Life Without Principle

Die Griechen sind schuld! Nicht die Philosophen der Antike, sondern die Schuldenmacher der Gegenwart werfen für drei Hongkonger kleine und große moralische Fragen auf.

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Genre-Experte Johnnie To legt mit Life Without Principle wieder einen Actionfilm vor – mit einer in Zeiten der Finanzkrise passenden Umdeutung des Wortes „Action“. Einer der drei Erzählstränge spielt in einer Bank: Teresa (Denise Ho) ist die etwas zu gutmütige Angestellte, der man das schlechte Gewissen förmlich ansieht, als sie sich abmüht, den Kunden riskante Anlagefonds anzudrehen. Sie hinkt ihrem Soll hinterher und muss jederzeit mit der Kündigung rechnen. Nachts bleibt sie im Büro und telefoniert Kundenlisten ab. Doch ihr Auftrag will und will nicht gelingen. Der Lohnhai Chung Yueng (Lo Hoi Pang) bringt es später voller Schadenfreude auf den Punkt: „Ihre Kunden verlieren ihr ganzes Vermögen, aber Ihre Bank hat mit den Gebühren trotzdem gut verdient.“

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Allein schon, wie viel Zeit sich To dabei lässt, die Kundengespräche in der Bank zu inszenieren, ist bemerkenswert. In einer schlichten und gerade deswegen fulminanten Szene sitzt eine alte Frau Teresa gegenüber. Eine Million Hongkong-Dollar hat sie auf ihrem Konto, als Rentnerin, sagt sie, sei sie doch darauf angewiesen, dass ihr Geld sich vermehre, damit sie mit den steigenden Preisen mithalten könne. Die Aussicht auf ein paar Prozent Zinsen genügt ihr nicht. Nachdem sie mehrere Anlagealternativen abgelehnt hat, schlägt ihr Teresa schließlich das riskante Geschäft mit Aktien aus instabilen Ländern vor. Da die Bank sie aber als Kundin für geringes Investitionsrisiko eingestuft hat, muss sie nun einen ganzen Prozess durchlaufen, um ihr Geld dort investieren zu dürfen, und Teresa zeichnet das Gespräch dem strengen Regelwerk folgend auf. Immer wieder beginnen sie den Fragebogen von vorne, denn die unsicheren Nachfragen zwischendurch („Kann ich denn etwa auch Geld verlieren? Wie viel?“) sollen nicht mit aufs Band. Beim dritten Anlauf schließlich beantwortet die Dame, wie geordert, jede Frage mit „Ich verstehe voll und ganz“. Erst aus der Dauer des Prozesses erwächst ein Gefühl für die Absurdität von Teresas Arbeit. Dabei spiegelt die zunehmende Verunsicherung der Kundin das Unwohlsein Teresas und legt die Perversionen der Geldwirtschaft unaufgeregt offen.

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Life Without Principle handelt ganz explizit von der aktuellen Finanzkrise, und ein Kurseinsturz spielt am Ende auch eine dramatische Rolle. Aber nicht nur als Storyinhalt zählt der Zustand der Welt, vielmehr durchwirkt den Film das Gefühl einer bereits voll etablierten Krisenstimmung: Für Teresa, aber auch für den Kleinganoven Panther (Lau Chin Wang) und den Polizisten Cheung Jin Fong (Richie Jen) scheint jede Zukunftsperspektive zweifelhaft. Mit einer distanzierten Beiläufigkeit inszeniert To das Treiben seiner Protagonisten:  wie strebsam und uneigennützig Panther ein Bankett für seinen Boss organisiert oder geradezu liebevoll die Kaution für einen Kollegen auftreibt, wie Jin Fong einem Kriminellen nach dem anderen das Handwerk legt. Johnnie To interessiert sich durchaus für die Action – nicht nur in Form von Aktienkauf – und beweist erneut, wie souverän er sie inszenieren kann: Es seien nur eine Autofahrt mit Dolch in der Brust sowie eine Fahrstuhlfahrt mit ausströmendem Gas erwähnt.

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Wie etwa in Running Out of Time (Am Zin, 1999), in dem er bereits mit Panther-Darsteller Lau Chin Wang (in der Polizistenrolle) zusammenarbeitete, ist im Gegensatz zur Action der Thrill oder Suspense oft für die Figuren selbst kaum noch ernst zu nehmen. Die Gefahrenlage wird immer mehr zum bloßen Anlass für gebrochene (Männer-)Figuren, weiterzuleben, solange der um die Ecke lauernde Tod noch nicht zugeschlagen hat. Großartig ist dabei auch hier, auf wie vielen Ebenen Life Without Principle gleichzeitig funktioniert: als Komödie, Charakterstudie, Gangsterfilm, Copdrama, Actionfilm und Thesenwerk. Es ist ein ums andere Mal bewundernswert, was Johnnie To mit Genreversatzstücken anzufangen weiß und mit welch leichter Hand er all dies zusammenführt. Denn nichts fühlt sich hier gewollt oder bemüht an, im Gegenteil: Wenn am Ende die Finanzkrise fürs Erste als überstanden gilt und die ethischen Fragen nach dem Klau fremden Geldes beantwortet sind, dann wird man sich vielleicht verwundert die Augen reiben, wie weit uns Life Without Principle in knapp zwei Stunden in die eigene Gegenwart entführt hat und unversehens auch noch einen Blick in die Zukunft erlaubt. So viel sei verraten: Es ist besser, darüber zu lachen.

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