Life of Riley

In seiner dritten Ayckbourn-Adaption zeigt Alain Resnais, wie man sich auf leichte Weise mit dem schwersten aller Themen auseinander setzen kann.

Life of Riley 01

Durch eine rosenumgarnte Pergola schreitet ein nach langer Ehe aufgeriebenes Paar. Jack (Michel Vuillermoz), der fremdgehende Backenbartträger, probt mit Tamara (Alba Gaïa Kraghede Bellugi), der Gehörnten, eine Szene für ihr Theaterstück. Aber nicht irgendeine Szene, nein, sondern eine romantische. Rosen im Garten ihres Herrenhauses, ein lichter Sommertag. Und wie es der Text ihm gebietet, hält Jack noch einmal um Tamaras Hand an. Im Zerrspiegel der Kunst sieht das Leben sich vage in den Schemen des Ideals widerscheinen, aber weit schon haben sich die beiden Bereiche voneinander entfernt. Mittlerweile ist Tamara in ihren Bühnenpartner George verliebt, den besten Freund Jacks. Das Stück entlarvt die gelebten Lügen und bringt gleichzeitig neue hervor. Doch auch die Rosen sind fake, der Garten ist nichts als bemalte Kartonage, die Landschaften Yorkshires sind Kleckse auf labbrig aus dem Nichts baumelnden Kunststoffbahnen. Ein Stück faul Holz, das Eheleben, aufgeführt auf Bühnen wie vom Provinztheater.

Kleine Entropien mit ungewissem Realitätsstatus

Life of Riley

Alain Resnais ist zurück, um sein Kino – nach Smoking/No Smoking (1993) und Herzen (2006) – zum bereits dritten Mal mit einem Stück von Alan Ayckbourn zu verunreinigen . Und wieder sind es die kleinen Entropien bürgerlicher Paarbeziehungen sowie das beiläufige Spiel mit Künsten und Realitätsebenen, die Resnais in Life of Riley leichthin und ohne Zwang zur hochkulturellen Relativierung in Szene setzt. Wobei sein Interesse nach dem virtuos verschachtelten Ihr werdet euch noch wundern (2012) diesmal wieder eher auf der psychologischen denn der kunstreflexiven Seite liegt. Life of Riley ist da eine vergleichsweise bescheidene Kleinigkeit, eine lustvolle partie de campagne. Das verklimperte Titelthema von Resnais’ Hofkomponisten Mark Snow, bei dem sich Marimba, Cembalo und funkelnde Synthies gegenseitig ins Wort fallen, gibt die Tonart vor: mit dem Populärmusikalischen liebäugelnd, aber zugleich übervoll und wuselig.

Der Regisseur beantwortet den klanglichen Eklektizimus mit einigen absichtlich schludrig vernähten Bilderfolgen, bei denen verschiedene Kunsthandwerke mit- und gegeneinander den ganz speziellen cine-theatralen Resnais-Kosmos hervorbringen, bei dem man gleichzeitig zu hochtrabenden Gedanken angestachelt und für diesen Reflex spöttisch belächelt wird. So erfolgen beispielsweise die Schauplatzwechsel über eine immer gleiche Serie zunehmender Abstraktion: Eine gefilmte Fahrt über mittelenglische Landstraßen überblendet in das quietschig kolorierte Aquarell (niemand vermag Farben so aus ihrem Gefängnis der liniengezogenen Formen zu befreien wie Resnais) der vier bespielten Anwesen, um zuletzt im Bühnenraum der vor den Gebäuden befindlichen Gärten zu enden. War Herzen ein Film, der sich fast gänzlich in Innenräume zurückzog, dann sind diese zaungesäumten Pappmaché-Gärten in Life of Riley genau jene halb öffentlichen, halb privaten Sphären, in denen sich der Reigen um drei eifersüchtelnde Paare und einen unsichtbaren Charmeur entspinnen kann.

