Life

Innen und außen als allzu menschliche Kategorien: In Daniel Espinosas Weltraumthriller durchbricht eine transparente Alienkrake Knochen und Körpergrenzen. 

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Eine schwerelose, sich immer wieder wie ungewollt schräg stellende und dann drehende Kamera fliegt am Anfang von Daniel Espinosas Life durch das beengte Innere der Raumstation, einem weiteren Crewmitglied gleich. Die Bewegung ist schnell, aber nicht hektisch, sie fragmentiert unseren Blick auf den schlauchartigen Raum, bleibt dabei aber stets im Fluss. Wie im Vorbeigehen wird hier ein Hebel, dort ein Schalter betätigt (kabellose Touch-Computer gibt es hier zwar auch, aber vor allem wenn es brenzlig wird, verlässt sich die zeitgenössische Science-Fiction immer noch auf das haptischere Analoge): die Perfektion menschlich-technischer Abläufe. Routine, die natürlich niemals Routine sein kann, und vor allem nicht sein wird.

Verzweifeltes Kopfschütteln eines Todgeweihten

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Life kostet die Standard-Motive des Genres von Beginn an aus, und konfrontiert dieses organisch Bewegte dann sogleich mit dem Modus stillgestellter Faszination – in Form von kaum bewegten, mit geringer Brennweite fotografierter Sichten in den dunklen Weltraum und auf strahlende Planeten. Diese Gegensätzlichkeit, die für eine Affektpoetik zwischen Allmacht und Überwältigung steht, findet sich auch auf Tonebene verwirklicht, wo sich das Piepen, Klicken und die kaskadenhaften Funksprüche der Crew mit erhaben anschwellenden Streicher- und Bläser-Folgen abwechseln. All das schreibt sich während der langen Anfangssequenz in einen Rhythmus des Suspense ein: Eine in einer Kapsel unkontrolliert durchs All schwirrende Gesteinsprobe vom Mars muss mit einigem Risiko (eben mit größtmöglicher Routine) eingefangen werden.

Dass diese Probe nicht einfach nur die technischen Abläufe, sondern auch das menschliche Leben an Bord der ISS auf Tiefste erschüttern wird, scheint zu diesem Zeitpunkt, inmitten der Euphorie um das geglückte Manöver, nur ein kleines Bild im Bild zu wissen: Auf dem Screen einer Body-Cam ist das Gesicht desjenigen Helden (Ryan Reynolds) zu sehen, der wenig später zum ersten Todesopfer wird. In einem kurzen Moment der Irritation wird sein ungläubiges Staunen zu einem Ausdruck des Schocks, oder zumindest einer unguten Vorahnung. Schüttelt er, da draußen im Nirgendwo auf einem Riesenhaufen Metall sitzend, nicht auch leicht und mehr verzweifelt als ungläubig den Kopf?

Von der Qualle zur Krake

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Mit dem erfolgreichen Fang der Probe faltet Life seine streng auf ein Innen und ein Außen beharrende Inszenierung erst einmal in die Raumstation selbst ein. In einer Petrischale in einem Glaskasten im abgetrennten Labor des Schiffes versucht der Biologe Hugh Derry (Ariyon Bakare), der sich weniger für ganze Planeten als für deren mikroskopisch kleinste Strukturen interessiert, eine aus der Probe extrahierte außerirdische Zelle zum Leben zu erwecken. Nach ein paar wenigen Rückschlägen gelingt das auch, und in Windeseile entwickelt sich ein quallenartiges Baby-Alien, das auf den Namen Calvin getauft wird – ein Name, der eine verniedlichende Haustierhaftigkeit evoziert, gleichzeitig aber auch die extreme Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit des Wesens ironisch vorwegnimmt. Es kommt, wie es kommen muss: Die menschliche Allmacht wird zur Ohnmacht, das Staunen schlägt um in Angst, das Tierchen entwickelt sich zum extrem intelligenten Kraken-Monster, das sich reichlich wenig um innen oder außen schert (und folgerichtig selbst sehr transparent daherkommt).

Von der Science-Fiction zum Body Horror

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Daniel Espinosa dekliniert diese Auflösung von Grenzen bemerkenswert direkt an (oder eher in) den Körpern der Protagonisten durch. Wenngleich die extreme Kraft, mit der Calvin Knochen brechen kann, relativ früh die schauderhafteste Szene des ganzen Films bereitstellt, so ist es doch sein Hunger nach warmem Blut (und/oder Eingeweiden?), der den Body Horror von Life im Folgenden bestimmt. Immer wieder will das Alien „rein“, immer in eine noch tiefere Schicht vordringen: in die Raumstation, in den Raumanzug, aber vor allem und letzten Endes in den menschlichen Körper, um ihn von innen aufzufressen. Dieses Morden zieht dabei jedoch weniger eine Erschütterung des Bildraums nach sich (wie etwa im Kriegsfilm), sondern eher dessen Verflachung: Die im schwerelosen, aber eng begrenzten Raum der Station schwebenden, toten Körper werden immer wieder in gemäldeartigen Kompositionen eingefangen.

