Live aus Peepli - Irgendwo in Indien

In Indien begehen jedes Jahr schätzungsweise 17.000 verschuldete Bauern Selbstmord. Das ist die schreckliche Realität hinter dieser bitterbösen Mediensatire.

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Der Bauer Natha (Omkar Das Manikpuri) steckt tief in der Klemme: Er ist pleite, sein Land soll zwangsversteigert werden, seine Frau beschimpft ihn den ganzen Tag als Taugenichts, seine Mutter verflucht sowohl ihn als auch die Schwiegertochter – und als Ausweg aus all dem bleibt nur der Selbstmord. Nicht, weil er seine Lage nicht mehr erträgt, sondern weil es ein Sozialprogramm der Regierung gibt, das den Hinterbliebenen von durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Bauern Geld verschafft. Und während Natha verzweifelt nachdenkt, tritt er in einen Kuhfladen. Auch für Slapstick ist Zeit in dieser ansonsten sehr bitteren Tragikomödie, die mit beißender Satire schlimme gesellschaftliche Zustände in Indien beschreibt.

Und dabei kriegen alle ihr Fett weg. Die korrupten Bürokraten, die für Natha nur Spott und eben den Tipp zum Selbstmord übrig haben. Die Politiker, die ihre Wahlkampf-Chance sehen, die Medien. Das Fernsehen wird aufmerksam auf den angekündigten Tod, und im Nullkommanichts ist das ganze Dorf von Übertragungswagen belagert. Kameramänner verfolgen den armen Bauern noch bis zur Verrichtung des menschlichsten aller Bedürfnisse, schöne Nachrichtenmoderatorinnen zerren jeden Dorfbewohner, der nicht schnell genug wegrennt, in ihre Sendung.

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Regisseurin und Autorin Anusha Rizvi war früher selbst Fernsehjournalistin, der Medienzirkus in ihrem Debütfilm nimmt daher den breitesten Raum ein und wirkt sehr überzeugend. Ein Hauch von Billy Wilders Reporter des Satans (Ace in the Hole, 1951) geht dann durch den Film. Neben der ehrgeizigen, das Spiel skrupellos mitspielenden Starreporterin gibt es auch Figuren wie den jungen Lokalreporter (Nawazuddin Siddiqui), der erst eine Karrierechance wittert, dann aber immer mehr Zweifel an seinem Beruf bekommt.

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„Herr Minister, was ist der größte Erfolg Ihrer Regierung?“, lautet die arg anbiedernde Frage eines Interviewers. Und die Berichterstattung über Natha dient natürlich nicht der Aufklärung über die himmelschreiende Armut auf dem Land in Indien, wo Selbstmorde verschuldeter Bauern tatsächlich ein Riesenproblem sind. Sie dient vielmehr den politischen, finanziellen und sonstigen Interessen unterschiedlichster Gruppen. Gleich nebenan schuftet sich ein armer, alter Mann buchstäblich zu Tode, aber der junge Reporter ist der Einzige, der diese Geschichte sieht – und der niemanden findet, der sie hören will.

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Live aus Peepli – Irgendwo in Indien (Peepli Live), der Kandidat Indiens im Rennen um den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film, zerfasert in seiner Struktur leider ein wenig, weil er die vielen Figuren und Interessengruppen nicht straff genug organisiert. Und ähnlich wie die Medien auf der Leinwand macht der Film die soziale Situation der Landbevölkerung nicht zu seinem Zentrum. Die wird eher vorausgesetzt als beschrieben. Die Zusammenhänge, die hinter den Bauernselbstmorden stehen (teures genverändertes Saatgut, Konkurrenz auf dem Weltmarkt, Wucherzinsen bei Krediten), sind kein Thema, der angekündigte Suizid selbst eigentlich nur der Aufhänger für eine Darstellung unfähiger Eliten. Die allerdings gelingt mit pointiertem und makabren Humor so gut, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt.

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