Little Men

Klassenkampf im gleichen Haus: Ira Sachs erzählt auf Kinderhöhe von Gentrifizierung.

Little Men 3

12 Minuten und 23 Sekunden, so ihr Messergebnis, brauchen Jake Jardine (Theo Taplitz) und Tony Calvelli (Michael Barbieri) von Jakes Wohnung zu Tonys, eine Strecke, die Little Men nur zu gern abfährt, dreht sich doch der ganze Film um das Verhältnis zwischen diesen beiden Haushalten, und ums Überbrücken. Unter den vielfachen, miteinander verwobenen Verbindungen, die der Film zwischen den Jardines und den Calvellis anlegt, ist der durch Brooklyn führende Weg am einfachsten auszuloten, zu bemessen und zu begehen. Geschmeidig braust die Kamera mit den beiden etwa Zwölfjährigen durch die Straßen, gibt sich dem Rausch hin, auf Rollen durch die Stadt zu gleiten. Diese Stadt mag ein auf die Bedürfnisse von Erwachsenen zugeschnittener Raum sein, hier eignet sie sich mühelos als Spielplatz, lässt sich in zarter Kameradschaft erobern. Sanftes Geklimper zur Leichtigkeit der Überfahrt, während die Stadt auf Kinderhöhe vorbeizieht; wäre alles nur so einfach, seufzt es förmlich aus dem Film heraus.

Oben wird geerbt, unten gearbeitet

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Die titelgebenden „little men“ haben nur Roller und Inlineskates, aber in diesem Film sind sie die Mobilen; diejenigen, die Strecken zurücklegen, Distanzen überbrücken, weiterkommen, vorwärtskommen. Während die Freundschaft zwischen den beiden Jungen in einer Vielzahl von Orten blüht und man sie immer wieder on the road sieht, verharren die Erwachsenen nicht nur in ihren Positionen, sondern wörtlich auch in dem, was sie zu verteidigen meinen. Das Haus in Brooklyn ist dabei nicht nur den Ort, an dem der Konflikt entbrennt, sondern liefert auch eine Allegorie der Machtverteilung, die diesem Konflikt zugrunde liegt. Denn nach dem Tod seines Großvaters zieht Jake mit seinen Eltern in die geerbte Wohnung im oberen Stockwerk jenes Hauses, in dem unten im Erdgeschoss Tonys Mutter Leonor (Paulina García) eine Boutique betreibt, die ihr von Großvater Jardine zeitlebens zu einer Freundschaftsmiete überlassen wurde; ein Bruchteil des Preises, den man im mittlerweile gentrifizierten Brooklyn verlangen könnte. Nun ist der Großvater tot und der Vertrag muss neu ausgehandelt werden.

Klassenkampf unter uns

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Little Men ist also die Geschichte einer kindlichen Freundschaft, in die erwachsene Konflikte gespritzt werden – eine Zerreißprobe mit offenem Ausgang. Auch wenn der Film beflissen die Unterschiede markiert – auf der einen Seite der androgyne und zurückhaltende Außenseiter Jake, auf der anderen der draufgängerische Hispanic Tony –, täte man ihm Unrecht, wenn man ihn auf die Feier einer alle Differenzen überkommenden Freundschaft reduzierte. Denn Little Men zeigt zwei erstaunlich ähnliche Jungen, pfiffig, kreativ, künstlerisch ambitioniert. Interessanterweise sind auch die beiden Familien, die einander gegenüberstehen, gar nicht so weit voneinander entfernt. In Little Men kollidieren nicht immer reicher werdende Reiche mit immer ärmer werdenden Armen, sondern zwei wirtschaftlich ähnlich aufgestellte Familien, die sich hauptsächlich dadurch unterscheiden, dass die eine dank eines Erbes zur Eigentümerin wird, während die andere in Ermangelung desselben zum Mieterdasein verdammt bleibt.

Formelles Gesetz gegen informelle Solidarität

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Ira Sachs inszeniert einen Klassenkampf, aber einen intimen; Klassenkampf gewissermaßen dort, wo die Klassen erst überhaupt zaghaft geboren werden, wo die Grundlagen gelegt werden für ein späteres Auseinanderklaffen; dafür etwa, dass es Jake auf die teure Kunsthochschule schaffen wird, nicht aber Tony. Auch fragt der Film nach dem Verhältnis zwischen dem, was einem qua Gesetz zusteht und dem informell Praktizierten. Little Men spürt den Konflikt genau dort auf, wo gesetzlichen Ansprüchen ein solidarisches Arrangement entgegenhalten wird, das dem Wohlwollen Einzelner zu verdanken ist. Denn es war das explizite Anliegen von Jakes verstorbenem Großvater, Leonor im Haus zu behalten und der Gentrifizierung entgegenzuwirken. Während diese Leonor den ganzen Film über eine undurchsichtige Figur bleibt, sind Jakes Eltern moralisch einfacher zu verorten, entziehen sich aber auch einer vollständigen Ablehnung seitens des Films. In Little Men hat niemand edle Gründe, aber jeder hat Gründe, erhebt Ansprüche, die allesamt nicht von der Hand zu weisen sind. Nur die Kinder gehen unbefleckt aus der ganzen Misere hervor, üben sich in utopischen Visionen eines anderen Zusammenlebens. Es sind die „little men“, die Ira Sachs der Gier der Erwachsenen entgegenhält.

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