Liebe Mauer

Zum 20. Jubiläum des Mauerfalls erzählt Peter Timm eine eigentlich unmögliche Liebesgeschichte und vollendet damit den langen Weg der DDR ins klassische Genrekino.

Liebe Mauer

Es brauchte gut zehn Jahre gelebter Wiedervereinigungsrealität, bevor sich die DDR-Thematik einer gesamtdeutschen filmischen Aufarbeitung stellen konnte. Den ersten diesbezüglichen Versuchen ehemaliger DEFA-Regisseure, wie Frank Beyer (Der Verdacht, 1991) oder Heiner Carow (Die Verfehlung, 1992) blieb die große Publikumsresonanz versagt – zu gering waren noch die Distanz und das Interesse an Einblicken in die DDR-Realität, galt doch zunächst die Aufmerksamkeit mehr der Freude über die neu gewonnenen Freiheiten, etwa in Peter Timms Komödie Go Trabi Go (1990) über einen Ost-Familienurlaub mit Trabi „Schorsch“ in Italien.

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Erst die Verfilmungen zweier Stoffe von Thomas Brussig, Helden wie wir (1999) von Sebastian Peterson und Sonnenallee (1999) von Leander Haußmann öffneten neue Wege zu einer gesamtdeutschen Rezeption, wobei letztere erstmals Maßstäbe westdeutscher Popkultur an ostdeutsche Lebensrealität  anlegte und den Blick auf die aberwitzigen Absurditäten der DDR freigab. Flankiert von Verharmlosungsvorwürfen, gab Sonnenallee so wesentlich die Richtung vor. Besinnlichere Ansätze wie Wolfgang Beckers Good Bye, Lenin! (2003) gehören auch zu dieser Komödienflut, die im Zuge einer DDR-Verklärung in kaum erträglichen Ostalgie-TV-Formaten und leidlich platten Stilblüten wie Carsten Fiebelers Kleinruppin forever (2004) oder Haußmanns NVA (2005) gipfelten. Eine wesentliche Zäsur dieser Entwicklung setzte erst der Erfolg von Florian Henckel von Donnersmarcks melodramatischem Thriller Das Leben der Anderen (2006), dessen Geschichte von der Läuterung eines Stasi-Mannes zwar historisch nicht einwandfrei war, jedoch erstaunlich detailnah die westdeutsche und vor allem die US-amerikanische Wahrnehmung einer gefühlten DDR-Realität konsolidierte. Donnersmarcks Film eröffnete so der DDR-Thematik den Weg ins klassische Genre- und Erzählkino, an dessen vorläufigem Ende nun Peter Timms Tragikomödie Liebe Mauer steht.

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Es ist vor allem die abseits von Oberflächlichkeit liegende Leichtigkeit, die den Charme von Peter Timms Film ausmacht. Der Fokus liegt nicht primär auf der Bebilderung des herausgestellten politisch-sozialen Ungemachs der DDR-Wirklichkeit, sondern der historische Hintergrund wirkt hier in klassischer Funktion: als Störfaktor der im Königskinder-Sujet angelegten Liebesgeschichte. Dabei wählt Peter Timm eine auf die nachgeborene Zielgruppe heutiger Jugendlicher folgerichtig zugeschnittene Einstiegsoptik: Die Sicht einer modernen Westdeutschen, die von der DDR eigentlich keine Ahnung hat.

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Franzi (Felicitas Woll) will in Westberlin studieren und bezieht eine Wohnung in Kreuzberg, direkt an der Mauer und in Blickweite des Grenzübergangs. Das hat Vorteile, denn Wohnungen an der Mauer sind preiswert, und man kann drüben billig einkaufen. So begibt sich Franzi auf exotische Einkaufsfahrt in den faszinierend detailgetreu dargestellten Osten. Unbelastet vom Wissen um implizite Gefahren verliebt sie sich in den jungen Grenzer Sascha (Maxim Mehmet), mit dem sie sich fortan in Ostberlin trifft. Hierdurch gewährt der Film einen emotional motivierten Blick auf das Leben und Denken der Menschen hinter der Mauer.  Dass die Reichweite dieses Blicks zum Teil verkürzt ist, schmälert seinen edukativen Wert kaum, denn die Figuren funktionieren in ihren teilweise typisierten Parametern nahezu frei von jeglicher Zwangskomik. Die Lage ist ernst und deshalb komisch. Natürlich steht die junge Liebe zwischen Franzi und Sascha unter Beobachtung der Sicherheitskräfte, allen voran mit dem seit Das Leben der Anderen auf sinistre Funktionärstypen festgelegten Thomas Thieme als fieser Stasi-Major Kutzner.

