Life, Animated

Arielle und Aladdin lehren das Leben: In seinem Dokumentarfilm folgt Roger Ross Williams einem jungen Autisten, der durch Disney-Filme zur Sprache findet. Das ist so faszinierend wie befremdlich. 

Life  Animated 1

Life, Animated, das ist das Format des Dokumentarfilms: ein echtes Leben, gespickt mit Zeichentrickfilmeinlagen. Life, Animated, das ist aber auch eine Verortung, denn der Film spielt exakt in diesem Komma, das die beiden Wörter des Titels trennt, im Umschlagpunkt zwischen dem Leben als individuelle Summe elementarer Körperfunktionen - Atmung, Stoffwechsel, Herzfrequenz … – und dem Leben als soziales Wesen; als ein Wesen, das Reize aus seiner Umgebung aufnimmt, sie verarbeitet und sie angemessen zu erwidern weiß. Die mühsame Überbrückung des Kommas hin zu einem animierten Leben: das in Bewegung gesetzte, das in Stimmung versetzte Leben; um etwas Latein auszukramen: das beseelte Leben. Darum geht es in diesem Film, der zeigt, dass beides nicht immer Hand in Hand geht und an das fragile Wunder voll ausgeprägter sozialer Fähigkeiten erinnert.

Finding Owen

Life  Animated 5

Owen Suskind ist drei, als er aufhört zu sprechen und sich in eine von außen nicht zugängliche Innenwelt zurückzieht. Das Kind, das bislang eine gewöhnliche Entwicklung durchlaufen hatte, entzieht sich irgendwann vollends seiner Umgebung. Der Vater spricht von einer Entführung; die Ärzte diagnostizieren Autismus und zweifeln daran, dass Owen jemals das Sprachvermögen zurückerlangt. Jahre vergehen, der Kontakt ist wie abgebrochen, der Junge unerreichbar. Der Film versucht sich ab und zu an einer etwas unglücklichen Autismus-Nachempfindung, überlagert die Tonspuren und zeigt auf das überforderte und verschlossene Gesicht von Owen; meist aber sehen wir einen stummen Zeichentrickfilmjungen, der durch eine Schwarz-Weiß-Welt irrt. Dann, aber, ein Farbklecks: Owens Eltern stellen fest, dass Disney-Filme eine starke Wirkung auf ihn haben und er die Dialoge der Filme auswendig kennt. Die Eltern machen sich die Sprache der Disney-Filme zu eigen; erstmals antwortet Owen. Im Disney-Repertoire treffen sich die einander Entfremdeten.

Life  Animated 2

Der große Beseeler also, der Wundertäter, der den abgekapselten Jungen aus der Isolation holt und in den Stand des sozialen Wesens hievt, in die Gemeinschaft der Menschen eingliedert, ihm ihren Stempel aufdrückt und damit gewissermaßen den Laissez-passer fürs Leben gibt, das ist hier tatsächlich der Film. Genauer genommen, der Disney-Film, mit seinen überspitzten Gefühlsausbrüchen und seinem nervigen, Life, Animated durchziehenden Gequieke. Disney als Schule des Lebens, als Sozialisationsinstanz. In Interviews erzählen Cornelia und Ron Suskind, wie ihr Sohn langsam wieder eigene Gefühle, eigene Gedanken zum Ausdruck brachte, wie er sein Leben in Bezug setzte zu Szenen aus Disney-Filmen, unzählige Parallelen fand. Kurz stellt ein Arzt die These auf, es sei für den Autisten leichter, die überspitzten Gefühle der Disney-Figuren zu deuten, doch Life, Animated sucht nicht nach Erklärungen, sondern feiert ehrfürchtig das Wunder.

Bei Disney gibt’s keinen Zungenkuss

Life  Animated 3

Der Film ist ein einziger Lobgesang auf die Disney-Welt, und das ist mehr als nachvollziehbar in Anbetracht der Tatsache, dass Cornelia und Ron Suskind ihr Kind verloren gewähnt haben. Es drängt sich aber ziemlich schnell ein fürchterliches Gefühl der Enge auf, das im Film kaum reflektiert wird. Mag Life, Animated alle Etappen von Owens Initiationsreise passgenau mit Disney-Auszügen bebildern – als Owen auszieht, gibt es die dramatische Szene, in der Bambi seine Mutter verliert –, es hat etwas Schwindelerregendes, dass eine ganze Existenz vom Disney-Repertoire abgedeckt wird, dass man daraus alles schöpfen kann, was man braucht. Kann man auch nicht: Risse in der überhöhten Disney-Welt werden zaghaft angedeutet. Die Bemühungen von Owens Bruder, ihm den Zungenkuss und darüberhinausgehende – in Disney-Filmen niemals vorkommende – Zärtlichkeiten zu erläutern, versinnbildlichen das, was Owen nicht über Disney-Filme vermittelt werden kann.

Anleitung zum Leben

Life  Animated 4

Life, Animated gibt sich als ein Film voller Freude: die Freude der Eltern über den zurückgewonnenen Sohn, die Freude des Sohnes, sich in diesem Film mitzuteilen. Es gibt trotzdem befremdliche Szenen, etwa, als Owens Betreuerin mit ihm die Nachrichten an seine Freundin Emily durchgeht. Owen habe Fortschritte gemacht, er schreibe ihr nun, dass er sie liebt. Die Frage, ob Disney-Filme Owen tatsächlich dazu befähigen, eigenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, oder ob das nur Widerhall ist, scheint meist zugunsten der ersten Antwort geklärt; doch solche Szenen werfen ein befremdliches Licht auf Owens Erlernen sozialer Konventionen. Wie sehr kann, wie sehr sollte zum Leben in der Gesellschaft angeleitet werden? Das ist eine Frage, die weder hier noch bei Disney gestellt wird.

Trailer zu „Life, Animated“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.