Lösegeld

Apo-Calypso: Wenn ein Leben zerstört wird. Lucas Belvaux erzählt davon, wie der Linksterrorismus das konservative System stärkt. 

Lösegeld 1

Eine rasante Exposition: Ein Tag im Leben des einflussreichen Industriellen Stanislas Graff (Yvan Attal), erzählt innerhalb weniger Minuten. Unterschriften im Büro, oberste Etage, Sekretärin, Fahrer; Lunch mit Repräsentanten der Politik, Penthouse-Sex mit der Geliebten, dann trautes Heim samt Familie und Butlerin; Zocken, Rückkehr ins Heim, zum Hund. Ein Mann, rastlos, immer in Bewegung, erfolgsverwöhnt.
Nächster Morgen: Frühstück, Entführung. Stillstand. Und ab jetzt: Destruktion.

Lösegeld 03

Lucas Belvaux, hauptberuflich Schauspieler und seit seiner Trilogie (Auf der Flucht / Cavale; Ein tolles Paar / Un couple épatant; Nach dem Leben / Après la vie; alle 2002) Belgiens große Regiehoffnung jenseits der Dardenne-Brüder, verlegt die Schwerpunkte des Entführungsthrillers. In einer seit Akira Kurosawas Zwischen Himmel und Hölle (High and Low, 1963) nicht mehr gesehenen Konsequenz negiert Belvaux das potenziell actionreiche Katz-und Maus-Spiel zwischen Gangstern und Polizei zugunsten einer Perspektive, wie man sie eher aus Friedrich Christian Delius’ Roman Ein Held der inneren Sicherheit (1981) kennt. In dessen fiktiver Variation der Schleyer-Entführung geht es um die veränderte Weltwahrnehmung eines Managers, nachdem sein Boss, ein Industriellen-Führer, verschwunden ist. Wie sich die Außenwelt rearrangiert, wie andere ins entstandene Vakuum stoßen, wie der einzelne mehr oder minder Betroffene moralisch auf eine solche Situation reagiert und was das eigentlich über den Zustand einer Nation sagt, davon schreibt Delius. Sein Fazit: Im Endeffekt stärkt der Linksterrorismus das konservative System.

Lösegeld 02

Belvaux blickt abwechselnd auf die Reaktion des vermeintlich angegriffenen Systems und auf das Martyrium der Privatperson. Tatsächlich trifft es Graff nicht als Repräsentanten. Und obwohl die Interessen der Entführer rein finanzieller Natur sind, gelingt auch Belvaux eine faszinierende Systemanalyse, indem sein Blick jenen gilt, die das Lösegeld aufbringen sollen: Graffs Familie und seinem Unternehmen. Parallel dazu, wie er in Gefangenschaft gebrochen wird, zersetzt sich auch sein familiales Gefüge.
Belvaux erzählt das nicht als Drama, sondern mit einer seltsamen, faszinierenden Distanz. Er lässt sich auf keine Genrespielereien ein, verfolgt sein Ziel mit derselben Konsequenz wie die Erpresser ihres. So entpuppt sich Lösegeld als wirklich harter, deprimierender Film, ohne dass den Figuren auch nur Mitleid gegönnt würde.

Trailer zu „Lösegeld“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.