Lila, Lila

Alain Gsponer verfilmt Martin Suters Bestseller und geht dabei kein Risiko ein.

Lila, Lila

David Kern (Daniel Brühl) ist zu bedauern. Als Kellner in einem Schöneberger Möchtegern-Szenecafé steht er zunächst ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie von Alain Gsponers romantischer Komödie. Seine Angebetete Marie Berger (Hanna Herzsprung) scheint für den schüchternen David unerreichbar. Marie will einen Schreiber, keinen Kellner. Und im arroganten Ralph (Alexander Khuon) aus ihrer Literaturstudentenclique scheint sie ihren Traumprinzen anfangs auch gefunden zu haben.

Lila, Lila

Autor müsste man sein, denkt sich der verzweifelte David, dann klappt es auch mit den Frauen, zumindest mit den Literaturstudentinnen. Leider kann David nun wirklich alles andere als Schreiben und so muss ihm der Zufall zu Hilfe eilen. In einem alten Nachttisch findet David ein Buchmanuskript aus den 50er Jahren. „Sophie, Sophie“ heißt der Schmachtfetzen. Es geht um einen jungen Mann, der nicht mit seiner Geliebten zusammen sein kann und ihr deshalb fast das ganze Buch über Liebesbriefe schreibt, bis er am Schluss vor Kummer mit seinem Motorrad gegen eine Wand fährt. Beim Lesen muss David weinen.

Lila, Lila

Mit dem Text, den er als seinen eigenen ausgibt, gewinnt David zunächst das Herz von Marie und dann das des Publikums und der Feuilletons, die seinen Roman als „das Ende der Postmoderne“ feiern. Doch das falsche Spiel kann ja nicht lange gut gehen und so meldet sich nach Davids erster großer Lesung der vermeintliche Autor des Buches, der abgehalfterte Lebemann Jacky (Henry Hübchen) und mischt sich von da an kräftig in das Leben des neuen Starautors ein. Er will nicht nur am finanziellen Erfolg, sondern auch am Ruhm des neuen „Hoffnungsträgers der deutschen Literatur“ teilhaben und bringt damit nicht nur Davids fragiles Lügengebäude, sondern auch seine Beziehung zu Marie in Gefahr.

Lila, Lila

An Handlung mangelt es Alain Gsponers Romanverfilmung nicht. Seine Erzählweise sorgt im Laufe des Films dennoch für Ermüdungserscheinungen. Lila, Lila macht die Zuschauer von Beginn an zu Mitwissern und konfrontiert sie so mit Davids Schuldgefühlen. Dieses Prinzip zieht sich beharrlich durch den ganzen Film: Jacky bringt David in eine unangenehme Situation nach der anderen. Mit dem Wissen, dass der aufdringliche Stadtstreicher seine Lüge jederzeit entlarven könnte, kann sich David nicht wehren und versinkt in Lethargie. Die Zuschauer leiden mit.

Genüsslich wird zudem jede Situation ausgewalzt, in der klar wird, dass dem zurückhaltenden David die Jacke des berühmten Schriftstellers einfach zu groß ist. Gsponer verlässt sich dabei ganz auf Daniel Brühl als universellen Sympathieträger. Davids Unbeholfenheit sorgt gemeinsam mit Jackys charmanter Unverschämtheit für die komischen Momente des Films.

Lila, Lila

Alain Gsponer orientiert sich eng an Martin Suters Romanvorlage. Lila, Lila, der Film wie auch das Buch, erzählt eine sehr konventionelle Liebesgeschichte. Mit sprachlicher Finesse und einem ausgeprägten Gefühl für die nachvollziehbare Beschreibung von Gemütszuständen kann Suter seinem Stoff dennoch ein zumutbares Buch abringen. Alain Gsponer gelingt Vergleichbares in seiner Verfilmung nicht. Der zentrale Empathie-Mechanismus hat sich schnell verbraucht. Zudem wirken sämtliche Figuren unauthentisch; besonders die Nebenrollen sind – vom Cord-Sakko tragenden Literaturwissenschaftsstudenten bis zum Pfeife rauchenden Verlagschef – gnadenlos überzeichnet.

