Liebe und andere Verbrechen

Das Langfilmdebüt des serbischen Regisseurs Stefan Arsenijevic ist ein tragikomisches Plattenbau-Kammerspiel, in dem einer Frau auf der Flucht in ein neues Leben die Liebe in die Quere kommt.

Liebe und andere Verbrechen

Es schneit und schneit und schneit in der tristen Hochhaussiedlung von Neu-Belgrad, im Verlauf des gesamten Films, von frühmorgens bis spät in die Nacht. Dazu erklingt immer wieder, in unterschiedlichen Varianten, das melancholische Liebeslied „Bésame mucho“. Die Originalversion entstammt der Oper Goyescas (1911) des spanischen Komponisten Enric Granados. Die mexikanische Musikerin Consuelo Velásquez schrieb die Arie 1941 in eine Ballade um und versah sie mit einem anderen Text. Dieser erzählt von dem vielleicht letzten Kuss zweier Liebender und der Angst vor einer endgültigen Trennung. Als die Sängerin das Lied mit knapp 25 Jahren komponierte, hatte sie selbst noch nie geküsst. „Es war alles ein Produkt meiner Fantasie“, so Velásquez.

Auch Stanislav (Vuc Kostic, Das Leben ist ein Wunder, Zivot je cudo, 2004) fantasiert von der Liebe und fürchtet einen endgültigen Abschied. Seit seiner Kindheit ist der Berufskriminelle und Hobbyzauberer in seine Nachbarin Anica (Anica Dobra) verliebt. Weil er ahnt, dass die Geliebte seines Chefs Milutin (Feda Stojanovic) vorhat, ihr perspektivloses Leben in Neu-Belgrad für immer zu verlassen, ergreift er seine letzte Chance und gesteht ihr endlich seine Gefühle. Doch Anica ist weniger Träumerin als Realistin, und Stanislavs Offenbarung passt ihr überhaupt nicht in den Fluchtplan, für den sie den Safe von Milutin ausrauben will. Der Besitzer eines Solariums lebt von Schultzgelderpressungen und hat eine autistische Tochter (Hanna Schwamborn), die zu Beginn von Liebe und andere Verbrechen (Ljubav i drugi zlocini) im rosa Kleid vor grauen Hochhausschluchten am Abgrund balanciert. Nur mit „Bésame mucho“ kann Stanislav den Teenager von der Dachkante locken.

Liebe und andere Verbrechen

Ein bisschen lebensmüde oder realitätsfern sind bis auf die resolute und kämpferische Anica fast alle von Arsenijevic’ Figuren. Wenn sie als Milutins autistische Tochter oder als Anicas demente Großmutter nicht gleich in ihrer eigenen Wirklichkeit leben, dann klammern sie sich an eine längst vergangene Liebe oder Karriere, träumen von einer Laufbahn als Zauberer oder flüchten in die sonnige Fantasiewelt exotischer Fernsehseifenopern. Ihr deprimierend farbloser Alltag im Viertel zwischen Kiosk, Pornovideothek und Solarium wird nur von vereinzelten Lichtblicken erhellt, in Form von Orangen und roten Rosen, einem frei gelassenen Papageien oder einer Make-up-Erneuerung.

Liebe und andere Verbrechen

Als Kontrast zum rauen wirtschaftlichen Klima im postsozialistischen Nachkriegsserbien und zum ständigen Schneefall betont der Regisseur die Solidarität und menschliche Wärme seiner Figuren. Damit unterscheidet sich seine bittersüße Milieustudie deutlich von der sozialen Kälte und dem Gesellschaftspessimismus des serbischen Dramas Klopka – Die Falle (Kopka, 2006), in dem Arsenijevic’ Hauptdarstellerin Anica Dobra als Witwe eines rücksichtslosen Geschäftsmanns auftritt. Die Gangster in Liebe und andere Verbrechen tragen ihr Herz auf dem rechten Fleck, träumen von der Liebe und zetteln wegen eines vergifteten Haustieres schon mal einen Bandenkrieg an. Anica kann sich nicht überwinden, das ganze Geld aus Milutins Safe zu nehmen, während ihr väterlicher Geliebter von ihrem Vorhaben wissend noch ein paar Extrascheine für sie reingelegt hat. Der trockene Humor und die nüchterne Inszenierung der Schauplätze bewahren die Handlung vor dem Sozialkitsch und einer Überdosis Sentimentalität.

Eine gleichermaßen lakonische, optimistische und romantische Haltung demonstrierte Arsenijevic bereits in seinem Beitrag Fabulous Vera zu dem osteuropäischen Kompilationsfilm Lost and Found (2005). Seine Geschichte einer geschiedenen Fahrkartenverkäuferin, deren Tochter nach Kuba auswandern will, die daraufhin ihre eigene Straßenbahn entführt und nach ihrer Festnahme mit einem verwitweten Polizisten anbandelt, beleuchtet wie sein Langfilmdebüt verschiedene Motive des Aufbruchs und Abschieds. Bei Arsenijevic wagen vor allem die Frauen den Absprung in ein neues Leben und eine ungewisse Zukunft. Die Männer verharren mehr im Vertrauten, blenden oder schmücken die Realität aus oder hängen der Vergangenheit nach.

Liebe und andere Verbrechen

In Liebe und andere Verbrechen sitzen zwei solcher Exemplare, der verträumte Stanislav und der rückwärtsgewandte Milutin, in einer späten Szene in einer Bar, während sich Anica aus dem Staub macht. Stanislav hat den Barbesitzer geschmiert, damit dieser seine Mutter „Bésame mucho“ vortragen lässt. Der Sohn mag der alten Dame nicht beibringen, dass ihre Zeit als erfolgreiche Sängerin längst vorbei ist. Im Namen von Milutin hat Stanislav gerade eine Frau um Verzeihung gebeten, mit der sein Chef einmal eine Liebesbeziehung führte, die durch dessen Schuld aber schon vor 17 Jahren zerbrach. „Es gibt kein Verzeihen“, überbringt der Bote die zweifelsfreie Reaktion der ehemaligen Freundin. Dazu ein ebenso zweifelsfreier Milutin: „Das heißt, sie liebt mich immer noch“.

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