Tricks sind (dumm-schlau). Dafür haben wir aber zum Beispiel gerade gesehen, dass gleich unerwartet eine Polizeistreife um die Ecke biegen wird, weshalb wir im Suspense-Modus darauf warten, wie die Einbrecher damit umgehen (schlau-dumm).

Ein guter Heist-Film rhythmisiert also den Wechsel zwischen schlau und dumm auf beiden Seiten und damit auch den zwischen Spannung und Suspense. Und eben weil es bei Heist-Filmen so essenziell um Wissen geht, fetischisiert das Genre den Typus des smarten kriminellen Masterminds (man denke an die Ocean-Reihe, Schelme gerne auch an Soderbergh selbst) – jenen um fünfzehn Ecken vorwärts denkenden, meist männlichen Strategen, dessen Intelligenz so imposant wie dezent ist, eine Intelligenz, die – wenn der Plan aufgeht und düpierte Casino-Mogule um ein paar Millionen Dollar ärmer sind – auch auf uns Zuschauende abstrahlt. Nennen wir diese Konstellation einmal schlau-schlau.

Genrelogischer Sonderfall

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Logan Lucky nun ist rein genrelogisch betrachtet ein Sonderfall, weil er lange Zeit die eher seltene Figur des dumm-dumm fokussiert: Wir wissen nicht so wirklich, was die Helden vorhaben, und diese machen auf uns auch nicht den Eindruck, gänzlich Herren der Lage zu sein. Die Redneck-Clique um Logan wird in den ersten beiden Akten nämlich recht dezidiert als einfältig, maulfaul, tollpatschig und insgesamt als Südstaaten-Karikatur präsentiert – eben als Vertreter jener verbohrten, von Globalisierung und Neoliberalismus überrollten Hinterwälder, unter denen man gerne auch den paradigmatischen Trump-Wähler wähnt. Da wären die Gebrüder Bang (Daniel Craig, Jack Quaid, Brian Gleeson), wasserstoffblondierte bzw. Vokuhila-tragende Eigenbrötler, die sich nicht entscheiden können, ob sie jetzt Kleinkriminelle oder wiedergeborene Christen sein möchten. Oder die Logans: zwei bedröppelt dreinblickende, schleppend artikulierende und kriegsversehrte Irak-Veteranen (Tatum, Adam Driver) mit einer Beauty-Salon-Schwester (Riley Keough), die vor allem auf PS-starke Autos steht.

Die Kamera macht sich in dieser ersten Hälfte den Stoizismus ihrer Figuren zu eigen, blickt starr von Stativ auf die Trailerparks und Gewerbegebiete der amerikanischen Peripherie, schaut den Schauspielern lange und unentwegt in die Augen wie beim Duell. Auch der trockene, verpennte Humor spielt mit hinein in die phlegmatische Atmosphäre. Pointen streifen eher vorbei, als dass sie zünden, bleiben im Raum stehen, ohne dass jemand drauf eingeht – etwa wenn ein Gerichtsbeamter Driver Handschellen anlegen will, der nur lethargisch einen gesunden Arm und eine Prothese hebt und dann beide ratlos mit den Schultern zucken.

Unterhalb der Country Roads

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Soderbergh beweist sich in diesen Passagen als gewiefter Weltenbauer mit quasi soziologischem Gespür für Milieus und bezeichnende Details: Die Kamera ist gerade niedrig genug kadriert, um die Sektflöte in Katie Holmes’ (sie spielt eine Vorstadt-Mum) Hand baumeln zu sehen, während um sie herum drei Kinder, ein Langeweiler-Ehemann (David Denman) und ein Ex (Tatum, Ex-Quarterback) wirbeln. Ein Glas wie ein Statussymbol und Accessoire, glitzernd im Licht der Nachmittagssonne, darin gespiegelt ein ganzer Desperate-Housewives-Suburbia-Kosmos. Anderes Beispiel: Tatum auf der Heimfahrt im Pick-Up, nachdem er gefeuert wurde (wegen seiner Kriegsverletzung will ihn keine Krankenversicherung). Er fummelt eine Selbstgebrannte aus der CD-Tasche, schiebt sie ins Autoradio, und es läuft: John Denvers „Take me home, country roads“. Zeitgenössische Probleme, aus der Zeit gefallene Technik, zeitloses Americana. Voilà, wir haben eine Welt.

