Little Thirteen

„Kein Schwanz ist so hart wie das Leben.“ Christian Klandts Sozialdrama ist kein Wunschkonzert – wie auch, wenn Wünschen nie gelernt wurde!

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Die soziale Welt, in die Regisseur Christian Klandt dieses Mal abtaucht, ist zwar knalliger und bunter als das Plattenbaugrau seines Spielfilmdebüts Weltstadt (2009), aber Little Thirteen ist nicht minder angefüllt mit sozialer Tristesse. Rausch ist Grundzustand, Geborgenheit wird mit dem Nächsten im Bett gleichgesetzt. Alkohol, Zigaretten, Nutella, Pillen und vor allem Sex, das sind die Dinge, die eine im Film nie ausgesprochene innere Leere füllen sollen. Die beiden Hauptfiguren sind vor allem eins: jung, krass und emotional auf ihre Körper reduziert. Klandt blickt in seiner Geschichte hinter das Fliegengitter der Wohnsilos der Großstadt Berlin und findet einen riesigen Haufen Puzzleteile, die alle nach einem großen Ganzen suchen und ihr Glück in der flüchtigen Begegnung wahlloser Körper zu finden glauben.

Schockiert sind die Figuren des Films selten. Mit 13 steht Sarah (Muriel Wimmer) ihrer drei Jahre älteren und besten Freundin Charly (Antonia Putiloff) in nichts nach: „Ich will nicht weg von hier. Ich weiß, wie man hier glücklich wird. Ich mache einfach die Augen zu und stelle mir vor, dass es immer der gleiche Typ ist.“ Eine Diskrepanz zwischen Zuschauerreaktion und Leinwandrealität, die im Film immer wieder greift. Nicht die Entdeckung der Sexualität ist hier das Neue, sondern das Aufkeimen des Verlangens nach dem, was für viele der körperlichen Liebe wie selbstverständlich vorausgeht: Vertrautheit, Zuneigung, Nähe und Beziehung. Sarah und Charly sind Kinder einer Sozialisation des Mangels, die in den Medien zur Genüge reißerisch und voyeuristisch ausgenommen wird. Klandt hingegen erzählt keine exploitative pubertäre Absturz-Geschichte – ausgelöst von Drogen- und Alkoholkonsum –, die in sexuellem Eskapismus gipfelt. Er richtet seinen Blick auf einen Alltag, in dem sexuelle Übersättigung soziale Realität ist und ein Absturz kaum möglich, denn wenn es nie ein Oben gab, kann es auch nicht abwärts gehen.

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Muriel Wimmer verkörpert in der Rolle der Sarah mit beeindruckend roher Offenheit den Teenager, für den Aufklärung bedeutet, von Mama den Vibrator als Leihgabe angeboten zu bekommen. Ähnlich wie in Weltstadt, wird von den Figuren selbst wenig offenbart, vielmehr definiert Klandt seine Charaktere durch deren detailreiche Umwelt, und so werden die Wohnräume und die Architektur der Stadt in Little Thirteen lesbar wie ein Palimpsest, in dem sich Schicht um Schicht das Ausmaß der emotionalen Verwahrlosung und Vernachlässigung abgelagert hat: Bei Sarah und Mutter Doreen (Isabell Gerschke) spielt sich das Leben zwischen Meerschweinchenkäfig, vulgären Postkarten, null Intimsphäre und rosa Plüschgetier ab; Mutter-Tochter-Rollen werden getauscht und geteilt wie das Glitzertop im Schrank. Charly versucht durch Schwangerschaft den Sprung in die eigenen Sozialwohnung; weg von einem Zuhause, in dem die eigene Mutter die Flucht vorm perspektivlosen Alltag über Lethargie und Südseepuzzle kompensiert und darüber sowohl Charly als auch ihre jüngeren Geschwister vergisst. Die Außenräume lassen zwar zumindest den Anschein von Freiheit aufkommen, doch auch wenn die Drehscheibe auf dem Spielplatz für Charly und Sarah die umliegende Welt zum Strudel verschwimmen lässt, findet die Bewegung fixiert am selben Punkt statt, und die Sonnenblumen auf dem Hochhaus bleiben ein immer wiederkehrendes, überdimensioniertes Trugbild von natürlicher Lebendigkeit, aufgepinselt auf Beton.

Fast märchenhaft kündigt sich da Gymnasiast Lukas (Joseph Konrad Bundschuh) in Sarahs Leben an, auch wenn dessen Absichten – er bessert mit selbstgedrehten Pornofilmchen sein Taschengeld auf –  von Beginn an fragwürdig sind. Dennoch, diese Onlinebekanntschaft erlaubt Sarah für einige Augenblicke, ästhetisch zu träumen. Kurzzeitig vergisst man die derbe Sprache, und für einige wenige Augenblicke kann man sich dem Bild der küssenden Teenager in bunten Lichtstrahlen hingeben – um dann kurz darauf in einer pervertierten Dreieckskonstellation im Bett mit Sarah, Lukas und Doreen zu landen.

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Während Sarah in ihrer sexuellen Orientierungslosigkeit durchaus facettenreich dargestellt wird, verflachen die Randfiguren in Little Thirteen leider stellenweise zu stereotypen Vorstellungen über die aussichtslose Lage am unteren Rande der Einkommensklasse als einzige Begründung für die emotionale Verkümmerung. Nur von Lukas weiß man, er kommt aus einem anderen Milieu, ist jedoch seinerzeit versehrt durch die problembehaftete, lieblose Beziehung der Eltern. Manchmal ist diese Art der Psychologisierung als Erklärungsversuch – gerade vor dem Hintergrund der Komplexität der zentralen Problematik des Films – zu plakativ. Doch Klandts Blick auf sein Thema zeichnet vor allem aus, dass er ihm auf Augenhöhe begegnet, nicht von oben herab. Er bleibt nah an seinen Figuren und erzählt so eine sehr intensive Geschichte, die sich in ihren Begründungen des Status quo gleichwohl zu sehr auf Schlagworte wie Perspektivlosigkeit, Verwahrlosung und emotionale Armut stützt und bisweilen einen Kulturpessimismus vermittelt, den er mit seinem offenen Blick eigentlich dekonstruieren könnte.

Little Thirteen 10

Dreizehn ist für viele die magische Grenze, der Beginn der Pubertät, der Abschied von der Kindheit. Das sind Grenzen, die in der Wirklichkeit von Little Thirteen nie existiert haben. Klandt zeigt eine Sozialisation in einem in sich geschlossenen Kreis, in dem es weder eine verspielte Kindheit noch ein erfülltes Erwachsenenleben als Entwicklung gibt. Das wird schmerzlich bewusst, wenn zwei spielende Kinder auf der Straße Sarah hinterherbrüllen: „Hau ruhig ab, du Schlampe, gehst du jetzt zu deiner Mutter?“, und die Tragik des Satzes darin liegt, dass die Mutter nicht der Schutzraum, sondern die „Schlampe“ im Bett des eigenen Freundes ist.

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