Lieb Vaterland, magst ruhig sein

Ein Beitrag aus einer Genretradition, die es nie gab: Roland Klicks Simmel-Adaption ist nicht mitreißend spannend, aber hinreißend dicht und detailreich.

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Auf dem staubigen Weg zwischen Schutthalden, alten Güterwaggons und Holzverschlägen erscheint eine alte Frau mit einem klapprigen Handwagen. Die Kamera schwenkt mit ihr nach rechts zum Ufer des Kanals, wo sie Halt macht und ein Holzkreuz in die Erde schlägt. Am anderen Ufer Mauer, Stacheldraht, ein Wachturm, dahinter eine fensterlose Altbauwand. Schnitt auf einen zerknautschten Mann im Trenchcoat, der bäuchlings neben einem Gleis aufwacht, sich mühselig aufrappelt, zu der Alten tritt und vor dem Kreuz stumme Andacht hält. Daran befestigt ein Zeitungsausschnitt mit dem Bild einer jungen Frau, das Wort „erschossen“ ist oben links noch halb lesbar. Die Alte wirft dem Mann einen kummervollen Blick zu und zieht ab, vorbei an ein paar Kindern, die am Uferweg fröhlich Drachen steigen lassen, und dann ist diese kurze, dialogfreie und lebhaft sprechende Szene auch schon vorbei. Doch Roland Klick findet in 88 vor Handlung und Figuren überbordenden Filmminuten eben auch noch Zeit für eine solche poetische Miniatur, die ohne viel Aufhebens im Erzählfluss auftaucht und doch eindringlich im Gedächtnis bleibt.

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Zugleich ist die Szene, so straff organisiert ist Lieb Vaterland, magst ruhig sein selbst in einem stillen Moment, auch hochgradig funktional, erzählt in wenigen Augenblicken vom Abschied des Protagonisten Bruno (Heinz Domez) von seiner Freundin Mietzi (Catherine Allégret) und verwebt seine Trauer mit der Stimmung der Stadt. Und diese Stadt ist natürlich das geteilte Berlin, das eine gute Stunde vorher in einer opulenten Titelsequenz via Luftaufnahme weiträumig vorgestellt wurde – keinem nach Bedeutung suchenden Blick von Engeln, sondern einem jedes Detail registrierenden Blick aus einem Hubschrauber.

Noch vorm Vorspann gemahnt ein Bild an den Ursprung des Stoffes: Das rot-blaue Blumenmuster auf Mietzis weißem Kleid sieht aus wie der Umschlag eines Simmel-Romans, und deren ikonische bunte Buchstaben sind ein Markenzeichen der verschnarchten Populärkultur der alten Bundesrepublik. Simmel schrieb mit sozialdemokratischem Aufklärungseifer Bücher mit Botschaft und arbeitete sich an allen relevanten zeitgenössischen Themen ab. Lieb Vaterland, magst ruhig sein ist sein Buch zum Thema Mauerbau. Drei Jahre danach angesiedelt, spinnt der Roman die hakenschlagende Story um den Kleingangster Bruno, der von der DDR beauftragt wird, einen West-Berliner Fluchthelfer zu entführen, aber dann Kontakt mit den BRD-Behörden aufnimmt und so zum Doppelagenten wird.

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Roland Klick entblättert die ausufernde Prosa Simmels bis auf ihr narratives Gerüst und kleidet dieses in eine hochkonzentrierte Filmsprache ein. So gelingt es ihm, den 600-Seiten-Koloss noch unterhalb der 90-Minuten-Grenze auf die Leinwand zu transportieren. Das Simmel’sche Anliegen, „die Leute wachzurütteln“, ist dem Film als Gestus fremd, geblieben ist ein äquidistanter Blick auf den Ost-West-Konflikt, bei dem beide Seiten den „kleinen Mann“ Bruno gleichermaßen kaltschnäuzig zum Spielball ihrer Interessen machen (freilich hat hier der Westen in Sachen Korruption und Opportunismus zuletzt die Nase vorn). Klick fängt den Systemgegensatz in mehrdeutigen Bildern ein – ein Panzer unterm „Für Fortschritt und Sozialismus“-Banner, dazu „die freie Stimme aus der freien Welt“ vom RIAS im Off; Kinder, die vor der Mauer um ein brennendes Sofa tanzen –, nutzt ihn aber vor allem als archetypisches Sujet für einen Agententhriller.