Der Tod naht.

Life of Riley 02

Die Gefühle sind hier eben einerseits Allgemeingut – dafür sorgen die Tratschhaftigkeit und die Verstrickung aller miteinander –, auf der anderen Seite wiederum werden sie, wenn auch erfolglos, immer erstmal mit englischer Etikette als Geheimnisse behandelt. George Riley, den man nie zu sehen bekommt, ist todkrank, die Rolle im Theaterstück haben ihm seine Freunde als Divertissement vom bevorstehenden Ende geschenkt. George bedankt sich, indem er Jack seine Tamara, und Colin (Hippolyte Girardot) seine Kathryn (Sabine Azéma) ausspannt. So bringt er einen Reigen in Gang, bei dem die unterschiedlichen Paarpsychologien, herausgefordert von der gleichen Eifersucht, mit sich, ihrer Vergangenheit und dem erst befürchteten, dann bald herbeigesehnten Ableben Georges ins Reine kommen müssen.

Wie in Ihr werdet euch noch wundern bringt also ein ins erzählerische Off imaginierter Charismatiker ein Karussell der Empfindungen und Erinnerungen in Gang. Und wieder hängt der Tod düster über dem fröhlichen Ringelreihen der schauspielenden Schauspieler (von denen einige, wie Anzéma und Sandrine Kiberlain, Resnais-Veteraninnen sind). So beschäftigt sich der mittlerweile 91-jährige Resnais wieder auf augenzwinkernde, aber deshalb nicht unernste Weise mit dem sich abzeichnenden Ende seines Lebens, mit den Doppelbödigkeiten der Beziehung zu seinen Schauspielern, derjenigen von wirklichem Leben und Kunst sowie von Theater und Film.

Wieder ins Kino!

Life of Riley 03

Dem Theater verdanken Resnais’ spätere Filme eine Atmosphäre ganz augenblicklicher Intensität, verströmen die bittersüßen Freuden performativer Unwiederbringlichkeit. Inmitten der allein durch ihre schaubudenhafte Bricolage-Anmutung auffallenden, ansonsten aber bedeutungsverweigernden Sets geht es nur um die Dialoge, die Gesichtsausdrücke, das an die Körper geheftete Schauspiel. Dem Kino wiederum verdanken die Filme ihre Momente der Nähe, des leinwandgroßen Gesichts, die in Life of Riley durch artifizielle Close-Ups vor gänzlich abstrakten, schwarz-weiß schraffierten Hintergründen noch hervorgekehrt werden. Nach Jahrzehnten der Perfektionierung hat Resnais so seine ganz eigene, beidseits entgrenzende Gattung etabliert.

Und doch wünscht man sich, dass Life of Riley nicht Resnais’ letzter Film bleiben wird. Wo sein Vorgänger bei aller Verspieltheit noch die Wucht eines Testaments verströmte, bleibt der neue doch allzu leicht, zerstreuend und nebensächlich. Etwas Generisches hat sich eingeschlichen; routiniert, fast maschinell bringt Resnais seine ausgetestete Ästhetik zum Einsatz. So bleiben die Genüsse flüchtig und verklingen wie ein Hauch von Einsicht, unerlöst, erahnt, weggelächelt. Vielleicht ist dies das letzte Opfer, das Resnais dem von ihm so verehrten populären Theater darbietet: er bekennt sich völlig zur nicht mehr von filmischer Permanenz konterkarierten Vergänglichkeit der leichten Unterhaltung. Und dennoch will ich in einem späten Dialog eine versteckte Botschaft lesen. Da unterhält sich ein Pärchen nach der (natürlich nicht gezeigten) letzten Aufführung des Stücks-im-Stück-im Film und er sagt: „Ich mag Kino lieber“. Und sie sagt: „Das nächste Mal gehen wir wieder ins Kino.“

Trailer zu „Life of Riley“


Trailer ansehen (3)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.