Hayatboyu - Lifelong

Gefangen in perfektem Design. Ein voneinander entfremdetes Ehepaar mag sich nicht trennen.

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Der Schauplatz eines Films besitzt fast immer eine gewisse Relevanz für die Handlung. Lifelong (Hayatboyu) dreht sich etwa um eine minimalistische und schicke, aber auch steril und seelenlos wirkende Wohnung, die sich über mehrere Stockwerke erstreckt. Ein Detail zeigt uns der Film dabei immer wieder: die Aufsicht einer Wendeltreppe, die, ihrer räumlichen Tiefe beraubt, zu einem Ornament aus weißen Kreisen wird. Wer sich hier rauf und runter bewegt, ist nicht zu erkennen. Stattdessen sieht man Umrisse, die sich scheinbar im Kreis drehen, und hört das Echo von Fußschritten wie in einem modernistischen Spukhaus. Die wahre Entfernung zwischen den verschiedenen Stockwerken und damit auch die des Ehepaars, das hier zusammen und doch voneinander getrennt lebt, bleibt jedoch unbestimmt.

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Die türkische Regisseurin Asli Özge hat sich nach Men on the Bridge (Köprüdekiler, 2010), ihrer gelungenen Doku-Fiktion über prekäre Existenzen rund um die Bosporus-Brücke, einem anderen, deutlich wohlhabenderen Istanbul zugewendet, das bei näherem Hinsehen aber nicht weniger deprimierend ist. Die Welt, in der die Künstlerin Ela (Defne Halman) und ihr Mann, der Architekt Can (Hakan Cimenser), leben, besteht neben ihrer durchgestylten Wohnung aus schicken Galerien und Bars. Doch man ahnt es schon: Obwohl sich diese Menschen über Lebensnotwendiges keine Sorgen machen müssen, sind sie deswegen noch lange nicht glücklich.

Gleich am Anfang sehen wir, wie Ella bei einem Fotoshooting ihre soziale Maske aufsetzt und sich mit einem routiniert gespielten Lächeln durch Geschäftsgespräche arbeitet. Dabei hält Özge mit kühler Distanz fest, wie es der attraktiven Frau im fortgeschrittenen Alter immer wieder die Mundwinkel nach unten zieht. In abstrakten Kompositionen isoliert die Kamera Ela zwischen monochromen Flächen oder zeitgenössischer Architektur und zeigt, wie sich ein zunächst nicht näher bestimmtes Unbehagen über ihr Gesicht legt.

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Von ihrer Umwelt entfremdete Menschen in unterkühlten und minimalistischen Interieurs sind längst zum Klischee im internationalen Festivalkino geworden. Özge findet jedoch einen Weg, diesem überstrapazierten Motiv noch etwas abzugewinnen, und inszeniert Lifelong als passives Ehedrama, das bei allem Formalismus nie den Bezug zu den Figuren verliert. Weil Ela denkt, dass ihr Mann sie betrügt, gerät ihr Leben aus der Bahn, allerdings nur psychisch. Denn nach außen hin wird schön die Rolle der glücklichen Ehefrau gespielt, egal ob es Fremde oder die eigene Tochter sind, die geblendet werden sollen. Ob es die Affäre wirklich gibt, klärt der Film dabei nie ganz auf. Letztlich ist das aber auch unerheblich, denn Lifelong konzentriert sich vor allem auf das Porträt zweier Menschen, die es sich in ihrem Wohlstand so gemütlich gemacht haben, dass ihnen die Kraft zur Veränderung fehlt. Die Leidenschaft ist weg, das macht Özge schon durch den leidenschaftslosen Umgang in den ersten Szenen klar, und doch ist da noch ein Gefühl, das sich zwischen Gewohnheit und Zuneigung bewegt und die beiden daran hindert, sich voneinander zu trennen.

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Das spezifische Milieu der Figuren ist dabei keineswegs nur Kulisse. Über den Film verteilt, integriert Özge Werke namhafter türkischer Künstler wie Ayşe Erkmen und nutzt etwa zwei Installationen als transzendentalen Raum, in dem die Figuren zu einer Art Erkenntnis kommen. Die genaue innere Entwicklung bleibt freilich unsichtbar, denn durch Worte wird im Beziehungsalltag der beiden kaum etwas artikuliert. Stattdessen widmet sich Lifelong vor allem ihrer von Zweifeln und Ängsten geprägten Mimik.

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Etwa nach der Hälfte der Laufzeit verschiebt der Film dann auch noch einmal seinen Fokus. Nach einem subtilen Dolchstoß von Ela verlagert sich die Aufmerksamkeit von ihr auf ihren Mann. War er in den ersten Szenen nur in Rückenansicht oder als schwarze Silhouette zu sehen, nähert sich die Kamera ihm räumlich immer weiter an. Losgelöst von seiner Umgebung und einer konkreten Situation, bildet auf einmal das in Gedanken verlorene Gesicht den Mittelpunkt der Bilder. Die größte Spannung entsteht dabei durch das sichtbare Brodeln unter der Oberfläche. Auf einen Gefühlsausbruch oder eine direkte Konfrontation wartet man dagegen vergebens. Nur als das Paar die gemeinsame Tochter besucht und Ela wie aus dem Nichts Angstzustände bekommt, drohen die inneren Dämonen sich ihren Weg nach draußen zu bahnen.

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Einen Ausbruch gibt es dann allerdings doch noch, wenn auch nur auf indirekte Weise. Als die Türkei nämlich eines Nachts von einem schlimmen Erdbeben heimgesucht wird, wirkt diese Naturkatastrophe wie jener Schrei der Verzweiflung, den das Paar nicht auszustoßen vermag. Bezeichnenderweise beginnt Cans Prozess der Selbstreflexion dann auch während einer beruflichen Exkursion in die Provinz, wo die Schäden untersucht werden, die das Erdbeben an den von ihm entworfenen Gebäuden hinterlassen hat. Özge belässt es jedoch bei dieser losen Metapher und konzentriert sich im weiteren Verlauf der Handlung wieder darauf, nüchterne Szenen einer Ehe zu inszenieren, die alles andere als oberflächlich sind.

Trailer zu „Hayatboyu - Lifelong“


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