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Dass Life sich immer wieder Zeit nimmt für solche Stillstellungen, auch für die aus der Ermüdung seiner Protagonisten erwachsende Melancholie, fällt besonders deshalb auf, weil der Rhythmus des Films eigentlich ein unerbittlicher ist. Ein Besatzungsmitglied nach dem anderen muss dran glauben, jeder neue Plan, jede Bewältigungsbewegung scheitert, ein Opfer schenkt lediglich dem nächsten Opfer (und damit dem Terror des Zuschauers, dem „Geruch des Todes“ nach Gothic-Theoretiker Devendra Varma) etwas mehr Zeit. Das Trauern dagegen muss verkürzt werden, ist aber trotzdem äußerst präsent, werden die Intensitäten der sterbenden, verzweifelten und weinenden Gesichter doch durch die zahlreichen spiegelnden Oberflächen (der Fenster, der Helme, der Bildschirme) immer wieder mit sich selbst multipliziert. Jake Gyllenhaal funktioniert dabei interessanterweise nicht als Star-Vehikel, sondern verkörpert mit all seiner Verhuschtheit eine Hauptrolle, die ihm der Film erst nach und nach verleiht, die er ihm regelrecht aufdrängen muss.

Gesellschaftlichkeit als Ressource?

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Eine misanthropische Verweigerungshaltung – „I belong up here, I don’t wanna go back to eight billions of those motherfuckers“ – scheint in Life immer mitzulaufen, wird dabei aber kaum problematisiert. Das Gemeinwesen verwirklicht sich nur noch entweder streng funktional und repräsentativ (im Sinne einer international besetzten Crew bzw. eines in Bezug auf ethnische Vielfalt ausgewogenen Casts) oder in einem Modus nostalgischer Erinnerung (an die Daheimgebliebenen, an die Verstorbenen). Keine Arbeit an der Gemeinschaft, kein Lieben im Jetzt. Übrig bleibt ein „life“, das man mehr als Über- denn als Zusammen-Leben zu verstehen hat. „Calvin doesn’t hate us, but he has to kill us.“ Warum eigentlich? Eine Annäherung im Sinne einer Kontaktaufnahme, eines Anbietens von Gesellschaftlichkeit findet nicht statt (lediglich ganz kurz zu Beginn vielleicht, im Vater-Kind-Modus). Allerdings – und das ist vielleicht die nicht sonderliche neue, aber durchaus noch aktuelle kritische Metapher des Films – ist der Raum der Konfrontation eben ein anderer als etwa in Denis Villeneuves Arrival (2016): Die ständige Ressourcenknappheit (im Weltraum) macht den Menschen wieder zu des Menschen Wolf. Ehe er sich versieht, ist er eins mit dem Monster.

Trailer zu „Life“


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Kommentare


Sean

Mich interessiert wer die Zielgruppe für solche Kritiken ist? Man muss sich sehr konzentrieren, um zu verstehen was ausgedrückt werden soll. "Life" ist ein einfacher und unterhaltsamer Film. Wenn man die Kritik liest, hat man das Gefühl es ginge dort um stark verkopfte Sozialwissenschaften. Ganz davon zu schweigen, dass der Tod von Ryan Reynolds fieserweise gleich als erstes verraten wird.


ule

@Sean, eine kurze Frage: Was ist denn "Verkopfte Sozialwissenschaft" . Gibts da irgendwo eine neue Fakultät oder so ?

Auf critic.de werden meines Wissens nach Filmkritiken veröffentlicht.

Ist es in diesem Zusammenhang nicht schön, dass der Kritikerkopf dabei eine Rolle spielt oder zumindest eine Option zur Aktivierung darstellt, was im übrigen auch für den Leser hin und wieder von Nutzen ist ?


Sean

Bitte tu nicht so, als würdest du mich nicht verstehen können Ule.
Ich möchte eine Filmkritik lesen und keine wissenschaftliche Abhandlung. Und ich würde mir wünschen, dass sie mir Gelegenheit gibt gewisse Teile der Handlung selber erfahren zu dürfen.
Ich freue mich aber, dass critic.de offen dafür ist auch kritische Anmerkungen zu veröffentlichen!


Leander

@Sean, ich kann dein Anliegen verstehen, Mir gehts bei der Wikipedia oft ähnlich, aber es gib eben verschiedene Geschmäckle. Ich gehöre zum Beispiel zur Zielgruppe von Critic. Ich mag die Art, wie hier geschrieben wird. Oft amüsiert mich die Kritik mehr als der Film. Und wenn ich den Eindruck habe, daß der Film dem hier schreibenden Kritiker nicht gefällt, dann gefällt mir der Film in der Regel später auch nicht. Und umgekehrt.

Wenn Du einen anderen Stil wünschst, es gibt viele Filmkritik-Filmseiten im Netz. Wenn Du englisch kannst, probier Rotten Tomatoes, da gibts auch Nutzer-Kritiken.






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