Listen Up Philip

Die Mumblecore-Schraube weiterdrehen, bis es kracht: Alex Ross Perry nähert sich der Autonomiefiktion eitler Literaten nicht gehässig, aber ohne Erbarmen.

Listen Up Philip 05

Alex Ross Perrys The Color Wheel war ein vielleicht notwendiger Exorzismus für das US-amerikanische Independentkino jenseits von Sundance, wie es sich etwa in den letzten zehn Jahren um das Mumblecore-Label gruppierte. Mumblecore – wohl auch deshalb stark rezipiert, weil derlei griffige Bezeichnungen schnell nach aufregendem Trend und zeitdiagnostischer Bedeutung klingen – lässt sich auch als Versuch der Abkürzung einer doppelten Distinktionsbewegung fassen, die das Indie-Kino in seiner Abgrenzung vom Mainstream seit jeher umtreibt: den Beleg der eigenen Originalität durch erzählerische Innovation und Dialogwitz und die gleichzeitige Suche nach einem aufrichtigeren, wahrhaftigeren Kino; zugleich bessere und weniger Konstruktion. (Man könnte vielleicht von einem Allen-und einem Cassavetes-Pol sprechen.) Im Selfie-Modus des Mumblecore entstanden dabei dokumentarisch anmutende Filme über witzige, nachdenkliche und häufig scheiternde Kreativlinge mittleren Alters. In Perrys Laberkino war das Diskursive dagegen weder Unterhaltungs-Selbstzweck noch So-sind-wir-heute-Diagnose. In seinem Color Wheel drehte er die Schraube nochmals weiter und zerstörte damit das intimistische Gewinde. Er zeichnete die selbstreflexive Geschwätzigkeit nicht einfach auf, sondern warf sie in eine gewagte Konstruktion, sodass nicht nur ihre Leere oder Folgenlosigkeit zum Vorschein kamen, sondern eine, wenn man so will, wahrhaftigere Schicht freigelegt wurde.

Poetische Marginalien

Listen Up Philip 07

Diesem Projekt verschreibt sich auch Listen Up Philip, Perrys neuester, nun mit reichlich Schauspieler-Prominenz ausgestatteter Film, der mit seinem Vorgänger zentrale thematische Elemente teilt, atmosphärisch aber gänzlich anders daherkommt. So bildet zur pessimistischen Grundstimmung der Handlung ein nie so richtig enden wollender Jazz-Score einen wunderschönen Kontrapunkt. In die erneut auf 16mm-Material aufgenommenen Bilder ist zudem die Farbe zurückgekehrt, wenn auch in einem eher erdigen, nostalgischen Ton. Zum offensiv ästhetisierten Look bewegter Polaroids gerinnen diese Bilder nur in einer für die Erzählung eher unbedeutenden Sequenz: Ashley (Elisabeth Moss) und ihre Schwester, die schon bald wieder abtauchen wird, schwelgen im Gegenlicht in Kindheitserinnerungen. Dem Randständigen verhilft Perry zu poetischem Ausdruck, das eigentlich Zentrale dokumentiert er dafür umso erbarmungsloser – wenn etwa der in die Jahre gekommene Schriftsteller Ike (Jonathan Pryce) zusammen mit einem Freund zwei Frauen mit nach Hause bringt, ausschweifend schwadroniert, dann aber kurz mit sich allein ist, um in der Küche für Drinks zu sorgen. Die glücklicherweise rasch vorübergehende Einsamkeit, wenn man in berauschtem und euphorisiertem Zustand plötzlich der Kommunikation verloren geht, in der Luft hängt zwischen der Verlängerung der gerade konsumierten Fremd-Affekte und dem unangenehmen Außenblick auf das eigene betrunkene Selbst. In einem Film mit Maschinenpistoldialogen wie diesem sind solche Momente besonders rar und deshalb wertvoll.