Lila, Lila

Nun ist eine Bestsellerverfilmung aus betriebswirtschaftlicher Sicht eine vergleichsweise sichere Bank. Beim sonst nur schwer kalkulierbaren Publikum ist der Stoff ja schon einmal gut angekommen und das Bedürfnis nach der Reproduktion populärer Bücher im Kino scheint im zurückliegenden Jahrzehnt ohnehin signifikant gestiegen zu sein. Filme auf Basis der Romane von J.R.R. Tolkien, Dan Brown, Joanne K. Rowling oder Stig Larsson sind nur jüngere Beispiele dieses Trends. Aus dieser Warte betrachtet, erfüllt Alain Gsponer mit Lila, Lila zunächst seine Aufgabe und überführt eine relativ belanglose Geschichte in einen relativ belanglosen Film. Ob er ein Publikum findet, das damit zufrieden ist, bleibt abzuwarten.

Trailer zu „Lila, Lila“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Maike68

Ich habe den Film wegen der Kritik erst auf DVD angeschaut und ich fand in großartig. Natürlich Unterhaltung, aber ein großartiger Daniel Brühl und Henry Hübchen. Wechsel zwischen Komik und Drama sind gut und das gibt es kaum im deutschen Kino. Der Film ist bedeutend unkonventioneller erzählt als er tut. In der Mitte des Filmes taucht die dritte Hauptfigur auf und mit ihr der Ton des Filmes, mutig.

Für mich ist dieser Film eine Entdeckung und merke immer mehr, dass critic.de sehr "geschmäcklerisch" ist und leider ihrem eigen Qualitätsanspruch nicht gerecht wird.


Felix Frieler

Hallo Maike, vielen Dank für deinen sachlichen Kommentar. Ich stimme dir zunächst einmal zu: Der Film will sicherlich in erster Linie unterhalten. Dabei orientiert sich die Inszenierung aus meiner Sicht sehr an anderen Mainstream-Produktionen, was ja auch aus kommerzieller Sicht durchaus verständlich ist (vgl. letzter Absatz der Kritik). Eine unkonventionelle Erzählweise kann ich dabei allerdings nicht erkennen.
Dass das Auftauchen eines Dritten eine zuvor aufgebaute Idylle in Gefahr bringt, ist Teil einer klassischen Spielfilmdramaturgie. Manchmal ist es ein Gläubiger der Geld fordert, eine Ex-Geliebte oder ein skrupelloser Baulöwe - in diesem Fall ist es eben der vermeintliche Urheber des Buches, das dem jungen Paar zu seinem Glück verhalf.
Das Spiel von Brühl und Hübchen ist sicherlich solide und Daniel Brühl ist aus meiner Sicht auch die richtige Besetzung für die Rolle. Gerade Henry Hübchen hat mir aber z.B. in einer ganz ähnlichen Rolle, als Otto Kullberg in Andreas Dresens "Whiskey mit Wodka", deutlich besser gefallen.

Filmkritik ist naturgemäß eine subjektive Angelegenheit und insofern auch zum Teil "geschmäcklerisch". Dennoch verucht die Redaktion von critic.de besonders darauf zu achten, dass jeder Text differenziert argumentiert. Ich füge meiner Bewertung deshalb explizit hinzu, dass man dem Film handwerklich kaum Vorwürfe machen kann (und das passiert auch in der Kritik nicht). "Lila, Lila" ist einfach sehr gefälliges Genre-Kino, das sich an bekannten Seh- und Erzählgewohnheiten orientiert. Tut bestimmt nicht besonders weh, aber ist aus meiner Sicht auch keine Bereicherung.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.