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Auch wenn der Film wie beiläufig einen skandalträchtigen Moment einschmuggelt – den kurzen Porno-Ausschnitt mit zwei minderjährigen Jungs, mit dem Zuhälter Knarge (Rolf Zacher) von zwei sinisteren kommunistischen Agenten erpresst wird –, ist Lieb Vaterland, magst ruhig sein Publikumskino mit vergleichsweise wenig Widerhaken. Vielleicht zeigt Klicks vierter, von Bernd Eichinger produzierter Langfilm am wenigsten „Handschrift“. Man kann aber auch sagen, dass hier jemand eben besonders schnörkellos und lesbar schreibt. Jede Figur, jeder Schauplatz wird in wenigen Federstrichen umfassend vorgestellt, und stets findet der Autor sprechende Bilder: So genügt der Blick auf einen nächtlichen Hotel-Eingang mit rotem Vordach, Teppich und Pagen, vorfahrenden Taxis und hinein und hinaus huschenden Männern in Mänteln, um „internationales Spionage-Flair“ zu erzeugen. Ein paar Hotelbar-Impressionen – die schwarze Soulsängerin, die in Schale geworfene Abendgesellschaft im Rauch- und Trinkgelage, der Zuhälter, der seiner Edelhure etwas ins Ohr flüstert –, und schon ist Fluchthelfer Fanzelau, Zigarre rauchend mittendrin, als Mann von Welt und Halbwelt-Schattenmann zugleich etabliert.

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Rolf Zacher als tumber Lederjacken-Lude; Günter Pfitzmann als whiskeytrinkender Kommissar im Morgenmantel; der ölige Boulevard-Chefredakteur als West-Berliner Frontstadtkämpfer: kolportagehafte Figuren gewiss, doch die Typisierung erfolgt mehr auf visueller Ebene als über ausufernden Dialog und lässt unserer Vorstellung genug Raum. So schillert etwa die Figur des Joghurt löffelnden Ost-Kommissars Bräsig (Dietrich Frauboes) als potenziell vielschichtiger Charakter zwischen hartherziger Linientreue und Loyalität mit seinem Schützling Bruno. Und neben den streng im Dienst der Erzählung stehenden Details gibt es jede Menge Farbtupfer, die die Genre-Welt in der zeitgenössischen Realität erden. Das West-Berlin der 1970er mit seinen Leuchtreklamen, Kindl-Spelunken, Rummelplätzen und bärbeißigen Taxifahrern bekommt ein kleines filmisches Denkmal gesetzt.

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Bei all seiner inszenatorischen und inhaltlichen Dichte wirkt der Film nie hektisch oder überladen, sondern fließt in gleichmäßigem Tempo dahin, von Jürgen Kniepers getragenem Score sanft vorangetrieben. Dies bedeutet auch, dass dramatische Spannung kaum aufkommt und man Hauptfigur Bruno, trotz Heinz Domez’ physischer Präsenz, eher beobachtet als mit ihr mitfiebert. Doch wirkt der unaufgeregte Stil auch souverän und sympathisch. Der Film verhält sich gewissermaßen nicht so, als wäre er als funktionierender Genre-Beitrag hierzulande allein auf weiter Flur, sondern als gäbe es viele von seinesgleichen – dies unterscheidet ihn etwa von den Genre-Arbeiten eines Dominik Graf, die sich ihr Wissen um ihre Alleinstellung ja nicht ungerne anmerken lassen. Roland Klicks Film ist dagegen ganz und gar uneitel. Wüsste man es nicht besser, würde man ihn für ein solides Beispiel aus der reichhaltigen Tradition des BRD-Spionagefilms halten.

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