Und diese mit Schönheitswettbewerben, Bob-Seger-Pullis und Leopardenfellmuster ziemlich lückenlos verfugte, ergo „authentisch“ wirkende Welt bevölkert Soderbergh nun mit einem A-Cast, das sich mit Hingabe in Fake-Südstaaten-Akzenten suhlt. Spätestens wenn sich der Brite Daniel Craig am Kaugummi-Slang der Appalachians versucht und der Amerikaner Seth MacFarlane einen egoverliebeten Briten gibt, sollte man aufhorchen und anfangen, die gewitzte Mehrbödigkeit von Logan Lucky zu spüren.

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Denn mit der erwähnten gut einstündigen Überfallsequenz (die Gefängnisaus- und -einbrüche, Kakerlaken und PS-starke Karren umfasst) biegt der Film vom Downbeat-Humor in die Gefilde altvertrauter Soderbergh-Smartness ein. Der Folk-Soundtrack wechselt zu gewohnt nervtötendem Bigband-Swing, die Kamera wird mobiler und schwenkt rasch Gänge auf und ab, und die Einbrecher, vor allem Titelheld Logan, lassen ihre Gewieftheit hinter der nur scheinbar tumben Provinzdeppenmine erkennen. Modus: Bauernschläue. Logan ist also Oceans proletarischer Zwilling: Blaumann statt Tuxedo, West Virginia statt Tessin, Nascar statt Roulette. Zerknitterte Zwanziger in Müllsäcken statt akkurat gestapelter Briketts mit Banderole. Es unterscheiden sich die Accessoires und Techniken, die Denke aber bleibt die alte. Smarter sein als die anderen.

Gangster und Patrioten

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Nach diesem Modus Bauernschlau funktioniert auch der Film selbst: Er lässt sich nicht in die Karten schauen. Bei Logan Lucky ist die Zuschauerposition eher die des Mitläufers als des Mittäters, der Überfall baut sich allmählich aus einer die Mechanik von Handlungen (Keller auskundschaften, Auto klauen, Gefängnisaufstand anzetteln) zusammen, die sich erst spät und selbst dann nie ganz zu einem Masterplan zusammensetzen. Also permanentes dumm-schlau. Das Ergebnis ist nicht Suspense, sondern, wenn man so will, Despense, ein Spannungsfilm ohne Spannung. Übrig bleibt zuletzt ein dumpfes Vertrauen, dass das alles schon irgendwie durchdacht worden sein muss, von der Gangstergruppe, von ihrem Mastermind Logan, oder zumindest von Soderbergh und Drehbuchautorin Rebecca Blunt.

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Aber eben weil der Film seine zuvor meisterhaft gebaute Südstaaten-Welt so unversehens zur Kulisse degradiert, wird die ganze Heist-Prämisse problematisch, oder besser gesagt: Die problematischen Prämissen so ziemlich aller Heist-Filme treten zutage. Denn sie fußen auf dem, was Luc Boltanski in seinem Buch Rätsel und Komplotte kritisch als den Glauben an eine „grundsätzliche Berechenbarkeit der Welt“ bezeichnet. Gemeint ist, dass sich Menschen grundsätzlich vorhersehbar verhalten, genau im richtigen Moment um die Ecke biegen, um die Gangster gerade zu verpassen, genau im richtigen Moment feige sind und nicht nachschauen, genau im richtigen Moment die Feuerwehr rufen, damit man sich im geklauten Kostüm unter sie mischen kann. Dieses Weltbild gehört dem Geist der Polizei, weshalb der smarte Gangster bei Boltanski auch als umgedrehter Detektiv erscheint: Beide messen sich im Spiel „Wer ist schlauer darin, die regelbasierte Welt zu durchschauen?“ Das Ganze wird umso problematischer, wenn man aus Ocean’s Casino-Universum (in der eh jeder jeden bescheißt) in ein mit Realitätsglasur übergossenes „Ehrliche Leute“-Setting wechselt, weil der Humor dann nicht eine ohnehin schon wertentleerte Welt trifft, sondern eine mit Werten kämpfende Welt entleert.

Aber solch verbissene Kritik zielt ein bisschen am Film vorbei, der letztlich eben nicht viel mehr als ein Genrevehikel im unverbrauchten Setting ist, und der um seine die Werte aushöhlenden Potenziale ziemlich genau weiß. Auch dafür ein Beispiel: Während im Nascar-Stadium hunderttausendkehlig die Nationalhymne geschmettert wird, wird im Keller der Raub vorbereitet. Und das Versöhnliche ist, dass beides daran uramerikanisch wirkt, das Pathos und das Augenzwinkern, der Glaube und die Subversion, die Gangster und die Patrioten.

Trailer zu „Logan Lucky“


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