Like Father, Like Son

Blut ist nicht dicker als Wasser. Hirokazu Koreeda geht in seinem neuesten Film der Frage nach, was Vaterschaft wirklich bedeutet.

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Der japanische Regisseur Hirukazu Koreeda hat sich in seinen Filmen schon mehrfach der Auflösung der traditionellen Familie gewidmet. So ging es in Maboroshi – Das Licht der Illusion (Maboroshi no hikari, 1995) um eine alleinerziehende Witwe, in Nobody Knows (Dare Mo Shiranai, 2004) um auf sich selbst gestellte Geschwister und in I Wish (Kiseki, 2011) um eine nach der Scheidung der Eltern getrennt lebende Familie. Das Schöne bei Koreeda ist, dass er andere Familienentwürfe nicht moralisch bewertet oder gar als abschreckendes Beispiel nutzt, um die Bedeutung des etablierten Vater-Mutter-Kind-Schemas zu untermauern. Vielmehr erzählt er von Menschen, die sich trotz ungünstiger äußerer Umstände an die jeweilige Situation anpassen können und ihren eigenen Weg gehen, auch wenn es nicht der ist, der uns oft genug als Norm verkauft wird. Koreeda ist eben nicht nur Realist, sondern auch Optimist.

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Auch Like Father, Like Son (Soshite chichi ni naru) passt wieder gut zu diesem Themenkomplex. Koreeda wirft darin die Frage auf, wie Vaterschaft definiert wird: durch Blutsverwandtschaft oder ein gemeinsames Leben. Ryota (Masaharu Fukuyama), ein angesehener Architekt, erfährt eines Tages, das sein sechsjähriger Sohn nach der Geburt mit dem Kind einer anderen Familie vertauscht wurde. Die Tatsache, dass er über Jahre einen Fremden großgezogen hat, bringt sein geordnetes Leben aus der Bahn. Also beginnt er sich mit der anderen Familie zu treffen, über das gemeinsame Dilemma auszutauschen und nach einer Lösung zu suchen. Soll man einen Jungen, den man die ganze Zeit wie einen Sohn geliebt hat, an seine eigentliche Familie zurückgeben oder das leibliche Kind weiterhin bei Fremden leben lassen? Beide Antworten erscheinen absurd, eine Entscheidung muss aber trotzdem getroffen werden.

Zugespitzt wird der Konflikt noch dadurch, dass die betroffenen Familien aus unterschiedlichen Welten stammen. Im Gegensatz zum gut betuchten Ryota, der mit Frau und Kind in einer minimalistisch designten Wohnung haust und die meiste Zeit abwesend ist, handelt es sich bei den Sakais um eine gutmütige Großfamilie, denen ein entspanntes Leben wichtiger ist als beruflicher Erfolg. Umso befremdlicher wirkt es, als die Familien beschließen, für einen Tag probeweise die Söhne zu tauschen. Wenn jene archaische Ordnung wiederhergestellt wird, die den Familien von ihrem Umfeld als einzig wahre verkauft wird, wirkt das doch vor allem eins: unnatürlich.

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Man kann so ein Thema leicht versauen, indem man es etwa in Sentimentalität ertränkt oder ein Loblied auf die traditionelle Familie anstimmt. Auch Like Father, Like Son begibt sich manchmal in die Nähe eines gefühlsbetonten Arthousekinos, das die Darstellung von Gefühlen gerne mit Kitsch verwechselt. Es sind mitunter schon heikle Zutaten, die der Film da verarbeitet, ob es sich nun um die teilweise fast naiv liebevoll gezeichneten Charaktere handelt oder um die kindlich verspielte Klaviermusik auf dem Soundtrack. Koreeda gelingt es jedoch fast immer, die Kurve zu kriegen. Schon in der Vergangenheit, sowohl in seinen empathischen Dokumentationen als auch seinen dokumentarisch geprägten Spielfilmen, hat er sich als sensibler Beobachter bewährt, der Pauschalisierungen scheut wie der Teufel das Weihwasser. Verständnisvoll blickt er auf Menschen, die mit dem Schmerz in ihrem Leben klarkommen müssen, und weigert sich beharrlich, seine Figuren nicht zu mögen, egal, was sie auch getan haben.

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Gerade der Protagonist in Like Father, Like Son ist ein ausgesprochener Kotzbrocken: ein aufgeblasener Schnösel, der überheblich auf die andere Familie blickt und ihnen sogar vorschlägt, er könne doch gleich beide Jungen großzuziehen, immerhin hätten sie es bei ihm besser. Erst mit der Zeit bringt der Film die Fassade zum Bröckeln und legt eine Figur frei, die selbst unheimlich verletzlich wirkt. Diese Wandlung ist jedoch eher angedeutet als wirklich ausformuliert. Langsam bilden sich Risse in Ryotas darwinistischem Weltbild. So fühlt er sich unter anderem deshalb so in seiner Rolle als Vater verletzt, weil er seine „Stiefmutter“ nie als „richtige“ Mutter annehmen konnte.

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Manchmal könnte man Like Father, Like Son vorwerfen, dass das Drehbuch immer wieder etwas zu grell durchschimmert. So war der Kindertausch zum Beispiel kein Unfall, sondern die Tat einer frustrierten Krankenschwester, die jenen, denen das Glück scheinbar nur so zufliegt, eine Lektion erteilen will. Das würde bei irgendeinem Regisseur, der sich dieser Thematik bedient, wahrscheinlich weniger ins Gewicht fallen als bei Koreeda, der Handlung und Figuren ansonsten mehr Platz zum Atmen lässt. Hier wirkt alles glatter, strenger durchkonzipiert und dadurch auch etwas gewöhnlicher. Vielleicht ist es aber auch unfair, den Film nicht als solchen zu bewerten, sondern am Gesamtwerk seines Regisseurs zu messen. Denn Like Father, Like Son ist nicht nur ein ebenso einfühlsamer wie aufrichtiger Familienfilm, er zeigt auch auf überraschend zarte Weise, wie blödsinnig das Argument ist, dass der leibliche Vater automatisch der richtige ist.

Trailer zu „Like Father, Like Son“


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