Little Children

Kleinstadt- und Elterntristesse führen zu Verwicklungen. Wie „Little Children“ benehmen sich dabei manchmal auch die Erwachsenen.

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Die Frauen am Kinderspielplatz nennen ihn den „Prom-King“, den strahlenden Gewinner des Abschlussballs. Dabei wirken sie alle als läge ihre High-School-Zeit schon eine ganze Weile hinter ihnen – umso hingebungsvoller, mit einer Mischung aus unpassender Koketterie und gespieltem Altjungferncharme, beschäftigen sie sich mit dem einzigen Vater vor Ort. Nur Sarah (Kate Winslet) sticht aus dieser Gruppe um Ordnungsfanatikerin und Planungsgenie Mary-Anne (Phyllis Sommerville) heraus. Über die Kinder bricht sie die Distanz zum sportlichen jungen Brad (Patrick Wilson). Aus einem albernen Streich, den sie der restlichen mütterlichen Spielplatzbelegschaft spielt, wird Ernst.

Humor und Ernst, das liegt immer nah beieinander bei Little Children, bis zur Verschmelzung. Häufig scheint der Humor ironisch, gar satirisch, dann erlangen die Probleme wieder universellen bis tragischen Charakter. Die titelgebenden Kinder sind Auslöser all der Handlungen, die den ehemaligen Polizisten Larry (Noah Emmerich), den frisch entlassenen Kinderliebhaber mit exhibitionistischer Veranlagung Ronnie (Jackie Earle Haley), sowie die Ehepaare Pierce und Adamson in einer Kleinstadt zusammenführen. Die Protagonisten kommentieren das Geschehen dabei selbst in zum Teil größeren Abständen per Voice-Over.

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Regisseur Todd Field verlässt sich bei dieser Konstellation zunächst ganz auf den gleichnamigen Roman Tom Perrottas, der bereits die Vorlage zu Alexander Paynes Election (1999) geliefert hatte. In seiner wechselnd tragischen und komischen Betrachtung dieses Mittelschicht-Gemeindelebens, das immer wieder auf ironische Distanz setzt, verortet sich Field insgesamt in einem filmischen Koordinatensystem, das von anderen Filmemachern seiner Generation wie eben Payne und Solondz geprägt ist. Darüber hinaus scheut Field nicht davor zurück, dem Fernsehaushängeschild dieses Marktsegments, Desperate Housewives (seit 2004), bestimmte Handlungselemente abzuschauen, etwa die garstige Schwiegermutter als Überwachungsorgan.

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Im Zentrum steht das Verhältnis zwischen Sarah und Brad, außerdem kristallisieren sich Larry und Ronnie als Antagonisten heraus. Diese Konzentration hat zur Folge, dass die Ehepartner der beiden Erstgenannten vor allem im Falle Kathys (Jennifer Connelly) sehr auf ihre dramaturgische Funktion reduziert werden. Richard wird zwar eine eigene durchaus pointierte Geschichte gewährt, die ist jedoch schon bald erzählt und dient von da an als Hintergrund für das, was sich zwischen Sarah und Brad abspielt. Insofern unterscheidet sich Little Children von typischen Ensemblefilmen. Vor allem von Versuchen wie L.A. Crash (Crash, USA 2004), die sich bemühen, ein komplexes Geflecht möglichst vieler Charaktere qua Drehbuchvolten zusammenzuführen, setzt sich dieser Film ab. Das bietet ihm sehr viel Freiraum, die Geschichte zu entwickeln, ohne dass vermeintlich unsichtbare Fäden durchschimmern. Und diesen Raum nutzt Field.

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Die schlichte Ausgangskonstellation zweier in ihrer jeweiligen Ehe vom (Kinder-) Alltag angeödeter Menschen dient dabei als Sprungbrett für mal skurrile und mal sehr analytische Episoden, die vor allem durch ihre Verankerung in einem speziellen Setting gekennzeichnet sind: Was zwischen Sarah und Brad stattfindet, entwickelt sich an öffentlichen Orten. Neben dem Spielplatz gibt es da vor allem eine öffentliche Badeanstalt und ein Footballfeld. Im Grunde genommen zielt Field immer wieder auf diese Nahtstellen zwischen öffentlicher und privater Wahrnehmung, zwischen öffentlicher und privater Rolle. Dabei strebt Brad nach einer Anerkennung, die ihm seine Frau offenbar nicht bieten kann. Und die sich scheinbar am leichtesten in öffentlichen Gruppen findet – egal, ob es sich um Skater, ein Footballteam, oder die Nachbarschaftsüberwachung handelt. So eine Gemeinde bietet allerlei Möglichkeiten der Zugehörigkeit – nur für potentielle Kinderschänder sieht es schlecht aus. Die werden am öffentlichen Pool unter Generalverdacht gestellt und schon mal von der Polizei abgeführt. Field zeigt diese Radikalität, aber ohne erhobenen Zeigefinger oder überambitionierte politische Verweise. Nein, Ronnie ist kein Quasi-Terrorist. Und Field lässt es sich auch nicht nehmen, ihn in Situationen zu zeigen, die dem Verhalten der Elternschaft gar eine Basis geben.

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Innerhalb dieses gläsernen Koordinatensystems der öffentlichen Orte gibt es nur wenige Refugien für ein heimliches Liebespaar: Wäsche- und Dachkammern. Die Verortung seiner Figuren in diesem hermetischen Universum ist die große Stärke des Regisseurs. Dabei setzt er sein Publikum immer wieder in Distanz zu den Menschen auf der Leinwand, deren Probleme im einen Moment noch banal wirken, im nächsten schon wieder universell. Doch gerade, weil er im Kontext eines Unterhaltungsfilms auf allzu gebräuchliche Sympathisierungs-Strategien verzichtet, gewinnt das Szenario eine Dimension, die nicht häufig im gegenwärtigen amerikanischen Kino vorzufinden ist.

Getragen durch diese Qualitäten entwickelt sich Little Children zu einem sehr kurzweiligen Kinoerlebnis von besonderem Witz. Dabei täuscht Field immer wieder dramaturgische und emotionale Höhepunkte an, die er meistens unterläuft. Diese Finten ziehen sich bis zum Ende, das diesem auf eine selbstbewusste und originäre Weise fransigen Film plötzlich abrunden soll. Die beiden Protagonistenpaare werden zueinander geführt und abgestoßen, einer Gesetzmäßigkeit folgend, die sehr filmisch, ja anorganisch, wirkt. Am Ende dieses Showdowns schließt die Erzählerstimme den Vorhang dieser Geschichte, deren Schluss die unerwartete Möglichkeit bietet, Little Children als durchaus wertkonservative Moralgeschichte zu lesen.

Eine Tatsache, die das Werk dieses Regisseurs, gerade in Rückbezug auf sein Erstlingswerk In the Bedroom (2001), umso irritierender und spannender macht.

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Kommentare


Oliver Reinhard

"Prom-King" hat mit Examen und Studienabschlusss nichts zu tun. Für die Spielplatz-Hausfrauen ist Brad der "Promenade-King" der König der Spazierengeher, der Müßiggänger


Stu

Legt das die deutsche Synchronisation nahe? Im Amerikanischen ist der "Prom-King" der gewählte Sieger beim Abschlussball in der High-School. Und mit ihm wird die Prom-Queen gewählt.


Geli

In der deutschen Synchronisation ist Brad der "Ballkönig".
Das trifft es doch genau.






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