The Missing Image – Kritik

Materialisierte Erinnerung. Mit Tonfiguren rekonstruiert Rithy Panh seine Kindheit in einem Arbeitslager.

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Wenn in den Filmen Rithy Panhs die Bilder einer traumatischen Vergangenheit hervorgerufen werden, dann geht es dabei mindestens genauso um einen therapeutischen Prozess der Betroffenen wie darum, die widerfahrenen Gräuel einem Außenstehenden begreiflich zu machen. Immer wieder zieht es den kambodschanischen Regisseur zurück in die 1970er Jahre, in denen die Roten Khmer über eine Million Menschen ermordet und noch viele mehr gefoltert haben. Panhs bekanntester Film, S-21: Die Todesmaschine der Roten Khmer (S-21, la machine de mort Khmère rouge, 2003), hat diese Taten auf verschiedene Arten rekonstruiert. Da gab es zum einen ein Wiedersehen zwischen Gefangenen und Peinigern eines berüchtigten Foltergefängnisses. In Reenactments stellten sie die grausamen Rituale nach, die dreißig Jahre zuvor zu ihrer Tagesordnung gehörten. Oder da war der Maler Vann Nath, der seine Erfahrungen aus dem Gefängnis in Gemälde umsetzte, als Verarbeitungsstrategie, aber auch als Dokument für die Nachwelt.

Wenn sich Panh nun in seinem neuen Film wieder der Regierungszeit der Roten Khmer widmet, besinnt er sich weniger auf andere als auf sich selbst. The Missing Image (L’image manquante) ist ein sehr persönliches Werk geworden, ein Essay-Film, in dem der Regisseur von seiner Kindheit und Jugend erzählt, die in die Zeit des Schreckensregimes fiel. Wie viele andere wurde Panhs Familie 1975 aus der Hauptstadt Phnom Penh vertrieben, in schwarze Uniformen gesteckt und in ein Arbeitslager auf dem Land gebracht. Es war der Anfang eines unwürdigen Endes: Kurz nach der Deportation starben Panhs Eltern an Hunger und Erschöpfung.

The Missing Image unterscheidet sich von anderen Geschichtsaufarbeitungen Panhs, weil er weniger wie eine klassische Dokumentation als wie ein einziger Bewusstseinsstrom strukturiert ist. Dabei fließen Bilder und Klänge ineinander und entwickeln einen ungemeinen Sog, in dem sich informative und emotionale Aspekte nicht mehr so leicht trennen lassen. Besonders die Tonspur ist an dieser hypnotischen Wirkung maßgeblich beteiligt. Der französische Schriftsteller Christophe Bataille erzählt aus dem Off von Panhs persönlichen Erinnerungen, von den inhumanen Methoden der Roten Khmer, und reflektiert dabei immer wieder den Umgang mit den Bildern der Vergangenheit. Ergänzt wird dieser Monolog durch ein Soundgewitter aus Dröhnen und Quietschen – das der Musiker Marc Marder komponiert hat –, durch die verlogene Fröhlichkeit von Propagandaliedern und die Lebensfreude von kambodschanischer Popmusik aus besseren Zeiten.

L image manquante 01

Der besondere Coup des Films ist sein Misstrauen gegenüber der dokumentarischen Qualität des fotografischen Bildes, egal ob bewegt oder unbewegt. Wobei sich Panh nicht zu absoluten Äußerungen hinreißen lässt und das fehlende Bild aus dem Titel immer wieder auf neue Weise definiert. So gibt es etwa dokumentarische Filmaufnahmen von hungernden Kindern und gefolterten Gefangenen zu sehen, mit denen die Gewaltausübung eines Regimes offengelegt wird. Gleichzeitig lehrt uns The Missing Image, dass Bilder nicht nur dokumentieren, sondern auch lügen können: Der lächelnde Diktator Pol Pot beim Händeschütteln, Ausschnitte aus dilettantischen Propagandafilmen oder andere Bilder, mit denen die alles verschlingende Ideologie der Roten Khmer nach außen getragen wurde, sind Zeugnis dafür. Dagegen zeigt Panh, dass gerade in einem rein künstlichen Setting sehr viel mehr Wahrheit stecken kann als in fotografischen Aufnahmen, und knüpft damit an die Verarbeitungsstrategien aus S-21 an.

Diesmal ist es der Bildhauer Sarith Mang, der mit seinen geschnitzten und bemalten Tonfiguren das vermitteln möchte, was vielen scheinbar so authentischen Fotografien nicht gelingt, nämlich die Zeit Panhs im Arbeitslager auf angemessene Weise darzustellen. Die Tonfiguren mögen zwar grob und vereinfacht in ihrer Beschaffenheit sein, vermitteln aber doch das Essenzielle: den Verlust der Identität durch die schwarzen Uniformen, die ausgemergelten Körper und den resignierten, ins Leere starrenden Blick. Dieser inszenatorische Kniff kommt zwar einem Verfremdungseffekt gleich, als Zuschauer gelingt es einem aber trotzdem nicht, sich von dieser Barbarei zu distanzieren.

Natürlich stellt auch diese Rekonstruktion der Vergangenheit nichts Objektives dar. Das menschliche Gedächtnis ist ein nicht zu unterschätzendes Bilderarchiv und die Puppenszenen in The Missing Image letztlich nicht weniger als die materialisierte Erinnerung eines Einzelnen. Die Erinnerung war laut Panh ohnehin das Einzige, was man der entmenschlichten kambodschanischen Bevölkerung nicht nehmen konnte. Die Roten Khmer haben zwar massenweise Bücher und Fotos verbrannt, an die Bilder im Kopf der Unterdrückten kamen sie aber nicht heran. Panh überreicht dieses fehlende Bild seinen Zuschauern mit einem Film.

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Kommentare


ralph eue

Nur kleiner Einwurf: Bin erstaunt, dass aus den Lehm- und Tonfigurinen in"L'image manquante" hier "geschnitzte und bemalte Holzfiguren" geworden sind. Die Arbeit mit Ton und Lehm ist schon eine andere, als die mit (wie auch immer weichem) Holz - zumal Sarith Mang tatsächlich AUCH mit Holz arbeitet. Die Materialwahl muss also durchaus bewusst gewesen sein.


Michael

Danke für den Hinweis. Ich war mir selbst nicht sicher, aus welchem Material die Figuren gefertigt sind. Wenn ich mich recht erinnere, stammt die Information, bei den Figuren würde es sich um Holfzfiguren handeln, aus dem Presseheft.






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