Der Intellektuelle ist sich selbst genug

Listen Up Philip 03

Die kleinen Unsouveränitäten des Alltags noch der souveränsten Personen, sie bilden im Kleinen ab, was Perry im Großen vorhat: Hommage an die und Dekonstruktion der Persona des american novelists, verkörpert vom Erfolgsautor vergangener Zeiten Ike und seinem Protegé Philip (Jason Schwartzman), dem eigentlichen Protagonisten. Perry eignet sich literarische Methoden filmisch an – die genaue Beschreibung von Gefühlslagen per Erzählerstimme, die Perspektivenwechsel, die stets im Moment verankerten, aber doch deutlich geschriebenen Dialoge –, um den Blick auf die Produktion dieser Literatur zu lenken. Nicht auf die bekannten  Motive wie Weltschmerz, Writer’s block oder das Leiden an der eigenen Kreativität hat er es dabei abgesehen, sondern vor allem auf das Verhältnis der genialen Schöpfer zu ihrem Alltag und den Personen um sie herum. Listen Up Philip spaltet den Habitus und das Selbst(ständigkeits)verständnis des intellektuellen, männlichen Schriftstellers in zwei Figuren, macht ihn dadurch erst als Habitus sichtbar und konfrontiert Ike und Philip mit auf reifere Weise selbstständigen weiblichen Figuren, durch deren Augen der Autonomiewahn der Männer nun ziemlich erbärmlich und destruktiv erscheint.

Verharren, wenn man weiterziehen muss

Listen Up Philip 01

Wenn Listen Up Philip nach einer ersten Trennungsszene zwischen Philip und Freundin Ashley nicht den Weg des Schriftstellers weiterverfolgt, sondern sich solidarisch mit der Verlassenen zeigt, während Philip erst mal komplett verschwindet, dann ist das nicht bloß dramaturgische Distinktion über „anderes Erzählen“ oder Lippenbekenntnis zur Geschlechtergerechtigkeit. Dieser Bruch im Narrativ ist vor allem ein Bruch mit jener Logik, die einem nicht unerheblichen Teil US-amerikanischer Literatur innewohnt: in der Mann sich als Getriebener imaginiert; auf innerliche oder äußerliche (Anti-)Heldenreisen geht, in denen immer etwas zurückgelassen wird, weil man wieder on the road muss. Das eigene Leiden in die kreative Produktion sublimiert, wird weitergezogen und das Heulen den Weibern überlassen. Der lange Close-up auf Ashley, wenn sie im Angesicht eines bitteren Wiedersehens dann nicht schreit und flennt, sondern eben wechselt zwischen Weinen und Lachen, zwischen Stärke und Schwäche, zwischen Erinnerung und Befreiung, ist der vielleicht affirmativste Ausdruck von Perrys sonst eher impliziter Ethik. Die Macher werden zu Gemachten, die von ihnen Behandelten zu Handelnden.

Filme über das, was wir sind

Listen Up Philip 04

Der eigentliche Protagonist ist also weniger Akteur als, worauf ja schon der Filmtitel hindeutet, ein Angesprochener. Was nicht heißt, Philip würde hier nur denunziert und Perry stilisierte sich zum Racheengel der für die Literatur missbrauchten Frauen. Listen up Philip nähert sich der männlichen Autonomiefiktion zwar unbarmherzig, aber gegenüber den Männern nicht gehässig, zu eng verstrickt ist Perry mit dem enthüllten Habitus. Doch macht er Filme nicht einfach über sich selbst (oder seine Generation, oder sein Milieu), sondern über etwas, was auch er selbst ist. Nicht die Analogie zwischen Mensch und Figur ist es, die den filmischen Blick aufs Leben zulässt, sondern die Sicht auf das Gemeinsame, aus dem Figuren wie Menschen gebaut sind. Und Menschen sind eben auch und vor allem aus anderen Menschen gebaut – das ist es, was Philip und Ike nicht verstehen können. Oder nicht wollen: „I just want to be a successful author, not a real person“, spricht Philip diese Lebensverweigerung einmal mit schonungsloser Ehrlichkeit aus, wie es vielleicht nur für wahrhaftige Zwecke konstruierte Figuren können, ohne dass es schief klingt.

Trailer zu „Listen Up Philip“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.