Lincoln

Innerhalb gewohnter historistischer Akkuratesse verzichtet Spielberg aufs Spektakel und entwirft eine kluge Neuformulierung der Faszination Lincoln.

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Der Kampf um die Freiheit wird im amerikanischen Kino häufig unmittelbar auf dem Schlachtfeld ausgefochten. Zahllose Großproduktionen, die sich der Geschichte ihrer Nation in fürsorglicher Absicht und mit aufopfernder Treue annehmen, vergolden überzeitliche Ideale wie Freiheit und Gleichheit, indem für deren Verwirklichung massenhaft auf der Leinwand gestorben wird. Steven Spielbergs Lincoln obduziert ein paar wenige Jahre der amerikanischen Chronik ohne großes Massenspektakel und verlegt sämtlichen Sensationswert von der Kriegsfront in die Räume des politischen Kalküls. Das Gefecht für die Freiheit findet im Weißen Haus und im Kongressgebäude statt, und jeder Schusswechsel ist ein rhetorischer. Das mag verwundern bei all dem Kollisionskino, das Spielberg (Gefährten, War Horse, 2011; Krieg der Welten, War of the Worlds, 2005) in der letzten Zeit produzierte, aber umso versöhnlicher stimmt einen Lincoln, sofern man die Kunstfertigkeit seiner früheren Filme schon vermisst hat.

Die Demokratie sei ein Experiment, so heißt es in den einleitenden Titeln zu Lincoln, und das formuliert schon eine ganz grundsätzliche politische These. Ein besonders heikler Punkt ist stets die Frage, wer überhaupt an ihr teilhaben darf und wer von ihr ausgeschlossen bleibt. Wenn der Demokrat George Pendleton (Peter McRobbie) in einer hitzigen Debatte im Repräsentantenhaus brüllt, es sei wider das Naturrecht, wenn man „Negern“ das Wahlrecht einräume oder ihnen gar Sitze im Kongress überlasse, dann artikuliert sich in diesem rassistischen Gutdünken auch eine bedenkliche Tradition, in der der Sklaverei jahrhundertelang philosophisch Recht gesprochen wurde. Von Aristoteles über Hobbes bis hin zu den Aufklärern der französischen Revolution wurde sie, wenn auch nicht immer ausdrücklich gutgeheißen, doch zumindest als nutzenverheißend verschwiegen.

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Der Feind, den Lincoln zu bezwingen als politisches Ziel erklärt, ist also weniger ein physischer als ein ideologischer. Es sind nicht die Truppen der konföderierten Südstaaten, sondern die konservativen Doktrinen der politischen Akteure im Washington seiner Zeit. Oft wurde die Abschaffung der Sklaverei in Amerika missverständlich gleichgesetzt mit dem Sieg eines aufgeklärten Nordens über den barbarischen Süden. Spielberg aber verzichtet dieses Mal gänzlich auf die kathartische Wiederherstellung der rechtmäßigen Ordnung auf dem Schlachtfeld. Vielmehr inszeniert er einen Gedankenkrieg, einen verzehrenden Disput über die Ethik der Freiheit und der Demokratie. Stets ist es eine entschiedene Hoffnung auf eine rechtschaffene Zukunft, niemals eine selbstherrliche Heilsvision, die Spielbergs Figur des Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis) verkörpert.

Dass Spielberg mit Lincoln keinen biografischen Geschichtsbericht im Sinn hatte, ist augenscheinlich, und es wäre auch verfehlt, von einer Biografie zu sprechen, behandelt der Film doch tatsächlich nur die letzten Lebensjahre des Präsidenten sowie den beschwerlichen Weg zur Verabschiedung des 13. Zusatzartikels im Repräsentantenhaus. Dabei ist es schon bemerkenswert, wie Spielberg diesen politischen Prozess bis zur Abschaffung der Sklaverei in gewohnter wie stilsicherer Spannungsdramaturgie inszeniert. Schließlich wissen wir, und das US-Publikum weiß es erst recht, dass der Artikel am Ende in Kraft trat. Den Sensationalismus, der das historische Interesse Hollywoods in der Regel so naiv durchdringt, dass die Historie selbst nur noch zur formalen Rahmung klassischer Erzählinhalte dient, sucht man in Lincoln vergeblich, wenn auch die Reden und Ansprachen der republikanischen Repräsentanten an wenigen Stellen wirkungsbedacht, konzentriert und rhythmisiert ins Pathetische schlittern, vor allem die des radikalen Stevens (Tommy Lee-Jones), der die Politik seines Präsidenten am eifrigsten durchzusetzen versucht.

Was sich an diesen Stellen störend bemerkbar macht, nimmt dem Film jedoch nicht seine respektable und konkrete Anschaulichkeit im Diskurs über die großen politischen Fragen.

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Ästhetisch ist Spielbergs Lincoln zwar sehr darauf bedacht, eine historistische Reinlichkeit zu bewahren. Seine Figuren und Settings leiten sich akribisch aus den visuellen Quellen des 19. Jahrhunderts ab, und dennoch verfängt sich Lincoln nicht im Schauwert verflossener Zeiten. Die Bürgerkriegsgefechte, wie sie hundertfach sich auf der Leinwand wiederholten, werden geradezu augenfällig ausgespart. Ein paar wenige Einstellungen zu Beginn zeigen die Kriegsparteien im Schlamm übereinander herfallen, und fortan wird die Frage der Freiheit als eine rein intellektuelle, pragmatische, organisatorische und rhetorische debattiert. Für die Abstimmung über den 13. Zusatzartikel müssen Republikaner überzeugt und Demokraten gekauft werden. Eine Friedensdelegation, die auf dem Weg nach Washington ist, muss aufgehalten werden und der Kriegszustand beibehalten, damit die politische Brisanz der Emanzipations-Proklamation nicht im Sand verläuft.

Spielberg ergreift die Gelegenheit, die Langwierigkeit politischer Prozesse in klassischer Thrillermanier zu inszenieren: Unterschiedliche Konfrontationen treten parallel auf, Probleme entzerren sich in letzter Sekunde, und familiäre Randkonflikte entschleunigen die Rasanz der Haupthandlung. Etablierte Erzähltechniken bestimmen den Filmrhythmus und stellen gleichzeitig auch den Charakter des Protagonisten heraus, trennen Privates von Politischem, heben seine Stärken wie seine Makel hervor. Lincoln wird weder stupide personalisiert noch zur Ikone sakralisiert.

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Seit Beginn der Filmgeschichte beschäftigt die Legende Lincoln das Kino. 1915 inszenierte D.W. Griffith in Birth of a Nation die Ermordung des Präsidenten minutiös und mit enorm technischem Aufwand, und dank seines Argwohns gegenüber dem Spektakel verzichtet Spielberg darauf, das Attentat hier in Szene zu setzen. Dem aber liegt nicht nur eine Distanzierung vom Attraktionswert des Stummfilms zugrunde, sondern auch eine souveräne Neuformulierung der Faszination Lincoln. Spielbergs Lincoln ist eine politische Figur, kein Mythos, und deshalb ist seine Vorstellung von einem freien Amerika auch keine polierte Utopie, sondern schlicht ein gesellschaftspolitisches Projekt, eine Endlosbaustelle bis heute und in alle Zukunft.

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