Der Fremde am See

Cruising für Fortgeschrittene.

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Einen friedlicheren Rahmen hätte sich Alain Guiraudie für seine Studie männlichen Balzverhaltens nicht aussuchen können: Das Setting von Der Fremde am See (L’inconnu du lac) ist ein lichtdurchfluteter Wald, in dem selbst der Voyeur nie unentdeckt bleibt, und ein angrenzender See, an dessen Strand sich die Männer liebevoll gegenseitig abholen. Es wäre eine märchenhafte Welt, wenn sie nicht gleichzeitig stark dokumentarische Züge trüge. Eine Inspirationsquelle von Guiraudie war ein FKK-Dorf am Mittelmeer in der Nähe vom Cap d’Agde, über das er einen Dokumentarfilm geplant hatte. Dass er ganz genau weiß, wovon er hier erzählt, schlägt sich besonders in den zwischenmännlichen Dynamiken nieder, die seinem Werk ein pochendes Herz und eine Heimat geben. Tatsächlich wäre wohl keine Bezeichnung für Guiraudies Arbeiten treffender als die des Heimatfilms. Als einer von ganz wenigen französischen Regisseuren ist er dem Süden des Landes verbunden und dreht ein ums andere Mal fernab der Großstädte, aber auch der Côte d'Azur. Sein Gestus ist dabei keiner der exotischen Entdeckung, sondern der brüderlichen Teilhabe an einer parabelhaften Realität (siehe Special: Das Kino von Alain Guiraudie).

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Franck (Pierre de Ladonchamps) ist ein attraktiver junger Mann, freundlicher Augenkontakt stellt sich zu den meisten der Cruisenden am schwulen Baggerort her. Doch am Strand gesellt er sich bald zum korpulenten Henri (Patrick d’Assumçao), der mit verschränkten Armen immer etwas abseits sitzt. Hier entspinnen sich kleine Apartés, Gespräche, die zur Einführung und als Echo des Hauptstrangs dienen. Henri und seine Freundin haben sich kürzlich getrennt, nun verzichtet er auf Sex. Geschichten mit Männern hatte er nur parallel zu seiner Beziehung, inzwischen, sagt er, suche er die Nähe in der Freundschaft. Guiraudie führt Menschen zusammen, oft folgen die Begegnungen weniger einem inneren Drang als äußeren Umständen – und der allgemeinen Zuneigung, der warmherzigen Aufmerksamkeit, die fast alle einander entgegenbringen. Franck und Henri unterhalten sich über fünf Meter lange Welse im See, kurz darauf ertrinkt ein Mann. Das trifft sich gar nicht so schlecht, denn es ist die Affäre von Michel (Christophe Paou), der nun wieder frei ist.

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Von Anfang an war Franck auf der Suche nach dem großgewachsenen, muskulösen Mann mit Schnurrbart, dessen Ähnlichkeit zu einem jungen Tom Selleck nicht zufällig ist. Wenn wir ihn mit den Augen von Franck das erste Mal sehen, schaut er diesem durch das Gras hindurch entgegen, pausiert lächelnd die anale Befriedigung seines Partners und führt sie mit der gleichen Nonchalance fort. Der Fremde am See setzt immer wieder auf Subjektivierungen, die mit der Cruising-Routine, die dem Film das Rückgrat geben, brechen. Aus der Subjektiven heraus offenbaren sich die Lust, das Verlangen und die Leidenschaft – sehr bald auch die Gefahr. Unter einen großzügigen Genrebegriff gefasst transformiert sich der Heimatfilm ganz nebenbei in einen Thriller. Die Parallele zu William Friedkins Cruising (1980) nimmt noch etwas deutlichere Konturen an. Obwohl die beiden Filme in jeder Hinsicht diametral gestaltet sind. Der Kommissar in Der Fremde im See ist mehr analytischer Psychologe denn fasziniert-abgestoßener Cop. Diese Figur, die immer wieder wie aus dem Nichts auftaucht, könnte im Biotop des weder gesellschaftlich noch rechtlich sanktionierten Cruisings die eigentliche Gefahr für die Protagonisten darstellen. Doch dafür ist auch er viel zu sehr um das Wohlergehen eines jeden bemüht.

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In den abgefahrenen früheren Filmen des Regisseurs, Pas de repos pour les braves (2003, TV-Titel: Wer schläft, der stirbt) und Voici venu le temps (2005), aber auch den kurzen und mittellangen Arbeiten, war die Welt immer gleich mehrfach verschroben: Durch absurde, sinnlose, aber drängende Abenteuer, ein mittelalterlich angehauchtes Paralleluniversum, fantastische Namen und Sagen, nicht zuletzt auch durch ein schwules Begehren, das gleichzeitig so unschuldig und so entwaffnend ehrlich wirkte, dass es nur mit großer Vorstellungskraft mit dem zeitgenössischen, auch queeren Kino zu vereinbaren war. Der Fremde am See ist auf den ersten Blick kein direkter Ableger dieser künstlerischen Ader, der Sex ist expliziter, die Motive sind sexueller. Das Märchenhafte ist im Gestus, das Absurde in der Struktur versteckt. Guiraudie hat erneut einen gleichzeitig geerdeten und beinahe fröhlich abhebenden, einen komödiantisch leichten Film gedreht. Der Kommissar plädiert für Vorsicht und liebevolle Umsicht. Der Außenseiter ist suspekt, weil er gekleidet bleibt. Jeder ist auf der Suche, keiner hat Angst, niemand senkt den Blick. Das ist eine Provokation, die sitzt.

Trailer zu „Der Fremde am See“


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