L’homme qui ment

Im Zentrum von Alain Robbe-Grillets anspruchsvollem filmischen und literarischen Werk steht die Dekonstruktion des Realismus.

L’homme qui ment

Alain Robbe-Grillet, der im Februar 2008 verstorben ist, war der bedeutendste und einflussreichste Vertreter des französischen Nouveau Roman, die parallel zur Nouvelle Vague stattfindende Avantgarde-Bewegung in der Literatur. Wie seine Schriftstellerkollegen Samuel Beckett und insbesondere Marguerite Duras zog es ihn auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, die Konventionen der Realitätsabbildung zu unterminieren, schnell zum Kino. L’homme qui ment (1967) ist der dritte von insgesamt neun Langfilmen, die Robbe-Grillet neben seiner literarischen Arbeit realisiert hat.

In einem kleinen kafkaesken Dorf, das noch ganz unter den Erinnerungen eines vor wenigen Jahren beendeten Krieges und der Widerstandsbewegung steht, taucht ein unbekannter Mann (Jean-Louis Trintignant) auf, der sich einerseits als Boris Varissa vorstellt und andererseits behautet, der Dorfheld der Widerstandsbewegung Jean Robin zu sein. Er lässt sich in dem Haus nieder, in dem Jeans Frau Laura (Zuzana Kocúriková) und Schwester Sylvia (Sylvie Turbová) mit ihrer Magd Maria (Sylvie Bréal) zurückgezogen leben und drängt jedem Dorfbewohner auf obsessive Weise seine widersprüchlichen Geschichten auf.

Was die „Wahrheit“ über Boris ist, ob der Protagonist lügt oder nicht, kann der Zuschauer bis zum Ende nicht entscheiden. Robbe-Grillet will keine kohärente Geschichte erzählen, sondern auf spielerische Weise mit der Sprache und Wirklichkeitselementen experimentieren. Das filmische Bild, das aufgrund seiner mechanischen Reproduktion der Wirklichkeit bei Rohmer Garant absoluter Authentizität und Wahrheit ist, wird bei Robbe-Grillet Träger einer fundamentalen Widersprüchlichkeit. L’homme qui ment verwendet ein „natürliches“ Dekor – einen echten Wald, ein echtes Schloss, eine echte Herberge –, dessen überkommener Realismus durch diverse Strategien untergraben wird. Unvereinbare narrative Elemente, beispielsweise die Tatsache, dass Boris den ganzen Film hinweg und in Ereignisse, die teilweise Jahre auseinander liegen, den gleichen Anzug trägt, zwingen den Zuschauer dazu, seine Hypothesen über die filmische Wahrheit ständig und unauflöslich zu revidieren.

L’homme qui ment

Zum anderen bricht Robbe-Grillet die im konventionellen Kino existente Hierarchie auf, in der der Ton als purer Klangeffekt dem Bild untergeordnet ist. Er greift die Geräusche aus ihrem Bildkontext und entwirft eine Tonpartitur, in der sich ein autonomer Diskurs in Interaktion mit dem Bild entwickelt. Zu Beginn des Films ist das Klopfen eines Spechtes zu hören, der im Bild nie gezeigt werden wird und auch sonst keinerlei narrative Funktion hat. Das Geräusch verliert seine Vertrautheit; seine referentielle Funktion (der Verweis auf das Tier) wird überlagert von seiner musikalischen Funktion innerhalb einer komponierten Serie von anderen Geräuschen.

„Die Wirklichkeitsfragmente anders arrangieren, um mich an die Stelle der Welt zu setzen, die mich bedrückt“, ist Robbe-Grillets Intention. Sein Film liefert keine Reproduktion der Realität, sondern ein autarkes System der Selbstreferentialität, in der sich das Spiel einer ungewissen, ständig neu lancierten, nie abgesicherten Geschichte entfaltet.

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