Die Überglücklichen – Kritik

Eine Bipolare und eine Suizidale treffen sich in der Anstalt und fliehen. Paolo Virzìs Film riecht noch ziemlich nach Pitch und versucht uns trotzdem einen ganzen Infantizid zu erklären.

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So richtig versteht man erst mal nicht, was bei Beatrice (Valeria Bruni Tedeschi) nun Dichtung und was Wahrheit ist. Sie hält sich jedenfalls für ziemlich privilegiert, nur wird dieser Habitus dadurch gehörig erschwert, dass sie in einer psychiatrischen Anstalt für Frauen wohnt und es mit ihrer Freiheit also nicht so weit her ist. Auch wenn ihre Familie einst der Stadt das Grundstück überlassen hat, auf dem die Einrichtung gebaut worden ist, beißt sie bei ihrer Therapeutin auf Granit, als sie mal wieder auf ihre Entlassung drängt. Ihre Behauptung, dass da bestimmte Personen ein Interesse hätten, sie in der Geschlossenen zu behalten, können wir nicht überprüfen. Dass allerdings ihre bipolare Störung nicht gerade jeder Grundlage entbehrt, kriegen wir sofort mit. Sie wird fliehen müssen, wenn sie leben will, das ist klar. Danach klingt auch schon der heiter-komödiantische Ton, den Paolo Virzì hier anschlägt. Fehlt noch eine Komplizin, es soll schließlich auch um Freundschaft gehen.

Bipolare Lebenskünstlerin

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Die mit dem Sujet ins Boot geholten Schwierigkeiten meistert Virzì erst mal ziemlich mühelos. Eine psychiatrische Klinik darzustellen, in einem Film, der trotz heiterer Stimmung durchaus ein glaubhaftes Setting vermitteln will, bedeutet schließlich eine Gratwanderung zwischen dem in einer solchen Institution erwarteten Over-the-top-Verhalten und der Vermeidung von Klischees. Da toben also durchaus merkwürdige Leute im Hintergrund durchs Bild, sie werden uns aber nicht zum humoristischen Fraß vorgeworfen. In Hinblick auf seine Protagonistin flüchtet sich Die Überglücklichen hier in eine Variation des Genie-und-Wahnsinn-Topos, der den für unselbstständig Erklärten gerade eine besonders autonome Form von Einsicht und Kreativität zuschreibt.

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Für diesen Part ist Beatrice verantwortlich. Sie ist bipolar, natürlich extrem anstrengend, aber sie ist auch eine Art Lebenskünstlerin. Sie plappert sich fortwährend um Kopf und Kragen, kann aus ihrer einnehmenden Nervosität aber auch immer wieder eigene Vorteile ziehen, geht Hindernissen nicht vorsichtig aus dem Weg, sondern überrumpelt sie einfach. Vor allem ist Beatrice neugierig, stöbert in den Patientenakten ihrer Mitinsassinnen herum, setzt sich, als die Neue im Therapieraum geduldig auf eine Psychologin wartet, kurzerhand an deren Stelle und fragt die gerade eingelieferte Donatella (Micaela Ramazzotti) nach ihrem Befinden. So lernen sich beide Frauen unter doppelt ungleichen Bedingungen kennen, die von einer kommenden Gleichheit künden. Donatella ist passive Patientin und Getäuschte, Beatrice aktive Expertin und Täuscherin. Sobald aber die Täuschung auffliegt, steht der Solidarität nichts mehr im Wege.

