Liebestoll im Abendrot - Tasogare – Kritik

Er ist fußkrank, sie lernt Tanzen. Beide sind Großeltern und haben sich seit der High-School nicht mehr gesehen. Liebestoll im Abendrot erzählt eine Liebesgeschichte aus Japan.

Liebestoll im Abendrot - Tasogare

Seine Jugendliebe Kazuko (Yasuko Namikibashi) hat Funakichi (Masaru Taga) seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gesehen. 65 Jahre ist er heute alt, seine Frau ist gerade verstorben, er ist fußkrank und auch wenn er weiterhin Stripclubs frequentiert, fremden Frauen im Supermarkt nachstellt und sogar ab und an eine junge Geliebte aufsucht, droht die Libido langsam nachzulassen.

Auf einem Klassentreffen trifft er Kazuko wieder. Ein denkbar absurder und komischer Flashback klärt über die nicht ganz glückliche Vorgeschichte des Paares auf. Die Annäherungsversuche des Witwers treffen auf unverhofft fruchtbaren Boden. Seine frühere Flamme hat ebenfalls ihren Partner verloren und vertreibt sich die Zeit damit, Nō-Tänze zu lernen. Doch als Funakichi aufdringlicher wird, ist sich Kazuko nicht mehr so sicher, was sie von der unerwarteten Situation zu halten hat. Schließlich hat die Großmutter auch Angst um ihren Ruf, sowie um den ihrer Familie.

Liebestoll im Abendrot - Tasogare

Liebestoll im Abendrot lautet der nicht ganz glücklich gewählte deutsche Titel dieses kleinen, so sonderbaren wie faszinierenden Films. Im japanischen Original heißt das Werk schlicht Tasogare, was übersetzt sowohl Dämmerung als auch Lebensabend bedeuten kann. Gerade einmal 64 Minuten lang ist dieser Film und beobachtet in aller Ruhe, in meist unbeweglichen, schlichten Einstellungen Menschen vor dem Sex, während dem Sex und nach dem Sex.

Das Genre des „pinku eiga“ ist ein rein japanisches Phänomen. Verhältnismäßig kurze, künstlerisch oft erstaunlich ambitionierte und auch heute noch primär fürs Kino produzierte Sexfilme, die auf explizite Bilder verzichten (müssen, aufgrund der strengen Zensurbestimmungen) und sich stattdessen über extravagante Themen und formale Eigenheiten zu profilieren suchen. Hochzeit waren die siebziger Jahre, als einige große Studios ihre Produktion vollkommen auf diese japanische Form des Softpornos umstellten und mehr als die Hälfte aller veröffentlichten Filme zum Genre gehörten. Nach dem Zusammenbruch des Studiosystems, dem Siegeszug der Videokassetten und schließlich der globalisierten Pornografie des Internets steckt nicht mehr so viel Geld in den Pinkys. Produziert werden sie weiterhin.

Liebestoll im Abendrot - Tasogare

Denn geblieben ist die Erkenntnis, dass Filme, die wenig Geld kosten und viele Sexszenen enthalten, sich vieles erlauben können. Liebestoll im Abendrot – Tasogare erlaubt sich ein Protagonistenpaar mit einem Altersdurchschnitt jenseits der 60 und er erlaubt es sich, die Bedürfnisse, die sexuellen wie auch alle anderen, dieser Protagonisten nicht nur ernst zu nehmen, sondern zum Zentrum des Films zu machen. Im Stundenhotel beobachtet der Film mit sympathisierendem Gleichmut aber ohne jegliche Aufdringlichkeit die Interaktionen zweier Menschen, für die weit mehr auf dem Spiel steht als nur schneller Sex.

Liebestoll im Abendrot ist nicht an sensationellem, tabubrechendem Rentnersex interessiert. Im Gegenteil, Regisseur Shinji Imaoka inszeniert Kazukos und Funakichis Szenen genauso zurückhaltend – aber auch genauso bestimmt und ohne falsche Scham – wie die restlichen Sensationen des Films. Um Genreregeln und Zuschauererwartungen zu genügen, vielleicht auch, um den Tabubruch in Lebenswelt einzubetten und zu normalisieren, haben in Liebestoll im Abendrot auch andere, jüngere Menschen Sex, meist während Funakichi ihnen dabei zusieht. Überhaupt gelingt es Imaoka trotz kurzer Laufzeit, die Welt seines Filmes in beachtlicher Breite zu entwerfen. Die Familien beider Liebenden lernt der Zuschauer kennen, dazu zahlreiche Freunde und Bekannte Funakichis. Zwar geht es in der Tat fast immer um Sex, mit verhandelt aber wird ein gesamtes Gesellschaftsbild.

Liebestoll im Abendrot - Tasogare

Liebestoll im Abendrot ist Pornografie, aber eine, die einer besseren Welt zu entstammen scheint. Die Sexszenen werden zwar ruhig und fast klassizistisch inszeniert – hätte das klassische japanische Kino Geschlechtsverkehr zeigen dürfen, es hätte nicht viel anders aussehen können –, zielen aber ohne Zweifel auf Erregung. Gleichzeitig entfernt sich Imaoka soweit wie nur möglich von der dominierenden Pornografie, von der Pornografie des Videothekentrashs und der Erotikmessen. Liebestoll im Abendrot zeigt, wie Pornografie aussehen kann, wenn sie sich auf tatsächliche Menschen, auf sozial geerdete Individuen bezieht.

Trailer zu „Liebestoll im Abendrot - Tasogare“


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