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Originellerweise ist es aber nicht nur die Stasi, der das Ost-West-Tête-à-tête suspekt vorkommt: Während Sascha Franzi im Auftrag der Stasi ausspionieren soll, wird Franzi – ohne es zu ahnen – für die CIA angeworben. Als Saschas Bekannte Uschi (Anna Fischer) wiederum Sascha im Auftrag der Stasi überwachen muss und Franzi zeitgleich vom BND verpflichtet wird, ist das klassische Chaos perfekt, mit dessen Dichte man sich zeitweise an Billy Wilders Eins, Zwei, Drei (One, Two, Three, 1961) erinnert fühlt. Die zur Maueröffnung führenden Ereignisse werden anfangs dezent im Hintergrund gehalten, etwa wenn die Liebenden während eines nächtlichen Spaziergangs an den Mahnwachen vor der Zionskirche vorbeischlendern und sich dabei auch Saschas idealistische Weltsicht vermittelt. Das porträtierte Selbstverständnis des jungen DDR-Bürgers ist dabei erstaunlich frei von didaktischer Wertung, was den Blick umso ehrlicher macht. Das gilt auch für Saschas Familie, allen voran hier Saschas Großmutter (Gisela Trowe) mit ihrer aus schicksalhaften Lebenserfahrungen gespeisten gutmütigen Weisheit oder für den anfangs systemfesten Vater (Karl Kranzkowski), der sich am Ende nur als Rädchen im Getriebe der totalitären Maschinerie erkennen muss. Es sind vor allem diese genauen Figurenzeichnungen, die ein ehrliches Setting für die komödiantischen Wirrungen abgeben.

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Natürlich wird aus latenter Gefahr eine beziehungs- und existenzgefährdende Bedrohung ohne Ausweg und mit sicherer Aussicht auf langjährige Haft für die Liebenden. Hier bekommt der Film tragische Züge, die jedoch die Genregrenze nie durchbrechen, sondern zu den komischen Elementen in ausgewogener Balance stehen. So kommt die für viele unbegreifliche Maueröffnung als glückliche Fügung punktgenau im rechten Moment der größten Bedrohung. Trotz dieser Deus-ex-machina-Konstruktion kann so  beim Zuschauer eine echte Freude am Happy End entstehen, die mit der Euphorie der die Mauer niederrennenden Menschenmassen zusammenfällt. Liebe Mauer ist zunächst eine klassische Liebeskomödie, die jedoch mehr über das Glücksgefühl ob der Maueröffnung zu erzählen versteht als manche pathetische Dokumentation.

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Kommentare


Sonnenallee

Den Film werde ich mir auf jeden Fall anschauen, allein schon wegen Felicitas Woll.


Torsten

Historisch nicht korrekt ist zumindest der Filmbeginn auf der Dömitzer Elbbrücke; genaugenommen kommt Franzi da im ehemaligen Schutzstreifen auf die 1989 nur als Ruine bestehende Brücke zu. Was will Peter Timm uns damit sagen?


Jürgen

Ich habe den Film - der vorher völlig an mir vorbeigegangen war - erst gestern auf sky gesehen.

Als linker Mann, der Anfang der 80er Jahre selbst in eine West-Ost Liebesbeziehung geriet, war ich anfangs begeistert von der Filmidee und der genauen Zeichnung des Grenzübergangs und der "fremden" Welt, die sich in Ostberlin dann eröffnete.

Aber ach - mit zunehmender Dauer konnte der Film sich meiner Meinung nach nicht entscheiden, was er sein wollte.
Und von glaubhafter Personenzeichnung keine Spur.

Kein westlicher Student (und kein Ossi) wäre im November (!) 89 so blöd gewesen, nicht mit Gorbatschow eine baldige Liberalisierung in der DDR für möglich zu halten.
Krass auch der Fehler, bei einem Verhör im Hintergrund noch ein Honecker Bild an der Wand zu sehen. Krenz war längst am Ruder und allerorten war von Wende zu reden.

Das hätte nicht zum Bedrohungsszenario (Die Stasi drohte mit langjähriger Haftstrafe wegen der Westkontakte) gegen die West-Ost Liebe gepasst - also lässt man es an historischer Genauigkeit fehlen.

Schade fand ich auch die Entwicklung von Felicitas Woll im Film.
Endlich hätte sie mal wieder ihr komödiantisches Talent ausspielen können und zu Beginn tat sie es auch.
Dann aber musste sie ständig tragisch gucken oder bedeutungsschwer glücklich - wirklich schade.


Peter

Dem Kommentar von Jürgen mag ich mich nicht anschließen.

Auch ich habe den Film gestern zum ersten mal gesehen. Ich fand ihn herzerfrischend, spannend (obwohl man ahnen konnte, wie das ausgeht), schauspielerisch gut. Vor allem die Detailtreue der Kulisse (Kaufhalle, Kneipe etc) hat mich wirklich begeistert.

Außerdem wollte ich keine Zeitgeschichtsdoku sehen, sondern was zum Schmunzeln...und ich habe geschmunzelt!






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