Hyperaktive Bewegungen im Binnensee

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In dem Maße, wie Virzí diese Freundschaft sich entwickeln lässt, wird Die Überglücklichen konventioneller, auch wenn der Film wenigstens seine eigene Nervosität nicht verliert und mit teilweise sehr gelungenen Dialogen aufwartet. Und doch lugen hier noch überall Bauplan-Fragmente aus den Figuren, mutet der Film etwas zu sehr an wie sein eigener Pitch, weht der Brainstorm durch ihn hindurch. Passenderweise verleiht ausgerechnet messy Beatrice dem Film Kohärenz. Bruni Tedeschi dominiert diesen Film ziemlich großartig vom Rande des Nervenzusammenbruchs aus, und manchmal hat man den Eindruck, würde sie auf einmal nicht mehr quatschen, auch der Film fiele vollkommen in sich zusammen. Sie ist der einzige funktionierende Motor von Die Überglücklichen, er darf nicht ausfallen. Und doch finden ihre hyperaktiven Bewegungen in einem Binnensee statt, der sich selbst nicht bewegt. Nichts wird hier intensiver werden, abgesehen von der Freundschaft der beiden Hauptfiguren, und ob das Ende nun in Freiheit stattfindet oder nicht, es wird ein irgendwie versöhnliches sein, so viel ist bald klar. Freche Auto-Diebstähle gehören zu den nicht minder erwartbaren, aber spaßigeren Elementen dieses neuesten „etwas anderen“ Road Movies.

Durch und durch therapeutisch

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Etwas ärgerlich ist dann aber, dass sich Virzì nicht nur der Figur der mad woman bedient, sondern auch ihrer beliebten Rückbindung an einschneidende Männererfahrungen und Familientragödien. Beatrice wird von ihrem Geliebten zurückgewiesen, Donatella wurde einst der Sohn weggenommen. Dahinter verbirgt sich eine ziemlich krasse Geschichte, denn sie ist die in der Region noch immer bekannte Infantizid-Mutter, die sich mitsamt ihrem kleinen Sohn ins Wasser gestürzt hat und gerade noch so gerettet wurde. Doch Die Überglücklichen will es partout nicht bei der Konfrontation des medialen Labels mit der dazugehörigen Figur belassen, er muss über Beatrice als Vermittlerin gemeinsam mit Donatella zurück in die Vergangenheit gehen, er muss gemeinsam mit ihr verarbeiten, und er muss uns ausführlich erklären, dass die gefallene Frau eigentlich mal eine liebende Mutter war. So ist der Film über zwei Wahnsinnige leider kein wahnsinniger, sondern ein durch und durch therapeutischer Film.

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Kommentare


Hans Huber

Die Überglücklichen , immerhin zwei psychisch labile Frauen in einer heutigen italienischen Psychiatrie, die in den 68igern ihre Klienten "freigelassen" hat, um sie aus dem völlig veralteten staatlichen Psychiatriesystem zu "befreien" und auf die Gesellschaft losgelassen wurden, diese beiden Frauen wurden uns hier "a vivo" vorgeführt. Die Hälfte des Film hatten wir nun das bezahlte Vergnügen, uns das muntere Treiben von verstörten Frauen sozusagen von außen oder oben zu betrachten. Der zweite Teil spielte dann in der wilden Aussen- Realität dieser Gesellschadt von heute, an der beide Frauen nocheinmal zerbrechen mussten. Wieder durften wir als bezahlende Zuschauer wie damals über den "Köpfen der Verrückten" über die Geländer der Zuschauerbrücken in die Irrenanstalten und ihre Bewohner uns hineingruseln! Noch nie habe ich einen so deprimiernd gefühllosen und die blanken Schaueffekte von Verwirrten ausbeutenden Film erlebt und bin danach ziemlich verärgert über meine Ahnungslosigkeit gewesen, dieses Machwerk auch noch mitfinanziert zu haben. Bitte nicht ansehen, es ist beschämend, da als Zuschauer in dieser Position dabeizusitzen und nichts Besseres als so eine beschämende "Unterhaltung" vorzufinden!!


ule

@ Hans, Danke für die Schilderung. Ich selbst bin schon nach 20 Minuten rausgelaufen, hätte es mir aber auch gleich denken können, in welchen Mist man da rein läuft.






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